Bruchpiloten Roman
Der Pilot ist abgestürzt auf dem Hang über dem Dorf. Der Vater und die Knechte haben ihn aufgesammelt, seinen zerschundenen Körper in Mutters Stube getragen. Die Mutter pflegt den Piloten, der im Fieberschlaf spricht. Wenn der Pilot träumt, träumt er vom Fliegen, und seine Worte wecken in der Mutter die Sehnsucht. Nach dem Fliegen, nach dem Fortgehen.
Aber die Mutter hat ein Leben im Dorf, am Berg, auf dem Hof. Sie hat eine Familie, hat den Vater, ihren Garten, ihre Hühner. Doch ihre Träume lassen sich nicht so leicht aussperren, sie schleichen sich ins Herz wie der Fuchs in den Hühnerstall.
Geschichten aus dem Dorf
Ein Flugzeug zerschellt am Berg oberhalb des Dorfs und versetzt die Bewohner und Bewohnerinnen in Aufregung. Die Männer eilen herbei, um den Piloten zu bergen, die Frauen schauen zu. Eine von ihnen bereitet in ihrem Haus alles vor, um den Schwerverletzten bei sich aufzunehmen. Die nächsten Tage wird sich die Aufmerksamkeit im Dorf um den Piloten ranken und um sein gelbes Flugzeug, dessen Überreste in der Scheune stehen.
Claudia Walders Debütoman spielt in einer bekannten Szenerie: das karge bäuerliche Leben in den Bergen, in die unverhofft die Moderne in Form eines Flugpioniers hereinbricht. Das erinnert an traditionelle Dorf- und Familiengeschichten. Hinter dieser Oberfläche wird allerdings schnell eine zweite Ebene spürbar. Die Autorin verwebt das spektakuläre Ereignis mit einer grossen, ungestillten Sehnsucht, welche die Protagonistin auf einmal befängt. Der Pilot, der zur Erde fällt, lenkt ihren Blick unweigerlich dahin, wo er herkommt: in den Himmel, über den engen Horizont hinaus. «Der Pilot träumt vom Fliegen. Vom Fliegen träumt der Pilot.» So setzt das schmale Buch ein. Der Pilot liegt komatös im Bett, das von der Protagonistin bewacht wird. Während der bäuerliche Betrieb ringsum weitergeht, alle in der Familie ihre Aufgaben erfüllen, schaut sie zu ihm, schaut ihm zu und beginnt seine Träume zu teilen. «Der Pilot träumt vom Fliegen, vom Fliegen träumt die Mutter», variiert die Erzählung den Refrain schon bald einmal. Dabei bleibt es: Der Traum vom Fliegen entfernt die Mutter innerlich von ihrem Mann und ihren vier Kindern. Aber sie weiss, dass sie die Familie nie verlassen würde, weil sie sie alle auch liebt. Sehnsucht und Geborgenheit halten sich die Waage.
Wie der Pilot dann aufwacht und und schliesslich abtransportiert wird, zerbricht dieses Gleichgewicht. Aber das Leben geht immer weiter, die Hühner müssen gefüttert, das Vieh auf die Alp getrieben werden, die Kinder werden grösser, verlassen das Haus, verheiraten sich. Solange hält die Pflicht der Sehnsucht stand – dann obsiegt letztere doch.
Es ist im Grunde nur ein Pilot, der bruchlandet, doch mit ihm gerät das häusliche Leben sanft aus der Balance. Der Pilot selber bringt es später, wie er aus dem Koma aufgewacht ist, auf den Punkt: «Wir sind alle Bruchpiloten.» Das ist tröstlich und desillusionierend zugleich. Die Mutter aber, ihre Kinder und schliesslich ihr Mann machen das Beste daraus und geben ihrer Sehnsucht freien Raum. Claudia Walder gelingt es, diese ganz und gar unspektakuläre Geschichte mit einer Schlichtheit und Reife zu erzählen, die schnell darüber hinwegtäuscht, dass es sich um eine einfache Begebenheit aus vergangener Zeit handelt. Es geht ums Ganze, steht zwischen den Zeilen: um das Sehnen und das Pflichtbewusstsein. Und um ihr Gleichgewicht. Das ist überzeugend schön erzählt, mit einem leichten Zug ins Märchenhafte, in dem das Exemplarische steckt. Wie halten wir es mit unseren Träumen?
Es gibt Hoffnung überall. Das geheime Zentrum und eigentliche Faszinosum dieses Buches ist aber vielleicht ein anderes – eine wahrhaftige Utopie: Die Menschen hier gönnen einander von Herzen die Träume vom Fliegen und Wegsein, auch wenn sie zuhause bleiben. Wo gibt es das schon? Hier, in dieser unaufgeregten Geschichte von den Bruchpiloten des Lebens, die nach ihren Niederlagen wieder aufstehen und den Himmel suchen. Es kann schon schiefgehen, doch es muss nicht.
Aus: «Geschichten aus dem Dorf: Neue Schweizer Debüts», eine Fokus von Beat Mazenauer für www.viceversaliteratur.ch, 11.5.2022