Ameisen fällt das Sprechen schwer Roman
Ameisen fällt das Sprechen schwer ist eine Geschichte über einen ganz normalen Menschen, der sich durch sein ganz normales Leben schlägt, ohne zu wissen, wer er eigentlich ist.
Peter Haller sucht das Büro, in dem er seit über zehn Jahren arbeitet. Am Tag zuvor hat er sein Gedächtnis verloren, und niemandem etwas davon erzählt. Was arbeitet er eigentlich? Er kennt die Namen der Mitarbeitenden nicht, weiss nicht, wen er hier kennt, wen nicht. Langsam geht er den Gang hinunter, wie er es in den letzten zehn Jahre unzählige Male getan hat. Wie lautet das Passwort zu seinem Computer? Hat er heute einen Termin? Nein, nein, die Tür von meinem Büro ist sicher angeschrieben, denkt sich Haller. Irgendwie wird das schon gutgehen. – Peter Haller versucht sich in seinem Leben zurechtzufinden. Er lernt seine Freunde erneut kennen, auch seine Freundin. Er beobachtet, hinterfragt und weiss am Ende mehr über seine Arbeit, als das Peter Haller vor dem Gedächtnisverlust darüber wusste. Doch Hallers Zustand verschlechtert sich. Zusehends verliert er den Kontakt mit der Realität.
(Knapp Verlag)
Fremd im eigenen Leben
Wer bin ich und was mache ich hier? Zwei Fragen, die uns meist nicht beschäftigen, weil sie ins Grundsätzliche zielen und Antworten darauf zwingend schwer fallen. René Frauchiger macht die Probe aufs Exempel in seinem Kurzroman Ameisen fällt das Sprechen schwer. Seine Versuchsperson heisst Peter Haller, er verliert während einer Zugfahrt nach Hause unvermittelt jede Erinnerung an sich selbst und an das Leben, das er dreissig Jahre lang geführt hat. Das Gedächtnis ist wie leergefegt. Selbst sein Name ist ihm entfallen, doch diesen kann er leicht rekonstruieren, als er in seinem Portemonnaie einen Ausweis findet. An welcher Station aber muss er aussteigen, wo und wie wohnt er, mit wem allenfalls? Auf alle diese Fragen muss er schnellstens eine Antwort finden, will er irgendwo nach Hause kommen. Auf seinem Krankenkassenausweis entdeckt er schon mal seine Wohnadresse. Und später auf dem Klingeltableau seines Hauses liest er einen zweiten Namen: Sandra Zuberbühl. Seine Freundin?
René Frauchigers Verfremdungseffekt mit dem verlorenen Gedächtnis ist ein ebenso witziges wie im Kern fingiertes Unterfangen. Es geht in seinem kurzen Roman weder um die Diagnose Demenz noch darum, ob alles genau so hätte stattfinden können. Die Kernfrage ist eine andere: Was ist das für ein Leben, das ich bisher geführt habe? Peter Haller fühlt sich gesund. «Kein Kopfweh, auch sonst keine Schmerzen. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern.» Angesichts des Aschenbechers auf dem Balkon seiner Wohnung weiss er nicht einmal, ob er Raucher ist. Die Aufgabe, die ihm sein Autor stellt, besteht darin, sein Leben als «Eindringling» einfach weiterzuführen, ohne sich etwas anmerken zu lassen und ohne sein Manko zu gestehen. So ergibt er sich darein, von Sandra «Schatz» genannt zu werden, auch wenn ihn das höchst seltsam anmutet. Nach und nach findet er in Unterlagen heraus, wo er arbeitet, und zurück an diesem Arbeitsplatz fügt er sich recht schnell wieder ein. Mit List und Zurückhaltung muss er sich nur ständig Tricks ausdenken, wie er an Informationen herankommt, die ihm längst bekannt sein müssten. René Frauchiger findet hierfür treffliche Lösungen, etwa wenn Haller das Passwort seines Arbeitscomputers nicht kennt oder sich mit Freunden wie immer in der Bar treffen soll.
So kommen die Dinge langsam wieder zusammen, ohne dass sein Gedächtnisverlust speziell auffiele. «Er hatte keine Sprechrolle», Haller hält sich im Hintergrund, nicht ohne sich zu wundern, dass alle ihren Text wissen und wie auf Abruf «einen Satz an der richtigen Stelle zu sagen» verstehen. Mehr noch, mutmasst er: «Vielleicht war man nur frei, wenn man das sagte, was alle sagten, und auch das dachte, was alle dachten.» Im Grunde weiss Haller selbst nicht, ob er wirklich der ist, dessen Namen und Aussehen er hat. Er fühlt sich wie eine Ameise, «mit Menschenhaut übers Gesicht gezogen», in einer endlos langen Kolonne «nur aus Peter Haller», im Kreis gehend wie in einer «Ameisenmühle». Ist das das Leben?
Peter Haller blickt wie ein Fremder auf sich selbst und seine Nächsten und versteht seine Umgebung und auch sein früheres Selbst immer weniger. Was verbindet ihn eigentlich mit Sandra? Wie konnte «man» ein halbes Leben lang mit Päde durch die Kneipen ziehen? Und dann erst die Arbeit. Hier setzt der zweite Peter Haller erst richtig an und fördert mit neuem Blick alte Unzulänglichkeiten zu Tage. Die Arbeitsprozesse in der Abteilung mit ihm und seinem Kollegen Aeberhard lassen sich viel effizienter organisieren. Hat er nicht schon früher daran gedacht?
Vielleicht liegt die tiefere Ursache für sein Vergessen aber auch ganz anderswo. René Frauchigers literarisches Experiment ist reizvoll, indem es kraft eines schrägen Plots Anlass zu ganz normalen Lebensfragen gibt. Er kreiert eine literarische Spielanlage, die er genau so weit ausreizt, wie es die Textspannung aushält. Die Ameisenmetapher, die er immer häufiger ins Spiel bringt, klingt zwar etwas überreizt, fasert gegen Ende zu sehr aus und wird konfus, in ihrem Kern aber bleibt seine Geschichte intakt: Welches Leben führen wir eigentlich und wieviel Rechenschaft legen wir uns darüber ab? Es bleibt offen, ob Peter Haller je wieder sich selbst, also sein altes Alter Ego, wird verstehen können. Anderseits ist es ja wie bei der jeder Krise, es geschieht alles «ja nur in unseren Köpfen».