Gschwind oder Das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen
Roman

Von den Seltenen Erden sind der Wissenschaft bislang 17 bekannt. Urs Mannhart erfindet eine weitere: Das Rapacitanium. Der Namen ist abgeleitet aus dem französischen rapacité, auf Deutsch: Habgier. Nomen est omen: Der Roman spielt mit der Annahme, die wohlstandsverliebte Schweiz werde selbst zum Kerngebiet des Abbaus Seltener Erden. Pascal Gschwind, verantwortlich für den globalen Handel mit Rapacitanium, hetzt auf internationale Konferenzen, während zu Hause seine Familie ihn kaum mehr zu Gesicht bekommt, und er steht schliesslich vor einem Dilemma: Raubbau an der Natur, an seiner Familie und der eigenen Gesundheit versus Karriere und Geldgeschäfte. Als schliesslich ein Berg am Thunersee droht zusammenzufallen, begreift Pascal Gschwind das Ausmass der Zerstörung seines Handels.

(Secession)

Rezension

von Tobias Lambrecht
Publiziert am 11.02.2022

Dieses Erzählmuster ist inzwischen so etwas wie literarschweizerisches Kulturgut: Ein hoffnungslos der Leistungsgesellschaft unterworfener Mann ‘im besten Alter’ verstrickt sich unvermittelt in lebensumstürzende Alltagsobsessionen, gerät aus den Fugen der Normgesellschaft, erfährt eine Kränkung der eigenen männlichen Tatkraft, und gegen Ende kommt es zu einem Todesfall. Der Titelheld trägt einen ironisch sprechenden Namen: Stiller bei Frisch, Kraft bei Jonas Lüscher, womöglich Hagard bei Lukas Bärfuss – und nun eben Gschwind, der Protagonist in Urs Mannharts neuem Roman.

Mannhart wendet diesen Plot auf eine Art öko-psychologischen Business-Thriller an, der Themen wie die Klimakatastrophe, schweizerische Wirtschaftsgläubigkeit und die alternativen Lebensentwürfe der sogenannten Generation Greta anreisst. Wir befinden uns in einer zeitlich nahen Zukunft, oder einer möglichen Parallelwelt, die bald schon Realität sein könnte. Die Klimaerwärmung ist gerade so weit vorangeschritten, dass im schweizerischen Alltag über die Unterschiede zwischen einer langanhaltenden Trockenheit und einer Dürre debattiert wird; die heimische Landwirtschaft und der Tourismus spüren erste Auswirkungen der Erderwärmung; Elektro-Autos haben die Benziner im Personalverkehr verdrängt, da sie effizienter und preisgünstiger geworden sind durch Rapacitanium.

Das fiktive Wundermetall hat Erdöl als begehrtesten Rohstoff der Welt abgelöst. Nach einem Sensationsfund von Beständen in den Beatushöhlen des Berner Oberlands ist die Schweiz urplötzlich rohstoffreich. Der privatwirtschaftliche Sektor verlangt nach sofortigen Bohrungen, der Föderalstaat versucht zu reagieren, die Wissenschaft, verkörpert durch eine kassandra-artige ETH-Geologin, mahnt vor Umweltschäden und Erdbebengefahr durch Bohrungen. Dann gibt es da noch einen Koffer mit Schwarzgeldmillionen, aussereheliche Affären, Verhaftungen, Öko-Vandalismus, Havarien auf dem Thunersee, ein Burn-Out, Erdbeben, Überschwemmungen im schweizerischen Mittelland, eine actionreiche Autokarambolage, und einiges mehr.

Das ist alles erfreulich überspannt und durch verschränkte Erzählstränge hervorragend gegeneinander geschnitten, das Erzähltempo zeitweise hoch. Handlungsarmut kann man dem schlanken Roman weiss Gott nicht vorwerfen. Wie Mannhart diese Nahzukunftsschweiz erzählerisch aufbaut, wie er die kleinen, aber wichtigen Unterschiede zu unserer Lebenswelt vermittelt, gelingt deshalb so gut, da es kaum auffällt. Die nahe Zukunftswelt wird nicht durch lange Vorträge ausgebreitet, sondern ihre Tatsachen und Regeln ergeben sich direkt aus der Handlung. Dass Benziner in dieser Welt keine Rolle mehr spielen, weil Batterie-Teslas sich durchgesetzt haben, wird zum Beispiel nirgends explizit ausgeführt. Es ist einfach eine Tatsache, die weder die Erzählinstanz den Lesenden noch die Figuren einander erklären müssen.

Figuren- statt Systemzusammenhänge

Die Themen dieses bemerkenswerten Settings wiederum erinnern an Mannharts Reportagen, in denen er gekonnt die Probleme globalisierter Handelsketten anhand derer konkreten, lokalen Ursachen und Auswirkungen auf Menschen zusammenführt. Eine Reihe detailliert ausgestalteter Figuren dienen im Roman dazu, solche komplexen, überindividuellen Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Gründlich widmet sich der Text der Psychologisierung, der Beleuchtung von Beweggründen, der durchwegs auf Effizienz getrimmten Gedankengänge des Titelhelden, dessen Perspektive uns überwiegend vermittelt wird. Ein unklares Psychogramm hat dieser nicht: Pascal Gschwind ist ein nach Anerkennung seines Chefs strebender Karrieremensch. Für Telefonanrufe oder SMS seiner Frau Rina ist er während der Arbeitswoche nicht erreichbar und auch sonst zu sehr mit sich und seiner Laufbahn beschäftigt, um zu bemerken, dass sich Rina, alleingelassen im Anwesen am Thunersee, emotional von ihm zu verabschieden droht. Der Text kennzeichnet Gschwind zu jeder Gelegenheit als eine Marionette des an der eigenen Substanz Raubbau treibenden Managertums. Wenn Gschwind sich entspannt, klingt das so:

Er konzentriert sich auf seine Atmung, er sitzt mit geradem Rücken da; er ist stolz, dass er das jetzt wirklich tut, dass er sich mitten am Tag 90 Sekunden lang entspannt. Eigentlich müsste er sich dabei filmen – er befürchtet, seine Rina werde ihm das alles nicht glauben. (74)

Die Gehetztheit, mit der Gschwind seinen Geschäftsalltag bestreitet, wird konterkariert von der fleischigen CEO-Souveränität seines Chefs: Daniel Hiller, dessen ganze Figurenformung auf männlich codierte Dominanz getrimmt ist: Gross, ständig schwitzend, laut und reich. Die Rohstoff-Entdeckung in der Schweiz kommt Gschwinds Vorgesetztem und dessen Betrieb gerade recht. Das ist eine Mining-Firma namens Valnoya, die zu literarischen (juristisch motivierten?) Maskierungszwecken auch Core-Glen oder Evilcore heissen könnte, und die nun alles daran setzt, den Rohstoff in den Beatushöhlen an sich zu reissen. Denn China verfügte bis anhin über die weltgrössten Rapacitanium-Vorkommnisse, die unter verheerenden Umweltschäden abgebaut werden, um vermeintlich umweltfreundlichere Personenwagen herzustellen. Kurzerhand fasst der CEO Hiller einen Plan: Der Berg muss gekauft werden, bevor der Staat eingreifen und den totalen Abbau des Bergpanoramas am Thunersee verhindern kann. Das soll möglichst eine heimische Privatperson tun, damit das Manöver nicht sofort auffällt. Die Wahl fällt auf Gschwind, der in der Gegend von Interlaken, gleich neben dem Beatenberg, aufgewachsen ist.

Ich kaufe mir einen Berg

Ganz allein einen Berg kaufen. Mit diesem Auftrag an Gschwind beginnt eine fesselnde Erzählsequenz. Denn Gschwind reagiert auf diese Idee genau wie ich als Leser: Unmöglich, das geht doch gar nicht, in der Schweiz gebe «es durchaus ein paar Gesetze» (29), die so etwas schon regeln bzw. verhindern. Richtig? Dann jedoch beginnt Gschwind zu recherchieren, und es macht gleichermassen Spass, der Entwicklung der Handlung und der Eigenrecherche des Autors zu folgen, die er mittels Gschwind vor uns ausbreitet. Man kann hier quasi Mannhart über die Schulter gucken bei der Erforschung, wie so ein Bergkauf anzustellen wäre, und das Arbeitsfieber des Autors und der Figur überträgt sich auf die Lesenden. Es ist eine der stärksten Passagen des Romans: Denn hier überlagern sich Figur- und Leseerlebnis. Tatsächlich kann man die sprichwörtliche ‘Freude am Erfolg’, mit der Gschwind das obsessive, monomane Arbeiten wohl entschuldigt, nachspüren.

Das Kernthema der rücksichtslosen, unternehmerischen Gier, die keinen anderen Massstab als den eigenen Erfolg gelten lässt, wird im weiteren Verlauf der Handlung in verschiedenen Episoden variiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Sohn der Gschwinds, Levin, der kurz vor der Matur die Schule abbricht und eine alternative Bildungseinrichtung im Wald gründet, die Jugendbewegung Back to the fruits. Levins Waldschule ist klar als konsequente Weiterentwicklung der Fridays-for-Future-Bewegung angelegt: «Es sei idiotisch, sage Levin, schreibt Rina, freitags für das Klima zu demonstrieren, den Rest der Woche aber kohlenstoffbasiert zu leben» (42). Ich kann der Rolle, die die Figur Levins im Text einnimmt, nicht viel abgewinnen. Für die Romanlogik ist er einfach eine weitere von vielen Kontrastfiguren zu Gschwind. Und von diesen gibt es viele, allesamt Feindbilder des wirtschaftsliberalen Weltbildes: Ahnungslose, wohlstandsverwahrloste Öko-Kinder, unkonstruktiv herumnörgelnde Wissenschaftlerinnen, Cüpli-Sozialisten. Ein Vertreter letzteren Typus stellt sich zu allem Übel auch noch als erotische Konkurrenz Pascal Gschwinds heraus – mit schrecklichen Folgen für beide.

Pascal Gschwind begegnet in beinahe parabelhafter Regelmässigkeit bedürftigen Figuren – verarmten Schweizer Bauern, peruanischen Minenarbeitern, seiner verwirrten Grossmutter, der Mutter in der Burn-Out-Klinik. Jede dieser Begegnungen dient zur Illustrierung desselben Mechanismus: Wenn Pascal Gschwind mit menschlichem Leid konfrontiert ist, empfindet er zwar so etwas wie Mitleid, woraus für ihn aber nur die Frage folgt, wieso die Leute sich nicht einfach selbst helfen. Finden aber seine Mutter und Grossmutter ein kleines Glück in neuen Verbindungen, die nicht den Vorstellungen Gschwinds entsprechen, ist er ausser Stande, sich für andere zu freuen.

Keiner der als Gegenpole und -entwürfe platzierten Figuren erhellt Gschwinds Innenleben über das absolut Erwartbare hinaus, keine führt zu einer Selbsthinterfragung der Lesenden. Klar: Selbstgerechte, nur der Rhetorik nach Umweltschutz predigende Heuchlerinnen und Heuchler wie Gschwinds Nachbar sind schwer zu ertragen. Das wussten wir aber schon und es macht Pascal Gschwinds Weltbild nicht überzeugender oder unheimlicher.

Vor allem dann nicht, wenn die gesamte Handlung ungebrochen daran arbeitet, Gschwind auf einer psychologischen Ebene zu banalisieren und auf einer ideologischen zu demontieren. Neben seinen Bemühungen, einen Berg zu kaufen und die Assistentin seines Chefs zu beeindrucken, arbeitet Gschwind an einem Sustainability Report für Valnoya. Dieser muss selbstredend nachweisen, dass die Firma trotz weltweitem Minenabbau auf ökologische Nachhaltigkeit achte – klassisches Greenwashing. Während Gschwind anfangs noch um so etwas wie Argumente oder zumindest nicht völlig absurde ‘Spins’ bemüht ist, blendet er zunehmend unangenehme Fakten aus. Zur Illustration dieser Entwicklung dient eine Episode, in der Gschwind mit Hillers persönlicher Assistentin Camille de la Rouchefoucauld nach Peru reist, um vor Ort die Schadstoffbelastung einer Valnoya-Mine zu prüfen. Gschwind tritt mit der Überzeugung an, dass die Verschmutzung so schlimm nicht sein kann, verändert dann bei schlechten Resultaten solange die Messbedingungen, bis er sich schliesslich nur noch in faktenverdrehende Rhetorik zurückziehen kann. Dies, obwohl Gschwind die schlechten Bedingungen der dort lebenden Familien, die Vergiftung der Erde und die Nachlässigkeit, mit der Menschenleben behandelt werden, selbst miterlebt. Die Episode in Peru stellt kenntnisreich die menschenunwürdigen Umstände dar, unter denen Luxusautos, und überhaupt unser Wohlstand, entstehen. Gschwind lernt daraus nichts, er hadert viel stärker mit seiner Unfähigkeit, Camille de la Rouchefoucauld ins Bett zu kriegen. Gschwinds psychologische und rhetorische Entwicklung folgt auch in dieser Episode allen vorgeprägten Vorstellungen, die wir über ausbeuterischen Kapitalismus schon haben – ohne, dass unsere Rolle als Konsument:innen darin eine Rolle spielte.

Klischeehaft oder gut beobachtet?

So erfüllt die Figur jedes Klischee auf der Checkliste der von Corporate-Jargon getriebenen Möchtegern-Alphamännchen des mittleren Managements, diesen Start-Up-Boys, die im Leben ‘nach oben’ wollen und nicht verstehen, wozu man Steuern zahlt. Auch der Romantitel markiert auf originelle Weise, dass es hier nicht zuletzt um Dominanzverhalten gekränkter Männlichkeiten geht:

Erst jetzt fällt ihm auf, dass die Luft vom Zirpen der Grillen erfüllt ist. Er weiß nicht, weshalb er das vorher nicht wahrgenommen hat, und ob zu vermuten steht, er sei hineingeraten in einen Zustand der Achtsamkeit. Noch weniger weiß er, was das pausenlose Zirpen den Grillen eigentlich bringt. (74)

Dass Gschwind nicht mit dem Schulwissen ausgestattet ist, weshalb Grillen zirpen, sagt dabei beinahe so viel über die Figur aus, wie die Tatsache, dass er sich sofort die Nutzfrage stellt, ohne an einer Antwort interessiert zu sein. Das Paarungsverhalten zirpender Grillenmännchen, das Gschwind hier bemerkt, aber nicht als solches erkennt, wird damit en passant zum Subtext von Gschwinds eigenem Verhalten: Aufmerksamkeitsgehabe, das sich über ‘Winning’ definiert, über wirtschaftliches und brünstiges Ausstechen der Konkurrenz. Auch Gschwinds Selbstbild ist mit Statussymbolen dekoriert: er fährt den neuesten Tesla, hat die tollste Villa mit Seeblick, seine Frau ist für ihn primär erotisch interessant und wird mit der konsequenten Bezeichnung «seine Rina» auch unter die Besitztümer eingeordnet. Diese Figur wirkt, als ob der Angeber aus der 1990er-Sparkassewerbung hier ungebrochen Pate gestanden hätte: Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Geht das schon in Richtung Farce?

Literarisch problematisch an einer derart stereotyp gestalteten Figur ist natürlich vor allem, dass sie in unserer Lebenswelt tatsächlich vorkommt. Als Romanprotagonist überspitzt, als Teil unserer Gesellschaft – dafür muss man nur einen Blick in die Politik- und Medienberichterstattung z. B. der letzten sechs Monate werfen – leider realistisch. Das Unbehagen, es gehe hier mit der Figurenzeichnung und der personellen Bestückung des Bösewichtelagers schlicht etwas einfach zu, ist nicht darin begründet, dass die Figuren ‘nicht realistisch’ oder ‘überzeichnet’ wären. Es ist ein Verfahrensproblem der realistischen Erzählweise, deren Zeichen als Einzelfall gelesen anekdotisch bleiben, als überindividuelle, typenhafte Signale aber zu sehr für etwas einstehen müssen, um nicht scherenschnittartig zu werden.

Literarischer Rohstoff rapacitas

Wenn die Stossrichtung des Textes so unzweideutig ist, liegt die Frage nahe, was die sprachliche Gestaltung beiträgt. Mit dem Namen des Wundermetalls – Rapacitanium, von lateinisch rapacitas, also Raubsucht, dessen Namensgebung an das ähnlich schrille Unobtainium aus dem Ingenieur- und Science-Fiction-Jargon der 1950er Jahre erinnert, macht der Roman erfrischend früh klar: Für Subtilität ist hier nicht der Ort. Vorrangig ist die Dringlichkeit der Botschaft, präsentiert in einem eng vernetzten, spannenden Plot. Für die sprachliche Spannung sind nicht die aus früheren Mannhart-Romanen bekannten Langsätze und die dem gehobenen Stilregister entnommenen Adjektive zuständig. Ein erkennbarer Reiz liegt in der Tatsache, dass die Erzählstimme enorm nah bei Gschwinds Wahrnehmung der Dinge ist – wir lesen, was und wie Gschwind fühlt und bewertet. Der Effekt einer gewissen dämpfenden Distanz stellt sich durch die gewählte Ausdrucksweise der Erzählstimme gegenüber der Sprache dar, der sich Gschwind in Dialogen oder in seinem Sustainability Report bedient. Beobachtet Gschwind eine Kuh, wird von der «sanften Blödigkeit dieser Nutztierseelen» (78) berichtet – das evoziert Gschwinds Weltbild, aber nicht sein Vokabular. Die Erzählhaltung gegenüber Gschwind ist diejenige, die man landläufig unglücklicherweise ‘ironisch’ nennt: Die fein gedrechselt formulierte Innendarstellung einer Figur, die eher in bullet points denkt. Hinter dieser Stilentscheidung, die eigentlich auch zu Ambiguitäten führen könnte, steckt im Gegenteil eine Strategie der Demaskierung: Jeder Gedanke Gschwinds ist für die Leserschaft transparent als heuchlerisch markiert:

Mit Levin über derartige Themen diskutieren zu können, fehlt ihm. Gerne hätte er dessen Gesicht gesehen, eben vorhin, als er geschwächte Populationen gedacht hat. So einen Begriff würde Levin nie und nimmer aus seinem Mund erwarten. Zu gerne möchte er seinem Sohn zeigen, wie grün er denkt. (224f.)

Gschwind denkt nicht ‘grün’, der Text weiss das, die Lesenden wissen es. Das macht das Lektüre-Erlebnis, wie eloquent Pascal Gschwind jeden noch so offensichtlichen inneren Widerspruch seiner Denkweise wegargumentiert, zwar in gewisser Hinsicht unbequem – und vielleicht fühlt sich diese oder jener bei den selbstgerechten, alles auf ‘Eigenverantwortung’ abstützenden Fehlschlüssen Gschwinds durchaus ertappt. Andererseits hält diese Erzählweise Gschwind als Figur dann doch beruhigend weit von uns weg, und führt ihn systematisch vor.

Politische Handlungsunwilligkeit und Turbokarrieristen

Die brennend wichtigen, gesellschaftlichen Aspekte des Romans werden auf der figurenpsychologischen Ebene der direkt verantwortlichen Mittelmänner, der amoralischen Täter, sichtbar. Die Entscheidung des Textes, die Handlungsunwilligkeit der Politik und die gesellschaftliche Irrelevanz der Wissenschaft durch den Turbokarrieristen Gschwind zu vermitteln, überdeckt dabei beinahe einen Subtext, der es in sich hat: Menschen wie CEO Hiller gehen schlicht nicht davon aus, die Regeln der sozialen Gemeinschaft gälten auch für sie. Möglich macht es das durch Raubbau erwirtschaftete Geld. Menschen wie Gschwind dagegen sind in der Romanlogik primär parasitäre Enabler, denen für die unsolidarische Selbsterhebung eines Hillers eigentlich vor allem die Fantasie fehlt. Der Roman fragt, eher andeutungsweise, welcher Typus letztlich gefährlicher sei, und bei bzw. mit welchem man gesellschaftlich etwas bewegen könnte. In diese Richtung ist im letzten Viertel des Romans einiges angelegt, das in der überbordenden Handlung beinahe unterginge. Aber gerade hier lohnt sich genaues Lesen, denn Mannhart fängt mit Widerhaken ein, was ausserhalb der Hauptthemen des Textes liegt. So überzeugt Gschwind oder Das mutmaßlich zweckfreie Zirpen der Grillen nicht so sehr auf literarischer Ebene, sondern viel mehr als Mahnmal klimafeindlicher Kurzsichtigkeit, als Bestandesaufnahme des politischen Jetzt.