Hitzewelle
Roman

Brütende Hitze. Kein Strom. Kein Wasser. In dem Moment, als alles zum Erliegen kommt, da – endlich! – passiert etwas in Jonathans Leben.
Es ist Samstag, und samstags geht Jonathan im Supermarkt einkaufen. So wie er von Montag bis Freitag zur Arbeit geht. Bei einer Umfrage zu sozialem Verhalten konnte er drei Kontakte nennen. Dass ihn jetzt aber die Kassiererin auf seinen heutigen Geburtstag aufmerksam machen muss, gibt ihm zu denken. Nur – die Hitze lähmt seit Wochen, und nun fällt noch der Strom aus. In Jonathans Kühlschrank macht sich fauliger Geruch breit, draussen erliegt das Leben. Als es auch bei der Wasserversorgung Probleme zu geben scheint, entfaltet die Hitzewelle ihre magische Dynamik: Jonathan trinkt Sherry mit den Nachbarn, die Begegnung an Kasse 18 fängt an, ihn näher anzugehen, und auf seinem Balkon geschieht ein kleines Wunder.
Lakonisch und mit feinem Humor erzählt Fabienne Maris von einer unerwarteten Verwandlung, die ganz im Stillen losbricht, langsam Fahrt aufnimmt und dank eines ungewollten Rauschs in eine wahre Ausschweifung mündet. Ein ebenso überraschendes wie zauberhaftes Debüt.

(Atlantis Verlag)

Die Verwandlung eines liebenswürdig-verschrobenen Protagonisten

von Ladina Caduff
Publiziert am 17.10.2022

Der Titel von Fabienne Maris’ Debüt evoziert eine Erwartung, die zum Glück nicht eintrifft. Denn Hitzewelle reiht sich nicht in jene Vielzahl von Büchern ein, derer man etwas überdrüssig sein mag, da man sich im täglichen Leben schon zur Genüge mit dem Thema der globalen Erwärmung konfrontiert sieht. Zwar spiegelt der Roman mit seiner Szenerie eines übermässig heissen Sommers eine mögliche Folge des Klimawandels, die viel wichtiger scheint als die namenlose Kleinstadt, in der die Geschichte spielt, dennoch lässt er sich nicht dem boomenden Genre der «Climate Fiction» zuordnen. Vielmehr handelt der Roman im Kern von der Verwandlung eines liebenswürdig-verschrobenen Protagonisten, dessen Leben dank den Begebenheiten während des klimatischen Ausnahmezustands ganz neue Dimensionen annimmt.

Jonathan ist Mitte dreissig und führt ein ziemlich ereignisloses Leben. Seine Wochentage gestalten sich immer gleich. Abends kocht er sich etwas, liest die Gratiszeitung oder scrollt an seinem Handy. Danach schaut er die Nachrichten im Fernsehen. Samstags erledigt er seine Einkäufe und wäscht seine Kleider, sonntags kauft er frisches Brot und die Zeitung im kleinen Lebensmittelgeschäft in der Nähe von seiner Wohnung und unternimmt Spaziergänge im Quartier. Er ist ein ruhiger Mensch, Freundschaften pflegt er keine. Seinen Grossvater besucht er nicht mehr, weil es ihm unangenehm ist, dass er nichts zu erzählen hat. Er führt also ein durchaus von Monotonie gekennzeichnetes Leben.

Dass Jonathan als Archivar arbeitet, überrascht nicht. In Literatur und Film scheint es inzwischen zum gängigen Topos geworden zu sein, mit diesem Beruf das langweilige und biedere Leben von Protagonistinnen und Protagonisten zu verkörpern, wie es jüngst auch in Peter Stamms Roman Das Archiv der Gefühle der Fall war.

Dass man es jedoch auch bei Maris nicht mit einer langweiligen Lektüre zu tun hat, lässt bereits der Anfang des Romans erahnen, wo die Kassiererin im Supermarkt Jonathan zu seinem Geburtstag gratuliert, den sie dank seiner Treuekarte kennt. Seinem Alter entsprechend möchte sie Jonathan Treuepunkte schenken ... Er selbst hat seinen Geburtstag komplett vergessen. Solch kuriose, witzige Szenen finden sich in Maris’ Roman immer wieder und sind nicht zuletzt auch der Grund, weshalb sich der unbeholfene Protagonist ins Herz seiner Leserinnen und Leser stiehlt.

Die Autorin nähert sich ihrer Figur feinfühlig und warmherzig, sie entwirft den Protagonisten behutsam und lässt so den Eindruck entstehen, dass sie eine besondere Beziehung, ein liebenswürdiges Verhältnis, zu ihm pflegt. Die Sätze folgen mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit aufeinander, Maris erzählt unaufdringlich und gewitzt mit einem guten Sinn für Humor.

Jonathans eintöniges Leben nimmt eine ungewollte Wende, als er eines Tages eine SMS des Gesundheitsministeriums erhält, das eine Befragung zur sozialen Vernetzung durchführt. Aufgrund dieser Umfrage wird er als «sozial weitgehend isoliert» eingestuft. Folglich wird er zu Therapiestunden bei einer schrulligen Therapeutin aufgeboten. Die Therapie entwickelt eine komische, skurrile Eigendynamik. Derweil sorgt die Hitzewelle in Jonathans namenlosem Ort dafür, dass nichts mehr seinen geordneten Gang geht: Die Wasserversorgung macht Mühe, in den Supermärkten herrschen faulige Gerüche, ältere Menschen schwächeln, in den Arbeitsräumen ist es viel zu heiss, über Tage hinweg fällt der Strom aus. Es wird spekuliert, wer für diese Ausfälle zuständig ist, man misstraut dem Staat, die Menschen protestieren auf der Strasse.

Während die Welt um Jonathan herum aus dem Lot gerät, merkt er, dass er sich in diesem Chaos ganz wohl fühlt. Die Hitzewelle löst eine Kette von Ereignissen aus, die sich positiv auf sein Leben auswirken: In seinem Wohnhaus schliesst man sich zusammen, um die Wasserversorgung zu organisieren, im Lebensmittelladen spricht er mit seiner Nachbarin über die Stromunterbrüche, es ergeben sich notgedrungen Gespräche über die Vorkommnisse und man bietet einander Hilfe an, wo es notwendig ist. Einer ganz besonderen Frau, die Jonathans Interesse weckt, begegnet er auch zufällig immer wieder. Zunehmend scheint sich Jonathan der Isolation zu entziehen. Als er sich von einem Demonstrationszug treiben lässt, muss er feststellen, dass ihm diese Menschenmenge gar behagt.

Diese Demonstration führt schliesslich in eine phantastische Szene, die ein wenig pathetisch anmutet und symbolisch überfrachtet ist; ihre Aufgabe ist es jedoch, die Möglichkeit eines Neubeginns für Jonathan kenntlich zu machen. Was würde er verpassen, wenn er sein ödes Leben einfach weiterlebte? Wird es ihm gelingen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich von seiner passiven Rolle zu befreien? Jonathan wird zur Identifikationsfigur für Leserinnen und Leser und animiert zur eigenen Glückssuche. Fabienne Maris gelingt ein vergnügliches und feinfühliges Debüt.