Aberleben Roman
Um in Berlin ein neues Buch zu schreiben, verlässt A., ein Schriftsteller von siebzig Jahren, die Schweiz – und seine Ehe. Er hat beschlossen, seine Krebsbehandlung abzusetzen, dafür aber einer Figur, die er in seinem letzten Roman sterben ließ, ein zweites Leben zu bescheren.
Man kann in A.s Vorsatz die Wette zwischen Kunst und Leben wiederfinden, die in der westlichen Literatur Tradition hat. Dabei stößt sie mit einer frohen Botschaft zusammen, welche die Frage durch einen Erlöser für entschieden hält, dem man nur noch glauben muss. Indem A. der Einladung folgt, in Ostdeutschland eine Weihnachtspredigt zu halten, setzt er sich dieser Versuchung aus – aber erlebt auch andere, mit denen er nicht gewettet hat. Er erfährt, dass er über Figuren seiner Erfindung so wenig allein verfügen kann wie über andere Menschen, denen er begegnet. Dafür, dass es am Ende der ursprünglichen Wette fast nur Gewinner gibt, ist allerdings eine List der Kunst nötig: die Aufführung der Tragikomödie "Amphitryon" an einem Ort zwischen Ozean und Wüste, der selbst etwas Märchenhaftes hat. Dabei macht sich hinter der Szene schon ein Spielverderber bemerkbar: ein viraler Parasit, der die Errungenschaften des Homo sapiens als Selbstbetrug zu entlarven droht.
(Buchpräsentation C.H.Beck)
Heiter-versöhnlicher Bindestrich zwischen Leben und Tod
Zu Beginn des Romans verlegt der Ich-Erzähler Albisser, meist nur A. geschrieben, ein Schriftsteller von 70 Jahren, sein Leben von der Schweiz nach Berlin. In der Schweiz ist er verheiratet und unterzieht sich einer Krebstherapie. Da er die Nebenwirkungen nicht länger ertragen mag, bricht er die Therapie ab. Seiner Frau schreibt er einen Abschiedsbrief, die Katze, die ebenfalls an Krebs leidet, lässt er einschläfern. Was folgt, ist allerdings kein Buch über eine Trennung oder die Bewältigung einer tödlichen Krankheit und auch keines über einen späten Neuanfang, wie man erwarten könnte, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. In Berlin bezieht A. ein Zimmer in der Akademie der Künste, in der er, wie der Autor, Mitglied ist, und trifft auf die vormalige Präsidentin, der er zur Wahl verholfen hat und mit der er befreundet ist. In der Tasche hat A. einen noch verschlossenen Brief mit nach Berlin gebracht, der eine Einladung enthält, in Bebenroda, einer fiktiven Ortschaft in der verschwundenen DDR, die nächste Weihnachtspredigt zu halten.
In Berlin lebt Albisser losgelöst von allen Pflichten und Lasten. Die Welt, in der er sich bewegt, ist die seiner Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen; Ort ist also das Bewusstsein von Muschgs Alter Ego A. und nicht Berlin als alltagsreale Stadt. Das Personal des Romans ist zahlreich. Einige Charaktere hat der Autor aus eigenen früheren Werken übernommen, den Protagonisten Albisser etwa (die titelgebende Figur des Romans Albissers Grund von 1974) und Sutter aus Sutters Glück von 2001. In diesem Zusammenhang ist vielleicht relevant, dass Albisser sagt, er wolle kein neues Buch schreiben, sondern ein Buch, das er bereits einmal geschrieben habe, neu schreiben. Haben wir es in Aberleben mit dem Schriftsteller Adolf Muschg zu tun, der seine früheren Bücher neu schreibt? Oder ist das nur ein Allgemeinplatz, weil Autoren sowieso ständig ihre Lebensthemen neu schreiben?
Neben den Bezügen zu früheren Büchern von Muschg gibt es zahlreiche andere literarische und intertextuelle Ebenen, die in den Roman hineinspielen: Mit «Jean-Paul-Strasse» ist ein Kapitel im Roman übertitelt und an einem Ort «zwischen Wüste und Meer» in Marocco wird Kleists Tragikomödie Amphitryon aufgeführt. Keller, Shakespeare, viele Gedichte werden zitiert. Die Weihnachtspredigt von A. und diejenige, die Gian Cabalzar ein Jahr zuvor in Bebenroda gehalten hat, stellen sich als Varianten der gleichen Geschichte heraus. Es entsteht also auch eine Art Intertextualität zwischen zwei eigens für den Roman geschriebenen Texten.
Aberleben baut auf 366 Seiten ein weitverzweigtes Netz an Personen und Handlungen auf, das hier nur andeutungsweise wiedergegeben werden kann. Bedroht wird es durch den Tod, denn der Tod kann das Bewusstsein, das dieses Beziehungsnetz entworfen und aufbewahrt hat, auf einen Schlag auslöschen. Als Albisser nach Berlin kommt, findet die Jahrestagung der Akademie statt, die aus diesem Anlass eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel «Der gute Tod» organisiert hat. Besser als ein guter Tod ist allerdings gar kein Tod. Diese Fantasie vertritt der amerikanische Investor und Westküstenintellektuelle aus dem Silicon Valley mit Wurzeln im deutschsprachigen Prag Kafkas, Nep Frats. Er hält einen Vortrag über sein Unternehmen The Demise of Death, das versucht, den Tod als persönliches Schicksal abzuschaffen, da der Tod seiner Meinung nach eine Verschwendung der Natur ist, die die Entwicklung des Menschen so weit vorangetrieben hat. Die Firma schaut sich Langlebigkeitsstrategien u.a. vom Nacktmull ab und versucht, Gedichte mit einem evolutionären Entwicklungssprung direkt in Medizin umzuwandeln. Dieses Projekt ist allerdings auf die Zukunft gerichtet, vorerst sterben auch die Teilnehmer an den Langlebigkeitsexperimenten noch. «Jeder Bindestrich zwischen Leben und Tod war Wunschdenken – an seine Stelle setzte die Kunst ihre Fiktion unerschöpflicher Gegenwart».
Wie er so dahinmäandriert, erscheint nichts an diesem Roman dringlich. Die Sprache ist gepflegt und schön, wirkt aber mit dem zunehmend ausgefallenen Vokabular bald mehr klügelnd als klug. Dialoge bestehen aus Merksätzen und bon mots wie «Literatur ist, sich mit der Einsicht wichtig zu machen, dass du nicht wichtig bist» oder «Und wo willst du leben?», fragt Judith, «Hier, wie so viele Schweizer Künstler mit Zukunft. Wer nichts wird, wird Berliner». Kommt dazu, dass Handlung und Charaktere die Leserin nicht emotional zu engagieren vermögen und dass einem bei den vielen Figuren der rote Faden der Handlung abhanden kommt. Spätestens in der Hälfte des Buches steht man recht verloren da.
Albisser ist meist ein spöttischer, ironischer, distanzierter Protagonist; manchmal bringt er die Fiktionalität seiner eigenen Existenz ins Spiel: «Verzeihung, aber das ist nur die Kraft deiner Beschwörung. Eigentlich bin ich gar nicht da.» Immer wieder tauchen persönliche Interessen Muschgs, wie die japanische Badetradition, im Roman auf. Die aktuellen gesellschaftlichen Themen, die in den Text eingearbeitet sind, wirken hingegen wie in weiter Ferne. Gender, Fake News, die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und sogar ein lebensbedrohliches Virus kommen vor. Letzteres schätzt A. als blosses Symptom ein: «Der entfesselte Markt selbst ist ein Erreger, der Unheilbarkeit erzeugt.» Nep Frats’ Biotechniker fanden das Unsterblichkeits-Gen und entwickelten aus einem Gedicht einen Wirkstoff, mit dem sich Krebs auch im Endstadium erfolgreich bekämpfen lässt, der dann allerdings zu einem tödlichen Virus mutierte, das auch auf andere übersprang. Nichts schützt den Menschen vor sich und seiner Gier, so die Botschaft. Wie wahr, aber auch wie belanglos, da es bei wohlformulierten Feststellungen ohne jegliche Auswirkung bleibt.
Am Ende des Romans gibt es einen Todesfall, der demonstriert, dass selbst der Tod nichts Verstörendes, nichts Tragisches mehr hat für Albisser. Er bleibt souverän heiter und lebensfreudig angesichts der Vergänglichkeit, die auch ihn bald einholen wird und angesichts der Katastrophen, die die Menschheit ausgelöst hat.
In einem Interview in der NZZ am Sonntag vergleicht Muschg Aberleben mit Shakespeares Sturm: «Erst hinterher kommt es mir vor, als sei Aberleben eigentlich eine Paraphrase von Shakespeares Sturm. Wie Prospero brauche ich ganz viele Geister, um auf meiner Insel zu überleben, meine Stürme zu wecken und sich wieder legen zu lassen. Aber es ist nicht so, dass ich alles in meinen Büchern schlüssig deuten könnte. Sogar A., die Hauptfigur, ist mir am Ende davongetanzt und hat sich von seinen und meinen Sorgen spielend abgesetzt.»