Das Ideal des Kaputten
Roman

Rios de dolor und cascadas de amor, «Flüsse des Schmerzes» und «Wasserfälle der Liebe». Diese Worte sind auf der Hängematte eingestickt, in welcher die namenlose Protagonistin in einem seltsam riechenden Sommer viel Zeit verbringt. Von diesem Punkt aus erzählt sie, wechselnd zwischen Erinnerungen und dem Jetzt, von zwei bewegten Jahren: vom Abhauen und Ankommen, von Sex und Drogen, vom Verhältnis zwischen Frau und Mann, von Melancholie, Zorn und der Suche nach sich selbst. Und von einem psychedelischen Trip als Kulminationspunkt.
Das Ideal des Kaputten unterläuft dabei geschickt das Bild, das Jurassica mit ihren Tweets und Posts fein säuberlich aufgebaut hat. Dort ihr «low life», gespickt mit großen Sprüchen, Drogen, nächtlichen Exzessen und rohem Humor. Hier im Roman das Bild einer reflektierten, feministischen und feinfühligen Erzählerin auf der Suche nach ihrer Rolle, ihrem Platz und nach Liebe außerhalb von gängigen Abhängigkeitsverhältnissen. Jessica Jurassica erweist sich in ihrem Roman als sorgfältige und präzise Autorin. Das Spiel mit den Metaebenen und den Alter Egos beherrscht sie dazu perfekt: Ist Jessica Jurassica ein Pseudonym oder eine Fiktion? Ist die Erzählerin im Roman die Person hinter Jessica Jurassica oder erfunden? Und wer erschafft hier eigentlich wen?
Jessica Jurassica wurde spätestens mit ihrer erotischen Fan-Fiction Die verbotenste Frucht im Bundeshaus mit dem Schweizer Bundesrat Alain Berset in der Hauptrolle zum geheimen Star, nicht nur in den sozialen Netzwerken. Ihr erster Roman ist nun eine überraschende, kaum mehr für möglich gehaltene Lektüre.

(Lectorbooks)

Mit der Sturmhaube gegen Geschlechter-Klischees

von Tamara Schuler
Publiziert am 03.11.2021

Sei es ein provokativ-satirischer Brief an Medienverleger Pietro Supino oder erotische Fanfiction über Alain Berset und Daniel Koch: Die vielschichtige Künstlerin Jessica Jurassica ist bereits das eine oder andere mal angeeckt. In Das Ideal des Kaputten erzählt sie von ihrem Erwachsenwer-den, ihren Reisen und dem eigenen Schreiben, Identitätsfindung, Drogenkonsum, Liebe und psychischer Labilität. Es ist die persönliche Perspektive einer Erzählerin, die so abgeklärt wie hoffnungslos wirkt.

Doch so individuell ihre Erfahrungen auch scheinen, können diese natürlich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen gelesen werden, denn: Es ist eine junge Frau, die von ihrem Erwachsenwerden erzählt. Dieses Aufwachsen wird ab Tag eins massgeblich davon beeinflusst, dass eine Person, die von ihrem Umfeld als weiblich verstanden wird, anders wahrgenommen und behandelt wird als jemand, der als Mann gelesen wird. Eine Frau wird — auch heute noch, auch hier — sehr oft sehr anders wahrgenommen und behandelt als ein Mann. Diese mehr oder weniger banale Tatsache lässt sich schlichtweg nicht bestreiten, ganz unabhängig davon, ob sich jemand als Feministin bezeichnet oder vehement die Ansicht vertritt, Sexismus sei längst Schnee von gestern. Sie bildet das Terrain, auf dem sich Jurassica fortbewegt und von alltäglichen sexistischen Erfahrungen berichtet. Da war zum Beispiel das Fussballspiel in der Appenzeller Schule, bei dem die Jungen spielten und die Mädchen nur zuschauen durften:

Sie spielten mit einer stolzen Ernsthaftigkeit in diesem Biotop ungebrochener männlicher Verbundenheit, das mir schon damals, mit dreizehn oder vierzehn Jahren, ziemlich abgestanden zu riechen schien.

Es gibt in diesem Bericht kein herausstechendes, kathartisches Erlebnis, das als dramatischer Wendepunkt im Lebenslauf der Protagonistin bezeichnet werden kann. Vielmehr ziehen sich die Momente von Ungleichberechtigung, Machtdemonstration und stereotyper Erwartungen als Hintergrundrauschen durch ihr Leben; ein nervtötender Ton, ähnlich einem Tinnitus, der sich manchmal ausblenden lässt, aber doch immer mitschwingt. Viel wichtiger als diese Momente selbst ist Jurassicas Reflexion, mittels derer sie die strukturelle Dimension von Sexismus sichtbar macht. Daneben erinnert sie sich an ihre ausgedehnten Reisen anfangs zwanzig, an Zufallsbekanntschaften, Liebschaften und die Konsumation diverser bewusstseinserweiternder Stoffe, kurzum «die komplette Dosis des globalen Millenial-Hippie-Programms» — worüber sie sich durchaus im Klaren ist. Und doch sind diese Reisen auch entscheidende Phasen einer Wiederaneignung des eigenen Selbst, das verloren gegangen war angesichts der Erwartungen, die von aussen an sie als junge Frau gestellt wurden.

Das titelgebende Ideal des Kaputten bezieht sich zunächst auf den gleichnamigen Erzählband des Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel, den Jurassica in einem ereignisarmen Familienurlaub liest. Doch während Sohn-Rethel sich mit dem Verhältnis von Mensch, Maschine und Natur auseinandersetzt, lebt Jurassica ihr eigenes Ideal des Kaputten. Was sie erzählt, zeugt von innerer und äusserer, da gesamtgesellschaftlicher, Kaputtheit. Gleichzeitig pflegt sie auch im digitalen Raum eine klare Ästhetik des Kaputten: Überquellende Aschenbecher, Billigdosenbier, schlecht gestochene Tätowierungen — eine Ästhetik, die bewusst so gar nicht in die Klischeeschublade des sogenannt «Weiblichen» passt. So erinnert ihr Erzählstil zuweilen stark an die bekannten exzessiven Literaten früherer Zeiten wie Henry Miller, Jack Kerouac und Konsorten: Junge, suchtkranke Männer, deren Ruhm und «Genialität» ihnen im mystifizierendsten möglichen Sinne auch noch das unmöglichste Benehmen entschuldigten. Dass hier eine junge Autorin von Drogen und Sex schreibt und damit offenbar auch heute noch provoziert, entlarvt Facetten einer Gesellschaft, die sich gerne aufgeschlossener gibt, als sie ist. Jessica Jurassica greift diesen Kulturbetrieb-Sexismus auch gleich selbst auf und porträtiert ältere Kollegen als Vertreter

einer Generation, bei der die toxische Männlichkeit noch zum Künstlerhabitus gehörte und sich ungeschönt in den Werken niederschlug, in Form von maskuliner Gewalt oder Fetischisierung des Weiblichen. Männern, die inzwischen mit dem Rücken zur Wand standen, die letzten Atemzüge ihrer schwindenden Bedeutung atmend, mit dem Wissen, dass sie sich bald im Altersheim selbst einpissen würden und dass mit ihnen auch der Typus des männlich-toxischen Künstlers untergehen würde.

Dass sie mit Pseudonym und Sturmhaube auftritt, ist ein Schachzug, der so clever wie notwendig ist: Der Körper, das Aussehen, die Person dahinter ist nicht entscheidend. Was zählt, ist das kreative Produkt. Selbst mit dieser Schutzmontur wird sie primär als Frau gelesen, kritisiert und angegriffen. Die Autorin wird sofort zur «Vertreterin von» — Feminismus, Kapitalismus- und Medienkritik, den wohlstandsverwahrlosten Millenials und so weiter. Gleichzeitig macht Jurassica in ihrem Schaffen ihrerseits prominente Männer zu «Vertretern von»: Peter Stamm als Stellvertreter des patriarchalen Literaturbetriebs, Pietro Supino als Stellvertreter eines maroden Mediensystems und Alain Berset als Stellvertreter einer männlich-autoritären Politik, die mit väterlicher Strenge durch Krisen führt und jegliche Kommunikation über Privatangelegenheiten juristisch unterbindet.

In diesem Sinne ist Jessica Jurassica kompromisslos und geradezu lustvoll subversiv, weshalb sie ganz bestimmt nicht zur nachsichtigen Erklärbärin taugt, die den mal mehr, mal weniger subtilen Sexismus der Schweiz für die breite Allgemeinheit begreifbar machen will. Das mag die eine Leserin oder den anderen Leser abschrecken, weshalb umso mehr zu hoffen bleibt, dass das Ideal des Kaputten dennoch die breite Allgemeinheit erreichen wird. Schlussendlich erzählt Jessica Jurassica einfach ihre Geschichte, und wer sich darauf einlässt, erfährt viel über die Verhältnisse, in denen wir heute leben.