Geister sind auch nur Menschen
Sprechtexte

Dank ihrer sprachlichen Wucht und analytischen Schärfe ist Katja Brunner eine viel gespielte, unvergleichliche Stimme in der Theaterwelt. Kraftvoll lässt sie diejenigen ihre Stimme erheben, die vergessen gehen und an den Rand gedrängt werden – und wirft damit fundamentale Fragen nach den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft auf.
In ihrem Buchdebüt versammelt Katja Brunner nun zwei ihrer Stücke, die in Rhythmus und Sound Spoken Word im wahrsten Sinne sind: Geister sind auch nur Menschen und Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer. Die Sprechtexte sezieren die Zustände, welche Sterben und Verlust begleiten. Schrille Klagen und zuweilen leise Lieder gegen das Vergessen zeugen von der Suche nach einer neuen Sprache des Abschieds.
«Die schönste Nahkampfliteratur Europas.» (Juan S. Guse)

(Der gesunde Menschenversand)

Ins Heim kommen, statt heimkommen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 20.12.2021

«ICH WOLLTE DOCH NUR HEIM, DA HAT MICH JEMAND FALSCH VERSTANDEN, DENN JETZT BIN ICH IM HEIM» – in der simplen Wortwendung steckt die ganze Tragödie. Das Heim ist für die Frau, die sich hier beklagt, kein Heim. Da kommt es gar nicht auf die näheren Umstände an, mögen diese den Schritt auch rechtfertigen. Entscheidend ist, dass die Protagonistin nicht gefragt wurde. Ihre Klage ist somit ein bitterer Hilferuf, der ungehört verhallt.

Katja Brunners Texte – egal ob Bühnentexte oder Sprechstücke – zeichnen sich durch ihre Impulsivität und Direktheit aus. Der Band Geister sind auch nur Menschen veranschaulicht es mustergültig. Die beiden darin enthaltenen Sprechstücke gehen zurück auf ihre Hausautorschaft am Luzerner Theater in der Saison 2014/15. Für diesen Band hat sie sie neu bearbeitet und weiter entwickelt.
Die Autorin liebt eine direkte, ungebärdige Sprache, die sie mal in schnellendem Stakkato, mal stockend und stotternd vorantreibt, voller Lücken und Wiederholungen, mit lauten MAJUSKELN und mit einer verfremdenden Perspektive auf die Dinge. Die beiden Sprechstücke enthalten kurze Szenen, heftige «Brandreden», zuweilen absurd anmutende Dialoge, die einen Raum zwischen Geburt und Tod aufspannen und das dazwischen liegende Leben auf die existenzielle Folter spannen. Sie wollen nicht eine Geschichte oder fortlaufende Handlung erzählen, sondern die tieferen strukturellen Missstände sichtbar machen.

Unter dem Titel «Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer» vollziehen sich im ersten Text kleine Dramen ohne Handlung, zwischen dem Verlust bei der Geburt und dem Gewinn im Tod. Wer zurückbleibt, spürt den Kloss im Hals, montiert im Überdruck «Fröhlichkeitsvisagen» bei Abdankungsfeiern und tut so als ob: die Simulation von Empathie. Eine solche Simulation kann Katja Brunner nicht vorgeworfen werden. Ihr Blick auf die Zeugung des Kindwesens verströmt knisternde Kälte und lässt die Autoaggression des Jungen bereits erahnen. Es sind seltsame, schräge, rätselhafte und im Kern spürbar traurige Szenen und Begebenheiten, denen wir hier begegnen. In einer furiosen Sprache, welche Risse und Wunden immer wieder aufreisst, damit sie sich nicht voreilig schliessen.

Der Hauptakzent im zweiten Text liegt auf dem Ende, dem Sterben, dem Tod, genauer: dem Ableben, Dahinsiechen, Hinscheiden – in einem Heim, das kein Heim ist. Der Alltag im Heim kann durch die Pflegenden nicht gelindert werden, sei es, dass diese es in ihren Routinen gar nicht können, sei es, dass die Alten in ihrem Starrsinn befangen und unempfänglich geworden sind für jede Zuwendung. Der Grat ist schmal, und Katja Brunners Texte bewahren diesbezüglich eine oft irritierende Ambivalenz zwischen Wut und Ohnmacht.

Altwerden ist nichts für Feiglinge, hat mal jemand gesagt. Das Leben zum Ende hin ruft nach einer Lebensbilanz, die auch wieder die Kinder mit einschliesst. Die einen haben welche, welche ihre eigenen Alten abschieben, aus reiner Bequemlichkeit; die anderen haben keine und wissen nicht so recht, ob sie damit etwas verpasst haben. Und damit, ja, überhaupt das Leben verpasst haben!

Mit ihrer impulsiven, permanent ausfransenden, um Worte ringenden Sprache macht Katja Brunner auf den Skandal des Lebens aufmerksam. Sie erzählt von gerechtem Zorn und ohnmächtiger Wut, die nur schwer und überquellend zur Sprache finden können. Das alles ist nicht leicht und locker lesbar, will es auch nicht sein. Dafür animieren ihre Sprechtexte dazu, sie laut zu lesen, weil die Intention durch die Intensität erfahrbar wird. Indem die Texte das stumme Staunen ebenso wie das laute Hadern und Zetern sprachlich spiegeln, verhilft die Autorin sowohl den Kindern wie den Alten ausdrücklich zu ihrem Recht. Sie spricht aus, was oft verborgen bleibt oder nur im Vorübergehen vernehmbar wird. Katja Brunner hält so der «Enkelliteratur», in der immer wieder gerne die wunderbare Freundschaft mit den Grosseltern gefeiert wird, eine andere unschöne Realität entgegen.