Mit einem Fuss draussen

In einer mittelgroßen Schweizer Stadt lauert einer im Schilf. Es ist Gerhard, selbsternannter Kommissär, schrulliger Protagonist und eigenwilliger Erzähler in Anaïs Meiers Debütroman. Im See des Parks, in dem er jeden Morgen und jeden Abend seinen «Flamingo» macht, um Kontakt zum Universum herzustellen, sieht er einen Fuss. Gerhard, der einsiedlerisch am Rande der Gesellschaft lebt, will den Frieden im Park wieder herstellen und macht sich auf, um diesen Kriminalfall zu lösen. Dabei kommt es zu Kontakten mit der Außenwelt: Er trifft auf biertrinkende Angelfischer mit ihrem Vereinspräsidenten Krückenpatrick, eine dauerbekiffte Jugendgang, nachtwandernde Hundehalterinnen, einen schmierigen Lokalreporter und die Parkwächterin Blüehler, die gar nicht so schlimm ist wie anfangs gedacht. Sie alle haben wie Gerhard weder Geld noch Perspektiven, aber sie haben den Park: Und der bedeutet ihnen die Welt.

(Voland & Quist)

Ein Mann, ein Fuss

von Tamara Schuler
Publiziert am 13.12.2021

Gerhard — Lebenskünstler, Ü50 und selbsternannter Kommissär — findet einen Fuss im Stadtpark. Sofort nimmt er die Ermittlungen auf, in denen auch betrunkene Angler, vergiftete Tiere und die Parkwächterin Blüehler eine Rolle spielen. Mit einem Fuss draussen ist das humorvolle Porträt eines Aussenseiters, der sich mit viel List und Eigensinn durch die Welt schlängelt.

Schon lange bewegt sich Gerhard in der Peripherie der sogenannten Gesellschaft, lebt einsiedlerisch in seiner «Klause», schwelgt in Erinnerungen an waghalsige Weltreisen und verbringt seine Tage im Park, irgendwo im Einzugsgebiet einer grösseren Schweizer Stadt. Eine zweckmässige Freizeitanlage, die die graue Betonkulisse ein wenig auflockern soll und dabei selber eher trostlos daherkommt. In der Mitte des Parks liegt ein kleiner See mit Steg, daneben das Vereinshaus der «Anglerfischer Schweiz», kurz AFS. Hier macht Gerhard tagtäglich seinen Flamingo. Auf einem Bein stehend tritt er in Kontakt mit See, Park und Universum. Und auch sonst steht Gerhard eher nicht mit beiden Beinen im Leben: Glaubwürdig und mit Mut zur Lücke wird dieser Geri porträtiert, der sich nie so ganz eingliedern liess und wohl ein paar Mal im Leben auch einfach nur Pech hatte, aber dennoch unbeirrt seinen Weg geht:

Das erinnert mich an meine erste grosse Reise, Südamerika. Ende der achtziger Jahre, als hier in der Schweiz alles schlimm wurde, der Schnüffelstaat tief seine Nase in die Herzen seiner Bewohner bohrte, da wagte ich die Flucht gen südliches Amerika.

Gerhard ist randständig, aber anständig, mindestens einer wie er findet sich in jedem Stadtpark des Landes. In blumig-urchigen Worten erzählt er von seinen Ermittlungen, die zunächst alles andere als gut laufen: Der Fuss ist nicht mehr auffindbar, die kiffenden Jugendlichen im Park sind auch keine Hilfe und schliesslich heimsen die nichtsnutzigen AFSler die Lorbeeren ein, als sie den Fuss der Polizei übergeben — diese wiederum sieht sich ausserstande, den Fuss aufzubewahren, da das polizeiinterne Betriebssystem namens Police streikt und somit keine Tatbestände erfasst werden können. Diese herbe kriminalistische Niederlage veranlasst Gerhard dazu, den Park für eine Weile zu meiden. Doch der Fall lässt ihn nicht los, erst recht nicht, als die im Stadtpark residierende Ente, mit der sich Gerhard zuweilen ausgetauscht hat, sowie mehrere Hunde (darunter Grimsel, der geliebte Wachhund von Parkwächterin Blüehler) und eine Graugans vergiftet werden. Die Rückkehr in den Park fällt Gerhard jedoch ganz und gar nicht leicht:

Ich habe Angst, dass sich der Park in den letzten Monaten von mir entfremdet hat. Im schlimmsten Fall ist ein neuer Gerhard dort! Diese Vorstellung macht mich schaudern und eine alte Panik steigt in mir auf. Es ist, als würde mein Bewusstsein rechts aus meinem Ohr steigen und dann flattert es wie ein Ballon über meinem Kopf.

Mit einem Fuss draussen ist eine klassische Heldenreise mit einem typischen Antihelden: Gerhard macht sich auf ins Abenteuer, strauchelt zwischendurch, reüssiert schliesslich doch — und findet sogar auch noch die Liebe. Für die Ente springt am Ende zumindest eine stilgerechte Seebestattung raus. Anais Meiers Erzählung ist bildhaft und humorvoll — zuweilen auch etwas gar schenkelklopfend — und wäre gut vorstellbar als Theaterstück oder unterhaltsame SRF-Produktion. Schnell taucht man ein in den Mikrokosmos um den Park und seine Bewohner, die leider nicht alle so dreidimensional geschildert werden wie Gerhard. Realitätsflucht ist insbesondere dann eine Wohltat, wenn die Realität kompliziert ist. So gesehen ist Mit einem Fuss draussen eine willkommene Auszeit mit Happy End. Trotz seiner Eigenheiten finden sich immer wieder Momente in diesem Buch, in denen man sich ganz gern mit Wachtmeister Geri identifiziert — etwa wenn er sagt: «Im Auftrag der Welt handle ich, und die Welt macht nichts und lacht mich aus».