Im Tal
Roman

Das letzte Abendlicht wandert über die Berge, als sich die Frau auf den Weg zu einer einsam gelegenen Hütte im Tal macht. Sie kennt den Ort, die Hütte, den Bauern, der ihr die Hütte überlässt. Im Tal hat sich in den vielen Jahren seit ihrem letzten Besuch nichts verändert. Die Zeit scheint stillzustehen. Im Gepäck hat sie zwei, drei Bücher, vor allem aber Erinnerungen an Menschen, die ihr nahe sind. An einige schreibt sie Briefe, die sie nicht abschickt. So zieht sie ein in die Stille, in der jedes erzwungene Reden wie eine Ruhestörung wirken würde. Sie lauscht der Natur und ihren eigenen Gedanken, wacht und schläft, streift in schweren Wanderschuhen durch die Natur, beachtet deren vielfältige Erscheinungen mit grosser Aufmerksamkeit. Dann wieder sitzt sie vor der Hütte, teilt hie und da eine einfache Mahlzeit mit dem Bauern, einem introvertierten Talbewohner. Nichts Spektakuläres geschieht. Oder doch? Es ist eine der mondhellen Nächte, als sie mit dem Bauern zu einem im Tannendunkel versteckten See wandert und dort völlig überraschend von einer unerhörten Begebenheit erfährt.
Erneut legt die Autorin, die auch als Lyrikerin reüssierte, einen sorgfältig komponierten Text vor. Sparsam und zugleich reich, in einer Sprache von unerhörter Schönheit und musikalischer Qualität. Einmal mehr beweist Lisa Elsässer das Wesen und den Zauber des gekonnten literarischen Erzählens. Nicht allein auf das, was erzählt wird, kommt es an, sondern auf das Wie. In diesem Text, der tiefer und tiefer in das titelgebende Tal hinein- und mit jedem Schritt näher zu den Figuren hinführt, zählt jeder Satz.

(Bücherlese)

Rezension

von Verena Bühler
Publiziert am 27.06.2022

Es spricht nicht viel für die Bezeichnung «Roman» im Untertitel dieses nur gut hundertseitigen Prosabandes. Im Tal besteht aus einem kürzeren ersten und einem längeren zweiten Teil, die nur sehr lose miteinander verbunden sind. Die erste Geschichte wurde denn auch bereits 2011 als separate Erzählung veröffentlicht und bildet jetzt den «Auftakt» zu diesem neuen Buch, wie uns die Autorin im Vorspann mitteilt.

Das Sich-Zurückziehen aus der Welt, das Sich-Verbinden mit den Rhythmen der Natur und das Sich-Ausliefern an die Geister der eigenen Vergangenheit sind das Programm des ersten Teils, der den ersten Aufenthalt der Erzählerin in einer Hütte am Ende eines einsamen Tals zum Inhalt hat. Das Häuschen ist so nah an den Hang gebaut, dass es mit ihm verwachsen zu sein scheint. Eine einzige Türe und ein einziges Fenster sind Verbindung nach draussen, doch es regnet und die Ich-Erzählerin hält sich im Innenraum auf, träumt von ihrem 6-jährigen Kind, wird selbst wieder zum Kind. Der Regen lässt den Weg zur Hütte verschwinden. Sie fällt aus der Zeit und verliert die Kontrolle über die Bilder, die sich in ihr Bewusstsein drängen. Sie begegnet ihrer verstorbenen Mutter und ihrem kleinen Bruder und empfindet widersprüchliche Gefühle ihnen gegenüber. Sie klagt sie an für «die Kälte», die unter ihnen herrschte, erlebt die «erschöpfte Stille» zwischen ihnen, fordert sie auch zornig heraus: «Nennt man das Leben?» Die Atmosphäre dieser Begegnung mit den Schatten ihrer Vergangenheit ist unheimlich und intensiv, doch die Anklage bleibt diffus, ist an keine konkreten Ereignisse geknüpft, die die Emotionen in der Familie aufzeigen und nachvollziehbar machen würden. Stattdessen gibt die Erzählerin Erklärungen zur Bedeutung dieser kathartischen Erfahrung und unterstreicht diese mit einem Symbol: Auf dem Weg zurück ins Tal findet die Erzählerin die Haut einer Ringelnatter, die offensichtlich ein neues, grösseres Kleid benötigte.

Ganz anders im zweiten Teil des Buches. Hier wird die Tragödie des Bauern, der ihr das Häuschen für eine erneute Auszeit vermietet, zum Hauptthema. Die Geschichte wird nach und nach behutsam entfaltet, ihr Ende, direkt aufgezeigt, trifft unvermittelt mitten ins Herz. In diesem Fall lässt die Erzählerin die Tragik der Ereignisse – und das ganze Unheil menschlicher Beziehungen – für sich stehen und wirken.

Interpretiert wird zu Beginn des zweiten Teils allerdings im Rückblick ihr erster Aufenthalt: Es sei ein «reiner Fluchtakt» gewesen, schreibt die Erzählerin, und ein Versuch, ihre Stimme und die Stimmen der Natur und der Einsamkeit wiederzuhören. Auch die Bedeutung des Briefeschreibens während des zweiten Aufenthalts in der Hütte erklärt sie den Lesenden: «Zählbar die Menschen, die ihr sehr nahestanden, mit denen sie während ihres Aufenthaltes in der Hütte versucht hatte, es immer wieder versuchte, durch die Briefform so etwas wie in ein Gespräch herzustellen. Ihre Beziehungen mit ihnen reflektieren zu können. Lauter unerwiderte Short Cuts, die nur sie selbst einmal wieder lesen konnte und wollte, die ihr allem vorab versicherten, wo sie mit sich selber stand.» Solche Erklärungen bringen einen um Erkenntnisse, die man gut selber gewinnen könnte, denn die Handlung und die sich darin formenden Charaktere sprechen für sich.

Die äussere Natur ist wichtig im Schreiben von Lisa Elsässer. Die wechselnden Tageszeiten, die Orte, die Wetterlagen spiegeln die Gedanken der Erzählerin und die zwischenmenschlichen Prozesse. Ein prominentes Motiv sind die Anthropomorphisierung und Erotisierung der Natur: «Sie würde sich erwartet fühlen von jedem Stein, jedem Tännchen, und der Bach würde rauschen, als begrüsse er ungeduldig ihren nackten Körper, über den er eine kühle Zärtlichkeit fliessen lassen konnte.»

Auch in den Begegnungen mit dem Bauern, den sie als «Naturmenschen» bezeichnet, ist diese erotische Energie vorhanden, wobei die Erzählerin betont, dass es zu keiner sexuellen Beziehung zwischen ihnen kommt. Er besucht sie und sie trinken bei Sonnenuntergang Kaffee vor der Hütte, er zeigt ihr einen verborgenen Bergsee und sie gehen nackt schwimmen, er lädt sie auf eine Bergtour ein, bringt ihr Blumen. Die gegenseitige Anziehung und Annäherung ist so ehrlich und unverschlüsselt geschildert, dass man an mehreren Stellen befürchtet, die Geschichte kippe um in Kitsch: Er hat blaue Augen, in denen sie eine Offenheit sieht, die sie erstaunt, sie findet ihn schön und demütig, spürt, dass er ein guter Mensch ist, unaufdringlich und karg. Doch Elsässer pariert den Grat und vermeidet den Absturz.

Die Erzählerin outet sich als «Bergkind», was wirkt, als ob sie um Verständnis bitten würde für ihre Schilderung der Bergwelt und des naturverbundenen Bauern. Doch sie versteht, dass die Berge in der romantischen Tradition nicht nur einfach schön sind, sondern sublim. Zu ihnen gehören auch die Abgründe, Gewitter, Gerölllawinen. Und «natürlich» findet sich diese Dimension auch im Leben der Personen wieder. Für die erschütternden Erlebnisse des Bauern schafft die Autorin mit ihrer Erzählweise ein Maximum an Konzentration, eine Konkretheit und Genauigkeit, die ohne Schnörkel, ohne Bilder und ohne Erklärungen auskommt. Der Bauer erzählt in grosser Erschütterung, dass seine Frau mit dem Kind überfordert war, er ist verzweifelt, dass sie nach einem tragischen Ereignis einfach verschwunden ist aus seinem Leben. Über diese Erfahrungen muss er mit jemandem reden, und die Erzählerin lässt so viel Nähe zu, dass ihm dies möglich wird.

Abgesehen von der Mutter, die im ersten Teil der Erzählung in der Begegnung der Autorin mit ihrer Vergangenheit vorkommt, hat nur eine weitere weibliche Gestalt eine signifikante Präsenz im Buch, die Frau des Bauern. Auch sie ist eine Erinnerung. Die Erzählerin realisiert, dass sie der Frau bereits begegnet ist und ergänzt die Sicht des Bauern mit dem, was sie von der Frau erfahren hat. Dies ergibt eine Wendung, die nicht unbedingt überraschend kommt, aber die Tragik der Ereignisse vertieft.