Blutbuch
Roman

Die Erzählfigur in Blutbuch identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem schäbigen Schweizer Vorort, lebt sie mittlerweile in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Grossmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Grossmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Grosstante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie.
Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet.

(Dumont Buchverlag)

Im Schatten der Blutbuche

von Beat Mazenauer
Publiziert am 04.10.2022

«mensch schwimmt ein Leben lang, um aus den Meeren herauszukommen.» Kim de l'Horizon macht sich eine sprachliche, französisch geprägte Spezialität des Berndeutschen zu eigen, um zwei Wortbedeutungen vielsagend übereinanderzulegen. Ein Meer ist ein weites Element, auf dem allerhand Schwemmgut treibt, das sich an den Küsten ansammelt. Eine Meer (mère) steht aber auch für die Mutter und die Grossmutter, Meer und Grossmeer, die dem Kind das familiäre Schwemmgut hinterlassen haben: «vererbte Wunden», die Kim de l'Horizon einzusammeln beginnt, um im Spiegel der Grossmeer die eigene queere Existenz zu reflektieren. Sie wird zur Instanz, die das genderfluide, non-binäre Erzähl-Ich ansprechen möchte, allerdings nicht mündlich, dafür ist die Distanz zu gross und die Zeit nicht reif. So tastet es sich schriftlich heran:

Beispielsweise habe ich »es« dir nie offiziell gesagt. Ich kam einfach mal geschminkt zum Kaffee, mit einer Schachtel Lindt & Sprüngli (der mittelgrossen, nicht der kleinen wie üblich), oder dann später in einem Rock zum Weihnachtsessen. Ich wusste, oder nahm an, dass Mutter es dir gesagt hatte. »Es«. Sie hatte »es« dir sagen müssen, weil ich »es« dir nicht sagen konnte.

Der literarische Text schafft jene Sicherheit, die eine solch intime Anrede erlaubt. Die Grossmeer ist für das Grosskind eine durchaus ambivalente Figur, ein Ozean, ein Drache, eine Eishexe, eine Frau «mit schlechtem Geschmack» und rassistischen Ansichten. Gleichwohl ist sie auch ein Anziehungspunkt, in deren weibliche Genealogie das erzählende Ich sich selbst einreiht, um zu verstehen, «wie es war, du zu sein: eine gewöhnliche Frau des unteren Mittelstandes in der Schweiz des 20. Jahrhunderts».

Im Titel Blutbuch stellt Kim de l'Horizon dem Ozeanischen eine zweite Metapher zur Seite, in der das Fluide, Entgrenzende mit dem Stämmigen, Bodenständigen verbunden ist und auf die Blutbuche im Garten des Elternhauses verweist, die der Urgrosspeer einst für die Grossmeer gepflanzt hatte. Damals war die Welt noch in Ordnung. Es gab zwei Geschlechter und der Mann war das Oberhaupt. Das wurde auch dem Kind als Doktrin mitgegeben: «Wann muss man sich entscheiden. Ob man Mann oder Frau wird?», erinnert es sich an die entscheidende Frage.

Aus diesem autofiktionalen Spannungsfeld entwickelt Kim de l'Horizon ein poetische Selbstsuche, die sich so kunstvoll wie furios, so 'angestrengt popliterarisch schwubulierend' im Prozess des Schreibens entfaltet. In fünf Kapiteln und Akten sucht das Erzähl-Ich Halt, Gewissheit, Erkenntnis in viele Richtungen, getreu einem vorangestellten Motto von Deleuze und Guattari: «Wann immer wir denken, dass wir Erinnerungen produzieren, sind wir in Wirklichkeit mit Formen des Werdens beschäftigt.» In fünf Kapiteln oder Akten öffnet es sich seiner Grossmeer, um die Erinnerung an sie wachzuhalten, bevor sie im Nebel der Demenz verloren zu gehen droht.

Blutbuch listet das Schwemmgut der Grossmeer auf, das an sie erinnert: die Hände, die vielen Truckli, die Fotzelschnitten – Erinnerungen, die «sich äusserst intim anfühlen, die aber unpersönlich, kollektiv sind». Nicht zu vergessen ist der Kleiderkasten, aus dem der Bub sich damals die Mädchenkleider herausfischte und dafür gescholten wurde. Mit der Grossmeer lebt die eigene Kindheit wieder auf: die Familie, der Garten, die Meer, die ihr eigenes Leben wegen dem Kind aufgegeben hat; all das Verborgene und Verbogene im Schatten der Blutbuche, mit dem das Kind nicht fertig geworden ist. Der Blutbuche selbst gilt eine ausgedehnte Recherche, genauer der «Mutterblutbuche», deren Züchtung als beliebter Parkbaum auch von Blut und Boden, Natur und binärer Ordnung zeugt. Ihm stellt das erzählende Ich die Genealogie der mütterlichen Linie entgegen, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und von Vernachlässigung, Unterdrückung, Gewalt, aber auch von Hexen, Eigensinn und Widerstand erzählt. Hier fühlt sich das erzählende Ich besser aufgehoben als in der männlichen Geschichte der Sieger und Namensgeber.

«Ich töte meine Eltern nicht», heisst es einmal: «Ich bringe meine Mütter zur Welt» – und mit ihnen sich selbst. Die literarische Erinnerung und Annäherung sucht nach Kristallisationspunkten für die eigene non-binäre Identität, für die damit verbundenen Selbstzweifel. Letztere strahlen auf das Schreiben selbst aus. Immer wieder wird die Arbeit durchlöchert von der «ausgeprägten Libido», dem körperlichen Begehren, der expliziten Lust, die Befriedigung darin findet, dass sich das Ich erniedrigt: «ich werde so richtig feucht, wenn man mich wie die billigste Nutte behandelt».

Es lebt gefährlich, wird drastisch deutlich, es ist ständig von «Mikro- und Makroaggressionen» bedrängt. Die gender-fluide Queerness wird als störend und irritierend taxiert, weil sie die normativen Muster unterläuft. Auch die homosexuelle Szene bleibt dem erzählenden Ich fremd, «weil Schwulsein geht ja nur, wenn mensch daran glaubt, dass es zwei Geschlechter gibt». So schlägt es mit expliziter Wortwahl auch «das Erbe der protofaschistoiden Sexualität schwuler Männlichkeiten aus», die «keine Frauen und nichts Weibliches duldete».
So findet das Ich zuhause auf der Couch liegend, malträtiert und mit zerschlagenem Kiefer krank geschrieben, in der Not und im Schmerz Zeit, seinen noch bruchstückhaften Stoff wieder aufzunehmen:

darum kann ich jetzt darüber schreiben, drinkedridrunk as Fickedifunk, bin grad ziemlich absinthe-minded, ich bin not that innocent, oh Misters, nein, ich bin sauvage, ich bin ein orage, ein Unwetter, ich entwurzle selbst mächtige Steineichen, aber ich behalte meine Blitze hoch oben, denn ich weiss, da in der Stadt, in meinem normalen Habitat, da kann ich meine Gewitterzellen nicht ausregnen ...

Das Zitat demonstriert, wie Kim de l'Horizon die Leserschaft vital, ungebärdig, sich weder um moralische noch politische Korrektheit kümmernd mitnimmt auf eine Reise, die queer durch das eigene Bewusstsein, den eigenen Körper, die non-binäre Identität führt. Dabei wird die Exaltiertheit des erzählenden Ichs immer wieder auch zurückgebunden an eine reflexive, selbstironische Schreibweise, die Erinnerungen an die Kindheit und an die Grosmeer festmacht. In der Sprache, die authentizitätsstiftend gerne dialektale Einsprengsel enthält, fühlt es sich zuhause, aber nicht geborgen, denn: «Die Meersprache ist kein Zuhause. Sie ist eine Drohung.» Und das spätere universitäre Idiom hebt das Ich über seine Herkunft hinaus – auch dies ist ein Moment der Scham. Deshalb muss der Sprachfluss sich am Brüchigen der Existenz stossen. Blutbuch ist ein Buch gegen das Vergessen ebenso wie ein «Buch der Angst». Deshalb, so das Erzähl-Ich, ist der letzte und fünfte Teil in Englisch geschrieben: «I'm still scared of you, Grandma, scared of what you will do when you read all of this.»

Mit diesem Gegenpart entgeht Kim de l'Horizon der Gefahr, in einer Ich- und Authentizitätsfalle stecken zu bleiben. Die Grossmeer steht auch für eine gesellschaftliche Sphäre, die dem erzählenden Ich entgegentritt. Dabei spielt nicht nur der Körper eine Rolle, auch Studium und Schreiben erzeugen einen Raum, in dem Scham und Lust einander (durch)kreuzen. Dieses Spannungsverhältnis wird produktiv aufgehoben im rhythmisch schnell getakteten Wechsel von verletzlicher, sachlicher, exaltierter und, wie es einmal heisst, «aufgekratzter Erzählstimme». Entscheidend für die Intensität dieser Prosa ist aber, dass dahinter stets ein unteilbares Individuum steckt, das den vielschichtigen Text beglaubigt. Es geht ums Existentielle. Thematisch wie sprachlich erinnert Blutbuch so auch an X Schneebergers Neon Pink & Blue von 2020, der sich vergleichbar exaltiert und sprühend mit dem queeren Leben auseinandersetzt.

Ganz zum Schluss spannt Kim de l'Horizon nochmals den Fächer auf:

Meine Muttersprache ist das Reden. Meine Vatersprache ist das Schweigen. Und meine eigene Sprache sind Zungen, und meine Zungen tropfen, tröpfeln, verschwimmen, strömen, wurzeln, fließen.