Alles ist noch zu wenig
Roman

Drei Generationen zwischen Verantwortung und individueller Freiheit
Alles ist noch zu wenig erzählt rasant und mit entwaffnender Menschenkenntnis von allgegenwärtigen Gräben zwischen Stadt und Land, Ost und West, Alt und Jung. Dabei geht es immer wieder um die Erwartungen, die wir an unsere Familie stellen – und den Widerwillen, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Weil seine Mutter Inge nach einem Sturz nicht mehr gut laufen kann, beschließt Carsten, mit seiner fünfzehnjährigen Tochter Lissa für ein paar Wochen zu Inge in die ostdeutsche Provinz zu fahren. In der Enge des Dorfes und im Alltag ihrer seltsamen Wohngemeinschaft kollidieren unterschiedliche Lebenserfahrungen und Vorstellungen. Wo zunächst nur Unverständnis herrscht, sind Großmutter, Sohn und Enkelin schließlich gezwungen, einander neu kennenzulernen. Denn eine gemeinsame Sprache sprechen sie seit Jahren nicht: Inge schmollt lieber, als um Hilfe zu bitten. Carsten schiebt Dienstreisen vor, um Reißaus nehmen zu können. Und Lissa fühlt sich allein mit ihren Ansichten von einer gerechteren Welt. In Alles ist noch zu wenig schreibt Katja Schönherr federleicht und gleichzeitig beeindruckend feinsinnig von überzogenen Erwartungen, bissigem Schweigen und vorsichtiger Annäherung. Dabei umkreist sie eine Frage, die drängender nicht sein könnte: Was schulden wir unseren Nächsten – und was uns selbst?

(Arche Verlag)

Generationen- und Genderkonflikte zwischen Stadt und Land

von Verena Bühler
Publiziert am 25.08.2022

Eine 84jährige Frau, Inge Ruck, ist die Treppe in ihrem Haus hinuntergestürzt, die sie über achtzig Jahre lang problemlos gemeistert hatte, und liegt mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Wer kennte keinen Fall wie diesen? Sie realisiert, dass sie vermutlich niemals wieder allein gehen können wird und ihre Gedanken kreisen ums Altwerden und um ihre beiden Kinder Carsten und Jens. Auch in diesen Gedanken findet sich nichts, das wir nicht wiedererkennen würden als typisch für Familien, deren emotional geschädigte und sozial unfähige Mitglieder sich selbst und einander das Leben schwermachen.

Das Buch beginnt mit der alten Frau und ihrer Alterseinsamkeit, ihren Ängsten, den egoistischen, unerfüllten Erwartungen an ihre Söhne. Sie findet Carsten, den sie insgeheim immer etwas bevorzugte, herzlos, und Jens, den älteren, der nach Amerika ausgewandert ist, hat sie schon lange abgeschrieben.

Die Perspektive des Romans wechselt zu Carsten. Er sieht sich umgeben von Frauen, die Forderungen an ihn stellen – seine Ex-Frau Sabine, seine 15jährigen Tochter Lissa, seine Mutter und seine wechselnden kurzen Liebschaften. Um ihren Ansprüchen an ihn auszuweichen, hat er sich angewöhnt, Dienstreisen nach Brüssel vorzutäuschen. Das tut er zunächst auch, als seine Mutter ihn anruft und ihm mitteilt, dass sie gestürzt sei und erwartet, dass er sie im Krankenhaus besucht.

Die Standardlüge mit den Dienstreisen hat seine Tochter längst durchschaut. Im Übrigen vereint Lissa sämtliche negativen Eigenschaften eines weiblichen Teenagers auf sich, die man sich so vorstellt. Erbarmungslos erkennt und benennt sie die Schwächen der Menschen: Frauen schaffen sich Kinder an, nur um der Sinnfrage für eine Weile zu entkommen und beruhigen ihr Gewissen damit, dass sie Naturkosmetik in Plastikverpackungen kaufen. Männer tragen Taschen voller Billigfleisch vom Supermarkt nach Hause, ohne Bewusstsein dafür, wie ernst es um das Klima steht. Lissa wohnt bei ihrer Mutter und deren Freund Thom, ist launisch und hat keine Lust auf die Schule und keine Lust darauf, Zeit mit Familienmitgliedern zu verbringen. Jedes zweite Wochenende ist sie bei ihrem Vater. Ob in der Familie oder in der Schule, Lissa hat sich angewöhnt, immer direkt zu sagen, was ihr durch den Kopf geht und sie denkt und spricht immer aus einer Position der moralischen Überlegenheit.

Auch die Nebenfiguren verhalten sich problematisch: Carstens Ex will mit ihrem Freund in ein Haus aufs Land ziehen und Lissa zu Carsten abschieben, Inges Nachbarin Ulrike ist nie aus dem Dorf hinausgekommen, opfert sich für ihre Kinder und ihre pflegebedürftige Mutter auf und kann Carstens übergriffigen Forderungen keine Grenzen setzen.

In diesem 315 Seiten starken Roman wird eine Konstellation von Personen eingeführt, die zunächst wenig Lust macht auf die weitere Handlung. Zu absehbar scheinen die Beziehungskonflikte, sogar wer gleich was zur Begrüssung oder als Kommentar zur Kleidung des anderen sagen wird, bekommt der Leser von den Figuren vorausgesagt und es trifft dann auch prompt so ein. Jede Situation, die sich ergibt, hat man offenbar schon mehrmals durchgespielt und jede Nachricht wird mit dem Beziehungsohr gehört. Die repetitiven Muster, in denen die Beziehungen dieser Charaktere stecken, lassen keine Öffnungen für Lichtblicke zu. Alle Beteiligten sind auf ihre Weise meistens egoistisch und lieblos.

Umso überraschender, dass mit Inges Sturz doch Bewegung in die Sache kommt, und man mit Interesse verfolgt, wie sich das eingeführte Personal verhält. Carsten übernimmt Pflichten, die er zunächst von sich gewiesen hatte. Er richtet mit Ulrikes Hilfe das Haus so ein, dass Inge keine Treppen steigen muss, wenn sie nach Hause kommt. Zusammen mit Lissa holt er seine Mutter im Krankenhaus ab, wenn auch mit Verspätung, und sie ziehen für einige Wochen bei Inge ein und betreuen sie. Das ungewohnte Zusammenleben in der dörflichen und familiären Tristesse fällt ihnen allen zwar nicht leicht. Zu mächtig sind die bitteren Erinnerungen, zu oft reagieren sie verletzt und verletzend. Doch es gibt mit der Zeit auch Momente von einer anderen Qualität: Am Küchentisch können sie plötzlich alle miteinander lachen, Lissa darf Inges Bank lila streichen und der mürrische Nachbar bringt ihr seine Schleifmaschine vorbei.

Schliesslich kommt es aber, wie es kommen muss: Inge lehnt eine Pflegerin zu Hause ab – «eine Polin kommt mir nicht ins Haus» - Carsten organisiert gegen ihren Willen einen Platz im Altersheim. Lissa findet es zwar schrecklich, die Grossmutter in ein Heim abzuschieben, doch schnell akzeptiert auch sie, dass die Idee, die alte Frau in ihrem Haus oder in ihrer Familie zu betreuen, völlig unmöglich ist.

Am Schluss des Romans lässt die Autorin sämtliche weiblichen Figuren auf Carsten losgehen: Ulrike nennt ihn direkt ein «Arschloch», die anderen geben ihm dasselbe auf andere Art zu verstehen. Als sich noch herausstellt, dass Carsten an der Arbeit eine Chefin hat, die beschlossen hat, das Projekt, das er leitet, einer jüngeren Kollegin zu übergeben, kippt die Situation ins Lächerliche und die Geschichte ist nicht mehr glaubwürdig. Die weiblichen Figuren mögen sich in Anlehnung an aktuelle gesellschaftliche Diskussionen gegen «toxische Männlichkeit» wehren, sie sind aber selbst ebenso «toxisch» im Sinn von emotional unfähig wie Carsten. Carsten flieht nach Berlin. In Sorge um seine Tochter, die sich am Handy nicht meldet, und um seine Mutter kehrt er schnell wieder zurück ins Dorf, wo er feststellt, dass Lissa nur deshalb nicht geantwortet hatte, weil ihr Akku leer war und sie kein eigenes Ladegerät dabeihatte.

Katja Schönherr schreibt handwerklich gut, sie stellt Charaktere und Beziehungen präzise dar. Meiner Ansicht nach hat der Roman zwei Schwachpunkte: Zum einen sind die Charaktere, wie sie am Anfang und am Ende des Romans präsentiert werden, allzu stereotyp und überladen, zum andern wirken die gelegentlich mitgelieferten psychologischen Analysen, die den Horizont der Figuren übersteigen, belehrend. Doch mit einem feinen Humor und einem Sinn für Ironie erreicht die Autorin, dass man als Leserin dranbleibt und die Lektüre Spass macht.