Der Feuerturm
Roman

Als er 1892 errichtet wird, ist der Feuerturm von Bukarest das höchste Gebäude der Stadt. 1989, beim Aufstand gegen die kommunistische Diktatur, ist er es längst nicht mehr, aber er war Zeuge eines ereignisreichen Jahrhunderts. Victor Stoica, dessen Familie seit Generationen Feuerwehrmänner stellt und beim Turm lebt, ist der erste, der mit dieser Tradition bricht. Aber sein Leben, das von einem tückischen Verrat gebrandmarkt ist, steht doch ganz im Zeichen des Turms. Victor, Opfer der Repression, der durch die Hölle gehen musste, erlebt 1989 wider Erwarten, dass es doch möglich ist, auf Freiheit und Glück zu hoffen.
In seinem fesselnden, ein Jahrhundert umfassenden Roman erzählt Catalin Dorian Florescu von den Wechselfällen der Geschichte, von Familie und Freundschaft, Verrat und Liebe, von der Kraft der Resilienz und vom sich wandelnden, bunten und dann wieder traurigen Leben in dieser Metropole. Die erschütternden Tage von Dezember 1989 erleben wir noch einmal in ihren Anfängen mit... Mit fünf Generationen der Stoicas und einer Fülle unvergesslicher Figuren, mit leisem Humor, unbestechlich und doch immer von Hoffnung getragen, ist «Der Feuerturm» ein großes, aufwühlendes Leseerlebnis.

(C.H.Beck Verlag)

Solidarität und Verrat

von Beat Mazenauer
Publiziert am 11.04.2022

Die rumänische Geschichte kennt eine reiche Tradition der Fremdherrschaft, die ihre Bevölkerung seit alters her mit Demütigung und Angst knebelt. Viele Jahrhunderte war Bukarest bloss eine Etappe für fremde Heere, die sich hier versorgten, oder die auf dem Durchzug die Stadt niederbrannten. Die Menschen wussten, dass jederzeit aus den Wäldern ringsum eine Gefahr über diese Lichtung, die Bukarest war, herfallen konnte. «Der Teufel wusste immer einen Weg», trösteten sie sich schicksalsergeben. Davon erzählt Catalin Dorian Florescu in seinem Roman Der Feuerturm. Noch im späten 19. Jahrhundert, schreibt er, war in Bukarest die Legende von einem namens Iane bekannt, der 300 Jahre zuvor die Stadt vor einem grossen Brand bewahren wollte und dabei selbst verbrannte.

Iane lebt fort in der Familie Stoica, einer wackeren Bukarester Feuerwehrdynastie. In ihrer Geschichte bildet das Jahr 1892 eine markante Zäsur, als der legendäre Feuerturm, der Foisorul do Foc, eingeweiht wurde. Er sollte während der nächsten hundert Jahre der Brennpunkt ihres Familienlebens sein. Von seiner Plattform auf 35 Metern Höhe aus sah man beinahe ans Meer, oder nach Paris, erzählte man sich. Und rings um den Turm wurden, so ein Brauch, die Toten herumgeführt, bevor sie auf den Friedhof kamen.

Die Familie Stoica wohnte unweit davon, in einem kleinen Haus, das Unterschlupf nicht nur für die engsten Familienmitglieder bot. Hier wurde für alle gesorgt, die Hilfe benötigten. Dafür waren die Frauen zuständig, derweil die Männer Brände aller Art zu löschen hatten. Ein Weltkrieg folgte, eine erste Militärdiktatur, dann zündelten die faschistischen Legionäre, ein zweiter Weltkrieg, und schliesslich ergriffen die Kommunisten und ihre Securitate die Macht. Ihr fällt der jüngste Spross der Familie, Viktor Stoica, zum Opfer. Eines Tages wird er aus der Universität herausgeholt und in Haft gesetzt, verhört, geschlagen, gedemütigt, ohne dass er genau wüsste, wofür. Er ist damit nicht allein. In einem System der perfiden Willkür braucht es wenig, um schuldig zu werden. Victor Stoica erhält schliesslich eine zehnjährige Haftstrafe, von der er acht Jahre absitzt, bevor er völlig desillusioniert aus dem Kerker entlassen wird. All die Jahre übersteht er, indem er sich alte Familiengeschichten von Vasile, Darje, Ionel, Ecaterina oder Agape in Erinnerung ruft, auch wenn er vieles nur vom Hörensagen kennt. Catalin Dorian Florescu erzählt sie in seinem Buch. Vasile, Darje und Ionel waren Feuerwehrleute und begründeten eine Tradition, mit der erst Victor bricht, indem er Geschichte studiert. Der Feuerturm bleibt dennoch sein Lebenszentrum, zu dem er seine spätere Frau Magda führen wird, damit sie von hier aus die Aussicht bewundere.

Der Feuerturm ist ein pralles Geschichts- wie Geschichtenbuch, in dem die Frauen wie Magda oder Viktors (Ur-)Grossmütter Ecaterina und Agape Gemeinsinn und Charakterstärke beweisen. Sie sorgen für Haus und Familie und nehmen grossherzig auch Menschen auf, die einfach nur einen Unterschlupf suchen. Die Männer dagegen haben als Feuerwehrleute auch Polizeifunktionen zu übernehmen, was sie starkem politischem Druck aussetzt. Deshalb erstaunt es nicht, dass einer von ihnen den Versuchungen der Macht erliegt und zum Verräter wird. Viktor ist sein Opfer. Dabei kennen sich die beiden seit jungen Jahren. Erst später offenbart ihm der Verräter, um sein Verständnis buhlend, dass er zum Verrat geradezu gezwungen gewesen sei, und er ja nur ihn, nicht gleich die ganze Familie verraten habe, wofür Victor ihm eigentlich dankbar sein sollte.

Diktatorische Regime kreieren ihre eigenen Gesetze von Anstand und Würde. In Szenen wie dem Gespräch zwischen Victor und dem Verräter beweist Catalin Dorian Florescu, wie schneidend kühl er zu beschreiben versteht und seine Figuren dennoch nie verrät, sondern ihnen grösstmögliche Empathie entgegenbringt. Beides gelingt ihm auf reife Weise. Er erzählt von einer Familie, die sich in den politischen Stürmen des 20. Jahrhunderts behauptet und im Kern trotz allem nie ihre Solidarität und Menschlichkeit preisgibt. Feuerwehrleute fachen keine Brände an, sie löschen sie im Dienst der Allgemeinheit. Schliesslich ergibt sich auch Viktor Stoica in sein Schicksal als ehemaliger Häftling, der lediglich noch in einer Zündholzfabrik eine Anstellung findet. Ironie der Geschichte? Immerhin sind Zündhölzer ein rares Gut in der Mangelwirtschaft. Ob er sich dereinst an seinem Verräter rächen wird, bleibt ihm als kleine Hoffnung. Doch dem stehen Magda und Iana, seine Frau und seine Tochter, mit ihrer Tatkraft und Zuversicht entgegen. Diese wächst im Dezember 1989 erst recht, als die ersten Nachrichten von den Unruhen in Timisoara eintreffen. Gemeinsam mit Zufallsgästen hören sie in der Küche verbotene Radiosendungen, aller Gefahren zum Trotz. Sie hegen die Hoffnung, dass das Ceausescu-Regime hinweggefegt werden würde.

Catalin Dorian Florescu holt mit grosser Erzählgeste aus. In seinem ersten Kapitel berichtet er die Legende von Iane, die sich 1592 ereignet hat, sagt man. Anschliessend springt er über 300 Jahre, die voller Gewalt und Entbehrungen steckten, hinweg ins Jahr 1892, als mit dem Bau des Feuerturms in Bukarest die rumänische Moderne beginnt. Im Folgenden hält er sich nicht an die Chronologie, die Victor, sein Erzähler, ja gar nicht kennt. Vielmehr lässt er diesen durch die Zeiten schweifen, so als ob dieser sich die Geschichte der Familie aus Anekdoten und Geschichten ins Gedächtnis zurückruft, um sich und seiner verletzten Seele über die Demütigungen der Haft hinwegzuhelfen. Der Feuerturm arbeitet dabei auch eine kleine Heldengeschichte heraus, die zeigt, wie sich Solidarität von unten, nicht ohne Blessuren, gegen die Willkür von oben durchzusetzen vermag. Dem Autor gelingt es vorzüglich, die zahlreichen Erzählfäden miteinander zu verknüpfen und auf diese Weise das Private mit der Politik zu verweben. Florescu erzählt präzise und elegant, vor allem aber schafft er einige eindrückliche Figuren, wie Ecaterina oder Magda, auch Viktor, die den Mut allen Schwierigkeiten zum Trotz auf je persönliche Weise behaupten. Am Ende lässt der Autor einen Erzählfaden lose hängen: die Situation in Timisoara steht noch auf des Messers Schneide. Iana, die mit dem legendären Brandlöscher Iane den Namen teilt, verbindet damit die euphorische Hoffnung auf eine brennende Revolution und einen Neuanfang. Mit ihr lässt Florescu sein Buch enden. Heute wissen wir, wie es fürs erste ausgegangen ist. Es bleibt für Rumänien zu hoffen, dass dem Teufel endlich kein Weg mehr einfiele.