Ich bin doch auch ein Tier – Eu sun bain eir sco tü Gesammelte Gedichte Rätoromanisch – Deutsch
Während in Leta Semadenis Romanen die Lyrikerin unverkennbar ist, kommen in den Gedichten Bilder der Romane zurück: ein Kind, das traumverloren mit einer Ziege spricht, der alte Mann mit den seidenen Füssen, der auf die Jagd ging, der Geruch einer roten Schote, der eine Zeitkapsel aufspringen lässt.
Es sind Momentaufnahmen im Hier und Jetzt – ein Gedicht ist mit «Fotografia spontana» überschrieben – oder Streiflichter auf die Kindheit, auf die Bergwelt, wo Rabe, Wolf und Fuchs ein Geheimnis haben. Fast unbemerkt spannt sich der Bogen zu den großen Fragen, den archaischen Zweifeln und den Wundern der Natur, wobei eine Lust am Spiel mit der Illusion und der Sprache immer spürbar bleibt: Vertrautes wird auf den Kopf gestellt, neue Bilder entstehen. Auch eine Anleitung zum Lesen findet sich in dem zweisprachigen Band, der Leta Semadenis schönste Gedichte versammelt:
Leg / das Herz / in die Lücke / Spring
ohne Netz / auf die nächste / Zeile
(Atlantis Verlag)
Die Sprachen der Lyrik
Leta Semadeni ist mit ihrer Erinnerungsprosa Tamangur (2015) und mit Amur, großer Fluss (2021) bekannt geworden. Zuvor aber hat sie Lyrik geschrieben, zweisprachig in ihrem heimischen Idiom Vallader und auf Deutsch. Sie ist gewissermassen eine Übersetzerin in eigener Sache, wobei sich die beiden Sprachen gegenseitig befruchten. Die Zweisprachigkeit ist nie deckungsgleich, mögen sich die Gedichte inhaltlich auch spiegeln. Metaphorik und Prosodie behalten je ihren Eigensinn.
Der Band Ich bin doch auch ein Tier/Eu sun bain eir sco Tü versammelt eine repräsentative Auswahl aus ihrem lyrischen Werk. Semadenis Handschrift zeigt sich darin auch all jenen, die bisher nur ihre Prosa kennen. So wie die Autorin in dieser Erinnerungen und Beobachtungen behutsam, zurückhaltend notiert und dabei Lücken lässt, so zeichnen sich die Gedichte durch Verdichtung und Verschiebungen aus, die Raum lassen für eine offene Lektüre. Programmatisch formuliert sie es im Gedicht «Gedichte schreiben». Jedes Wort, heisst es darin, dass nicht gewählt oder verworfen worden sei, schreie, rufe nach Wörtern:

Was am Ende des poetischen Arbeitsprozesses auf dem Blatt stehen bleibt, ist die Essenz dessen, was gesagt sein möchte. Insofern sind Semadenis Gedichte auch ein Abbild ihres Hangs zum Wesenhaften, Elementaren, das sich darin aufgehoben findet. Die Titelzeile «Ich bin doch auch ein Tier / Eu sun bain eir sco tü», dem «Monolog für die Uhuin Anastasia» («Monolog per la püffa Anastasia») entnommen, steht für eine Sehnsucht, den eigenen Erfahrungshorizont zu durchbrechen und erweitern, in die immer wieder beschworene Nacht einzutauchen und Zugang zu einem Wissen zu erhalten, das mehr ist als das von Menschen, «die nachts dastehn / wie die Zäune des Gartens».
Wie der Blick der Uhuin übt das Wesen des Tieres einen zauberhaften Reiz aus, weswegen viele dieser Gedichte förmlich von Tieren bevölkert sind: von Wölfen, Ziegen, Kühen, Dohlen etc.

Das Wesen der Tiere bleibt für das lyrische Ich rätselhaft – zugleich fühlt es sich, beispielsweise von der Ziege, «durchleuchtet und verfolgt durch das Feuer meiner Tage». Das unbescholtene Wesen des Tieres schaut und durchschaut den Menschen, so zumindest empfindet es die Autorin. Nur «in meinem Leben als Fuchs / war ich alles», hebt sich das Befremdliche auf, verfliegt die Angst.
Mit den Tieren der Heimat treten immer auch die Jahreszeiten, die Landschaften der Heimat (und manchmal auch Landstriche ausserhalb) ins Blickfeld und mit ihnen die Erinnerungen daran: das Kind von einst, der Küchentisch, Grossvater, Freundinnen, die Wolken über dem Tal. In jedem Fall aber vermeidet es Leta Semadeni, auszumalen, was sie lyrisch hervorruft. Sie behält sich das Recht auf Unerlöstes, Rätselhaftes vor – fein umweht von leiser Melancholie. «Doch wenn man es weiss, ist man schon auf dem besten Weg, es zu verlieren», heisst es in Amur, großer Fluss. Das gilt erst recht für ihre Gedichte und ihr «kratzendes Geräusch / beim Trennen / des gegenwärtigen / vom Lauernden» («Quel pitschen murmuri / cun separar il preschaint / da quel chi vaglia»).
Aus: «Die Sprachen der Lyrik». Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 23. 01. 2023