Kein Tag ohne Gedichte
Kein Tag ohne ist eine lyrische Chronik der vergangenen zwei Jahre – persönlich, intim und zugleich Ilma Rakusas politischstes Buch. Vom 22.10.2020 bis zum 22.2.2022 vergeht für sie kaum ein Tag ohne Gedicht.
Was ist in dieser Zeit nur alles geschehen. Die andauernde Corona-Pandemie, die Wiedereroberung Kabuls durch die Taliban, Niederschlagung der Demokratiebewegung in Belarus und jüngst der schreckliche Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Ilma Rakusa ist Kosmopolitin, eine femme de lettre und Expertin Osteuropas. Dass sie diese grauenhaften und schockierenden Ereignisse nicht unberührt lassen, zeigen Zeilen wie diese: «du willst noch retten / was zu retten ist / nur wie? / ein Wechselbad ist diese Zeit / ihr Siegel: / Bitterkeit»
Bei all den aufwühlenden Ereignissen ist es Balsam für die lesende Seele, dass sich auch viele andere Kleinode in diesem Band finden, die Impressionen des Augenblicks wiedergeben, Traumprotokolle, sinnliche Beschreibungen der Natur, von Lauten und Lichtern, aber auch flüchtige Gedanken und inniges Gedenken – feingeistige Beobachtungen des Ephemeren, eingefangen in purer Poesie.
(Droschl Verlag)
Die Sprachen der Lyrik
Leta Semadeni betreibt ihr dichterisches Werk als Verdichtung: Sie verwirft Worte, streicht sie durch. Dazu in Kontrast tritt Ilma Rakusas neuer Gedichtband Kein Tag ohne, worin die Autorin ihre Empfindungen anreichert, weitet und einkreist, wiederholt und bekräftigt. Der Band ist ein lyrisches Diarium, das alle paar Tage, ja mitunter täglich, in einem Gedicht festzuhalten versucht, was auf die Dichtende an Eindrücken und Geschehnissen einprasselt. Er bestreicht die Spanne vom 22. Oktober 2020 bis zum 28. Februar 2022: die Zeit also zwischen dem Covid-Lockdown und dem russischen Überfall auf die Ukraine. Zwischen diesen Eckpunkten wird in Belarus ein Aufstand niedergeschlagen, ist der Sommer düster und verregnet, erkrankt der Sohn und nehmen die Taliban Kabul ein.
Ilma Rakusa liest Zeitung, hört Radio, schaut in den Garten hinaus; sie klagt über das Alleinsein im Lockdown, fühlt sich wehrlos gegenüber den täglichen Nachrichten. So horcht sie schreibend in sich hinein, um zu ergründen, wie all diese nahen und fernen, politischen und persönlichen Eindrücke in ihr nachhallen. Im lyrischen Selbstgespräch findet sie ein Ventil für Ängste, Sorgen und Gefühle der Ohnmacht. Mit ihren Versen versucht sie Haltung, Zuversicht und das Staunen zu bewahren, auch wenn immer wieder Flucht, Krieg, Gewalt in sie einsickern. Das Jahr 2021 beginnt sie mit den wunderbar tröstlichen Zeilen beim Beobachten der Vögel im Garten:
und nein: sie lassen sich
nicht unterkriegen
wer heute singt
muss morgen nicht tot sein (1. Januar 2021)
Insgesamt liegt diesen Gedichten ein lyrischer Impetus, ja Furor zugrunde, der zur Rede drängt, sich ausdrücken, aussprechen will. Kein Tag ohne ist dergestalt kein sublimer Gedichtband voller lange gereifter Verse, eher ein Nachhall auf das Alltägliche. Am 15. April hält Rakusa fest, «wie Alltagsslang sich ins Gedicht schleicht / es nonchalant unterwandert». Was hier nach Kritik klingt, holt sie selbst ein, wenn sie «gekillt» oder die «gelockdownte Zeit» in eine Überschrift setzt. Sie lässt sich sogar, wenn es um den Krieg und um den Herrscher in Moskau geht, lyrisch gehen: «Herr Kremlchef mit Ihrer Fresse / Hören Sie zu» (26. Februar 2022).
Diese Schwanken zwischen poetischer Finesse und und vulgären Formulierungen markiert kein Scheitern, sondern eine dichterische Realität. Schon im Oktober 2020 schreibt sie von einem «Gedichtverlauf mit ungewissen Zeilen / die Worte streiten um Gewicht», um kurz danach zu notieren: « es gibt kein Siegen / es gibt Gelingen manchmal in den kleinen Dingen / wenn eine Silbe zu der andern passt als wär es Liebe».
In diesem Widerstreit halten sich Freude und Klage, Politisches und Persönliches die Waage. Doch immer verraten diese Gedichte die gewiefte Lyrikerin, die andeutet, Bilder entwirft, Gegensätze miteinander verknüpft. Ihre Verse sind frei und dem Empfinden nach rhythmisiert, sie finden eher zufällig, spontan zu Endreimen oder Alliterationen, die lyrischen Halt verleihen. Doch es ist nicht das einzelne Zauberwort, das die Autorin auf die Waage legt, sondern ein Empfinden, ein Befinden, das sie auf den dichterischen Zeitstrahl legt. So wird dieser Band zur Fundgrube, seine Lektüre lässt auch ein Hinweglesen oder Überblättern zu, um im richtigen Moment an einem Bild oder einer Sentenz hängen zu bleiben, die nachklingen – wie beispielsweise dem Zitat der jung verstorbenen iranischen Dichterin Forugh Farrochsad: «Behalte den Flug im Gedächtnis / der Vogel ist sterblich».
Aus: «Die Sprachen der Lyrik». Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 23. 01. 2023.