Doppelleben Roman
Der Roman nimmt uns mit zu Jules und Edmond de Goncourt, die alles teilten: das Haus, die Gedanken, die Arbeit, die Geliebte. Zu zweit gingen sie zum Treffen mit Flaubert, Zola und anderen Künstlern ins Palais der Cousine des Kaisers, in Ausstellungen und zu Restaurantbesuchen mit Freunden und Bekannten. Und danach lästerten sie ab über alle, die sie getroffen hatten, im geheimen Tagebuch, das sie gemeinsam führten. Berühmt-berüchtigt waren sie für ihren Blick, dem angeblich nichts entging, und ihre spitze Feder, die alles notierte. Bis Jules unheilbar erkrankte …
Und der Roman nimmt uns mit in die Gegenwelt: zu Rose, ihrer Haushälterin, die zum Hausstand gehört wie ein Möbelstück. Die unbemerkt von den Brüdern existenzielle Dramen durchlebt, sich hoffnungslos in den Falschen verliebt und von ihm schamlos ausgenutzt wird, die ein Kind austrägt, ohne dass die Brüder es bemerken, es gebiert, liebt und später auch verliert; die Trinkerin wird und ihre Dienstherrn hintergeht und bestiehlt, ohne dass diese es merken. Bis sie stirbt und den Brüdern ein Licht aufgeht …
»Doppelt« leben Jules und Edmond de Goncourt im 19. Jahrhundert: Sie wohnen zusammen in Paris, nehmen gemeinsam am kulturellen Leben teil, schreiben sogar zu zweit Tagebuch und Romane. Ein »Doppelleben« führt ihre Haushälterin Rose: Die treue, pflichtbewusste, scheinbar farblose Dienerin hat einen Geliebten, wird schwanger und gebiert ein Kind, das zu ihrer Verzweiflung bei einer Amme stirbt, ist rasend eifersüchtig und lässt sich ausnützen, wird zur Alkoholikerin und schließlich zur Diebin – dies alles völlig unbemerkt von den beiden feinsinnigen Herren. Minutiös wie ein Autor des 19. Jahrhunderts beschreibt Alain Claude Sulzer den »blinden Fleck« im Auge seiner Protagonisten, den Schrecken eines zweifachen Todes und der unausweichlichen Einsamkeit. (Ruth Gantert in Viceversa 17, 2023)