In der Nahaufnahme verwildern wir Gedichte
Ein rauschhaftes, urbanes Langgedicht, in dem die Ampeln sinnentleert blinken und die Zufallsbegegnung mit einem Tier die Hoffnung auf eine Verschmelzung von Mensch und Natur nährt. Ein Bildschirm, der glimmt, ein Fenster, das aufpoppt – und die Zeilen werden zu einem Eintrittsort, zu einer Schnittstelle zwischen Virtualität und unmittelbarer Erfahrung. Anderswo schleudern Neophyten ihre Samenkugeln durch die Luft und breiten sich rasend schnell aus: ein brasilianisches Tausendblatt, ein Götterbaum, ein Schmetterlingsstrauch. Und schliesslich ein Gang durch einen längst verschwundenen Obstgarten, in dem selbst die Luftpartikel träge geworden sind ob ihres uralten Gewichts.
Ausgehend von vier Zyklen, die Rainer Maria Rilke am Ende seines Lebens im Château Muzot im Wallis auf Französisch geschrieben hat, zoomt Rolf Hermann mit seinen neuen Gedichten mitten hinein in unsere Lebenswelt mit ihren globalen Verflechtungen, ihren Hotspots und Flächenbränden, ihren Erschöpfungszuständen. Lustvoll und zärtlich, formbewusst und unverwechselbar im Ton.
Rezension
Zwischen den beiden Positionen, die Westermann und Zarnegin einnehmen, bewegt sich der neue Gedichtband von Rolf Hermann. Er verbindet rhythmisch bewegliche Gedankenlyrik mit einem hermetischem Gestus. In den Jahren 1924-1926 dichtete Rainer Maria Rilke auf Schloss Muzot oberhalb von Sierre vier Gedichtzyklen, für die er sich eine fremde Sprache lieh: die französische. Diese «Quatrains Valaisans» besingen Natur und Landschaft, in der sich Rilke für seine letzten Lebensjahre niedergelassen hatte. Diese Landschaft kennt und liebt auch Rolf Hermann, der in Leuk unweit von Rilkes Domizil aufgewachsen ist. In seinem Gedichtband In der Nahaufnahme verwildern wir nimmt er diese topographische Nähe auf, indem er Rilkes Zyklen aus gegenwärtiger Optik überschreibt und variiert. Die weite Landschaft setzt den Rahmen. Im ersten Kapitel «im störgarten» hält sich das lyrische Ich an ein Rilke-Motto aus den Orpheus-Sonetten: «Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.» Doch die Rhone hat sich längst verändert: sie ist begradigt, versiegelt, intensiviert, «ein immenses spiegelkabinett der rentabilität» und Abbild der ganzen Landschaft geworden. Das Ich wird es mit mulmigen Gefühlen gewahr. Immerhin die Vögel, «diese erben der engel / sie gehörten uns nie».
Diesem ersten Kapitel antwortet – nicht minder finster – das letzte mit der Überschrift «eins»: ein staunender Gang aus dem Haus hinaus in den Tag und quer durch eine nebelverhangene Stadt, Biel, in Begleitung eines freundlichen Marders, der ihn in den steil aufragenden Wald, in die Verwilderung führt.
eine bruchstelle
dehnt sich aus in mir
(…)
dividieren die dinge sich
im ersten aufguss des lichts
als wäre ich im innern
eines funkelnden stundenglases
in dem der sand
zu rieseln beginnt
und ich riesle mit
Sich die wunden Augen reibend versucht das Ich die düstern Dinge klar zu sehen, die funktionalen Oberflächen aufzurauen. Die beiden Kapitel ähneln sich im lyrisch wendigen Parlando, im inneren Gedankenflug, mit dem das erschrockene Ich das (t)raumzeitliche Kontinuum durchquert und Verlust und Wandel festhält. Gibt es Rettung auf solchen «chemins qui ne mènent nulle part», oder wäre derlei blosse Schimäre?
Im Zentrum des Bandes formieren sich, adäquat zu Rilke, zwei Kapitel, in denen dessen Motive aufgenommen und vergegenwärtigt werden. In «entwendete fenster» leuchten die Zeilen blass-bläulich im Schimmer des Monitors, der das Fenster in die Welt ist: «take-off / ins unsichtbar periphere». Unvermittelt umschliesst der Rahmen eine Wirklichkeit, in der das Ich zum enormen «waren-ich» als «botenstoff im angebot» mutiert. In kurzen Zwei- bis Vierzeilern variiert Rolf Hermann, wie Rilkes Zyklus «Les fenêtres» ent- und umgewendet wird, wie die Erinnerung verblasst, eine neue Welt im Dämmer des Monitors sichtbar wird. Sprachlich am wildesten, geradezu vegetativ berauschend, fällt das Kapitel «neophyten» aus, mit dem Hermann auf Rilkes «Les Roses» antwortet. Neophyten wie das «drüsige springkraut» oder «der kirschlorbeer» mögen nicht so geschmäcklerisch schön wirken wie eine Zuchtrose, dafür zeichnen sie sich durch Vitalität und Zähheit aus. So heisst es vom giftigen «jakobs-kreuzkraut»:
jagirre transformiere ich die spuren
am ufer des sees von
keiner erinnerung duchkreuzt
ob odem oder was grad so in mode
beiläufig auch noch modert
schichte ich kreuz und quer im mund
Die Sprache lässt sich von dieser Vitalität anstecken und beginnt zu verwildern, sie samt Silben ab und formt sie zu neuen Worten, findet sich zu Bildern, die neophyt und ungewohnt, vital und frisch sind. Die Nahaufnahme, der konzentrierte Blick stellt auf die glatte Oberfläche scharf und nimmt so erst deren raue Struktur wahr.
Tout près de Loèche, où Rolf Hermann a grandi, Rainer Maria Rilke a rédigé en français, vers 1920, quatre cycles de poèmes. Ce sont ces «Quatrains valaisans» qui ont servi à Hermann de motif de base pour élaborer, en toute liberté, les variations publiées dans son recueil poétique In der Nahaufnahme verwildern wir. Longeant le fleuve ou traversant la ville noyée de brouillard, il mesure ce qui a disparu et changé, écrivant avec vivacité, dans une envolée de pensées. Il regarde le monde à travers une palissade entrecoupée de fenêtres coulissantes et admire la vitalité des plantes néophytes qui ont remplacé les roses. Ces variations sur Rilke restent toutefois très proches du style de Hermann. (Beat Mazenauer in Viceversa 16, 2022, traduction Claudine Gaetzi)