Vroeling

«Es grünt, die Sprache knospt, Dieter Zwickys Vroeling ist da. Dieses verschwenderisch kurze Buch führt von Polen quer durch Leib und Leben, reich an Schauplätzen, reich an Tönen, reich an Figuren der Seltsamkeit. Im Coiffeursalon Jeanrichard kommen betagte Damen unter die Haube, an den Olympischen Spielen von Melbourne knickt das Sprungbein eines Steepleläufers ein, außerhalb von Zabriskie kommt das Flüsschen Hrawjie sich und der Welt abhanden, während die Erzählerin an einem großen Gusseisenofen horcht. Sie, die Mutter, berichtet. Berichtet, wie es hätte sein können im polnischen Damals, in der helvetischen Etappe, im Outback eines gelebten Lebens. Zwerchfellein und -aus geht der Witz. Darunter führt der Grundwasserstrom der Sprache buntes Geschiebe, und die Rückschau auf ein Leben gerät zur mächtigen Auswärtsbewegung. Die Hrawjie, wie Sprachflüsse überhaupt, fließt ins Unbegangene. Zwicky lesen heisst durchs Mikroskop schauen und Landschaften sehen, mit Schleifwerken, Ameisenstraßen und Sickergewässern. Mit neuen Tier- und Pflanzenarten. Es grünt, Dieter Zwickys Vroeling ist da.» - Michel Mettler

(pudelundpinscher)

Kurzkritik

Auf das »Vaterbuch« Hihi – Mein argentinischer Vater (Wädenswil: pudelundpinscher, 2016) lässt Dieter Zwicky mit Vroeling ein »Mutterbuch« folgen: Listig dichtet er der Mutter eine polnische Kindheit in Zabriskie an, mit einem Halbonkel Mlido, dessen Hürdenlauf sie an den Olympischen Spielen von Melbourne verfolgt. Die Mutter erinnert sich, behauptet und erzählt, schluchzt, jauchzt, grinst und raucht. Zwischendurch sieht der Erzähler seine Großeltern in einem Coiffeursalon in Wabern. Wem das Lesen dieser schrägen Episoden und Sprachkapriolen zu viel abverlangt, kann dank der Hör-CD mit der Stimme des Autors in den irrwitzigen Zwicky-Sound eintauchen – Hören und Sehen vergeht einem so oder so. (Ruth Gantert in Viceversa 17, 2023)