Mutters Krieg Roman
Ihr Vater war ein niederländischer Unternehmer auf Java, ihre Kindheit verbrachte sie barfuss im Inselparadies – bis der Zweite Weltkrieg und die japanischen Internierungslager kamen und sich alles für immer veränderte. Krieg, wie er auch später in ihrem Haus in Basel herrscht, wo sie mit ihrem Schweizer Ehemann und drei Kindern lebt. Krieg, der in der Familie omnipräsent ist und doch unfassbar. Der ihren ältesten Sohn krank macht, während sie sich innerlich aus der Gegenwart verabschiedet. Als die konfliktreiche Ehe zerbricht, zieht sie mit den Kindern nach Holland. Jahrzehnte später begibt sich ihr Sohn auf Spurensuche: Er will Mutters Krieg und dessen Folgen ins Auge sehen.
Peter Gisis Roman ist eine wunderschöne und grausame Reise in die Vergangenheit. Er fragt seine Mutter nach den Ereignissen auf Java, und in seinen eigenen Kindheitserinnerungen webt er mit grossartigen, phantasievollen Bildern den Schrecken weiter. Selten wurde so überwältigend und doch subtil über Traumata geschrieben.
(Lenos Verlag)
Rezension
Die braune Limmat vor dem Zugfenster und die üppige Vegetation in den Gärten seines Kleinbasler Wohnquartiers im warmen Mairegen vermischen sich in der Wahrnehmung des Ich-Erzählers mit Erinnerungen aus seiner Kindheit und mit den Bildern aus der Kindheit seiner Mutter, die er aus ihren Erzählungen kennt. Diese drei Ebenen des Romans führt der Autor auf den ersten zwei Seiten ein und sie bleiben das ganze Buch hindurch präsent, wechseln sich ab und mischen sich im Bewusstsein seines Ich-Erzählers.
Die wichtigste Figur im Leben dieses Ich-Erzählers ist seine Mutter. Sie wird als Tochter einer wohlhabenden niederländischen Unternehmerfamilie auf Java in Nederlands-Indië geboren, und erlebt als Zwölfjährige 1942 die Besetzung der Kolonie durch die Japaner. Ihr Vater wird ermordet und für die Mutter, sie und ihre Geschwister folgen Jahre der Internierung, in denen sie erlebt, wie die japanischen Soldaten mit äusserster Brutalität sowohl gegen die gefangenen Niederländer wie gegen die lokale Bevölkerung vorgehen. Als 17-jährige kann sie mit ihrer Familie nach Holland ausreisen. Die schrecklichen Erlebnisse und der Hunger, den sie in diesen Jahren erfuhr, prägen sie für den Rest ihres Lebens. Selbst als sie längst mit einem Schweizer verheiratet und Mutter von drei Kindern in Basel wohnt, beherrschen die unverarbeiteten Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend ihren Alltag.
Zumindest in den Aufzeichnungen ihres ältesten Sohnes, des Ich-Erzählers, der, wie man gegen Ende des Buches erfährt, mit Vornamen Peter heisst, also gleich wie der Autor. Der Name des Vaters im Buch samt dem Titel seiner Dissertation stimmen mit dem von Gisis Vater überein und den Namen der Mutter erfährt man in der Bildlegende zum Foto auf dem Buchumschlag, das gemäss Angabe «aus Familienbesitz» stammt. «Mutters Krieg» ist, so darf man also annehmen, die Geschichte des Autors Peter Gisi selbst und somit mehr poetisch ausgestaltete Autobiografie als Roman.
Der Autor versteht es, sich mit grosser Sensibilität in seine Kindheit zurückzuversetzen und aus der Perspektive des Jungen zu schildern, wie er sich damals verhielt und wie er sich fühlte, draussen beim Spielen, in der Schule, zu Hause. Beim Lesen entsteht aus den einzelnen Mosaiksteinchen das Bild einer Familie, die unter der Last der Traumata, die Mutter vom Krieg davongetragen hat, leidet und schliesslich zerbricht. Der Vater war öfters schockiert vom Verhalten seiner Frau, auch unfähig und unwillig, sich auf sie und den Krieg auf Java einzulassen. Das Kind Peter verstummt und zieht sich mehr und mehr zurück in seine eigene Fantasiewelt. Nach der Scheidung kehrt die Mutter mit den Kindern in die Niederlande zurück, wo sich Peter in einem Vorort von Den Haag in der Schule integrieren soll, was aber nur schon deshalb nicht funktioniert, weil er die Sprache nicht beherrscht. Er fällt auf durch unangepasstes Verhalten und durch eine scheinbare Emotionslosigkeit.
Die Perspektive des Kindes Peter wird ergänzt durch Tonbandaufnahmen, die er als Erwachsener 2011 macht. Er reist in die Altersresidenz in den Niederlanden, in der seine Mutter lebt und lässt sie ihre Geschichten auf Band sprechen. Er ist froh, das Gerät bei sich zu haben, denn «(i)ch löste mich wie ein Stück Zucker in Mutters Welt auf, wie immer.» Die Erinnerungen der Mutter sind im Buch kursiv gedruckt. Die Autobiografie Gisis entwickelt sich so entlang zweier Erinnerungsstränge. Einerseits zeigen sich viele Parallelen zwischen den Kindheiten von Mutter und Sohn, allen voran, dass sie beide unfreiwillig in andere Welten verpflanzt wurden, die Mutter mit 17 von Java in die Niederlande und der Sohn nach der Scheidung der Eltern mit neun Jahren von Basel ebenfalls in die Niederlande. Auch deutlich wird, wie stark die Geschichten aus Mutters Kindheit Peter beeinflussen. Die Fantasiewelt, in die er oft abdriftet, speist sich aus Bildern von Java, von wilden Tigern, Schlangen, Panthern, von Menschen und von üppiger tropischer Vegetation. Als er z.B. entdeckt, dass er den Klötzliparkett in der Basler Wohnung auseinandernehmen kann, wähnt er darunter das Meer mit Haifischen, die ihn angreifen, und sich selbst auf der Suche nach einem Schatz. Emotional hinterlassen die Vernachlässigung durch die Mutter, die sich sozial isoliert oder auch ihre plötzlichen und heftigen Reaktionen, die für Aussenstehende nicht nachvollziehbar sind, Spuren bei Peter. Als Sohn, der seine Mutter liebt und von ihr abhängig ist, will er ihr helfen, sie schützen vor ihren traumatischen Erinnerungen und vor dem Vater, der sie nicht versteht. Er leidet darunter, dass er diesen Anspruch an sich nicht erfüllen kann.
Der schulpsychologische Dienst in Basel, zu dem er geschickt wird, weil er in der Schule die schlechtesten Noten schreibt, empfiehlt dringend, den Jungen so schnell wie möglich von seinem gewalttätigen Vater wegzubringen. Dass der Vater gewalttätig gewesen sein soll, erwähnt der Sohn in seinen Erinnerungen sonst allerdings nie. Als Erwachsener überlegt er sich, dass sein Vater, ein Gymnasiallehrer und Intellektueller, enttäuscht gewesen sein muss, dass sein Sohn nicht einmal mit den Anforderungen der Primarschule zurechtkam.
Aufgeschrieben hat der Autor seine Erinnerungen schon vor längerem, bevor er die Geschichten seiner Mutter 2011 auf Tonband aufgenommen hat, wie er schreibt. Bis daraus ein Buch entstanden ist, hat es noch etliche Jahre gedauert, wie man den Jahreszahlen entnehmen kann. Ist das Aufschreiben der eigenen Geschichte eine Form von Therapie? Vermutlich. Sollen solche Erinnerungen auch veröffentlicht werden? Im Fall von Peter Gisi ja, denn sie reichen weit über das Persönliche hinaus. Zunehmend hat sich in den letzten Jahren die Forschung mit der Frage beschäftigt, ob und wie Traumata von Eltern, v.a. der Kriegsgeneration, an Kinder weitergegeben werden. Mutters Krieg ist ein erstaunliches Beispiel dafür. Weiters öffnet uns Peter Gisi die Augen für einen hierzulande kaum bekannten Aspekt des 2. Weltkriegs, den Krieg in Ostasien und schliesslich besticht dieses literarische Debüt durch seine immer situations- und personengerechte Sprache, die poetischen Bilder, das geschickt arrangierte Entfalten der Geschichte und durch Charaktere, deren Tragik einem nahegeht.