Der Wod Roman
Ein leise und bös dahergesagter Satz auf einer Feier zum Fünfundsiebzigsten führt zu Herzinfarkt und Blutvergießen. Denn Jahrzehnte zuvor, auf der Flucht zweier kleiner Brüder aus Mecklenburg zu Kriegsende, ist etwas geschehen, das nicht vergessen, nie vergeben wurde. Und ein Unglück zeugt das nächste in der schweizerisch-deutschen Familie, um deren Geschichte es hier geht.
Der Roman spannt einen Bogen über Epochen und Ländergrenzen hinweg, erzählt vielstimmig und mit regionalen und historischen Sprachfärbungen viel Welt: von einer Druckerei in Mecklenburg, der Uhrenmanufaktur in der Schweiz, von Geheimgesellschaften und Künstlerkreisen, Nazis und Widerständlern, Großbürgern und Hell’s Angels, Feigheit und Mut, Krieg und Vertreibung, Geheimnisse, Lügen, Tod und Neubeginn,. Und immer wieder ist da der titelgebende Wod, der wilde Jäger aus der norddeutschen Sage, über den man ungestraft nicht spottet, denn sonst lässt er einen ein Leben lang nicht los ...
(Rowohlt)
Rezension
Vor den ersten Zeilen des Romans Der Wod von Silvia Tschui steht eine ungestellte Frage, die unausgesprochene Frage eines Kindes an seine Mutter. Es ist die Frage aller Fragen, die eigentlich am Anfang jeder Erzählung steht: «Was ist passiert?», «Wo komme ich her?». Der Roman beginnt mit der Antwort der Mutter Charlotte:
«’Also gut’, sagt Charlotte mitten im Streit und setzt sofort einen Blinker, ‘also gut, du bist langsam alt genug, das zu verstehen. Ich muss mit der Diamantkette anfangen. Oder, nein, mit den Kartoffeln, ich muss mit den Kartoffeln und den Grossonkeln anfangen.’»
Diese Frage nach der Herkunft, nach der Familiengeschichte, nach den Ursachen der Gegenwart bleibt über die ganze Erzählung hinweg präsent, begleitet die Leserinnen und Leser bei der Erkundung einer Familiengeschichte, entlang von Lebenslinien, in Verästelungen, über Bruchstellen, in Sackgassen. Der Wod erzählt von einer vom Krieg gezeichneten deutsch-schweizerischen Familie über mehrere Generationen.
Im Zentrum dieser Familiengeschichte steht Lilli, die während dem zweiten Weltkrieg als junge Frau aus Deutschland mit ihrem Schweizer Ehemann in die Innerschweiz emigriert. Auch im Stammbaum, der am Anfang des Romans abgedruckt ist, steht ihr Name im Zentrum. Mit ihrem 75. Geburtstagsfest, an dem sich ein grosser Teil der Familie in einer Villa am Ufer des Zürichsees zusammenfindet, beginnt die Erzählung. Eine Bemerkung zwischen den beiden Brüdern Nis und Karl führt zu einem Eklat, den Charlotte dazu anregt, der Familiengeschichte nachzugehen.
Eine Zusammenfassung des Romans macht hier aber gar keinen Sinn, so virtuos sind die verschiedenen Erzählstränge, die den Lebensläufen der Figuren über vier Generationen hinweg folgen, ineinander verwoben. Die Erzählung mäandriert zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern hin und her, von Deutschland in die Schweiz, zwischen den Zeitebenen, verfolgt die Geschichten einzelner Figuren für eine Weile, schwenkt dann wieder um oder bricht abrupt ab. Manchmal wechselt die Erzählung mitten im Satz den Schauplatz oder die Zeitebene, und die verschiedenen Episoden gehen fliessend ineinander über. Manchmal bricht die eine Erzählung auch einfach ab, ebenfalls mitten im Satz, und eine neue beginnt, ein Faden wird wieder aufgenommen.
Diese brillante Erzählstruktur spiegelt auch die komplexen Beziehungen innerhalb der Familie und zeigt sowohl Parallelen und Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern als auch unüberwindbare Risse in der Familie. Die Erzählung folgt den verschiedensten Lebensentwürfen ihrer Figuren und streift so unzählige Themen. Gleichzeitig ist die Erzählung so dicht, dass sie nie Gefahr läuft, sich in den Verästelungen des Stammbaums zu verlieren. So ziehen sich auch viele Motive durch die Erzählung, die die Figuren und Lebensphasen verbinden, so zum Beispiel die eingangs erwähnten Kartoffeln. Auch Edelsteine spielen eine wichtige Rolle und werden nebst den Kartoffeln zu Symbolen der Familiengeschichte. Nach und nach entwirren sich die Lebenslinien, aufgeworfene Fragen werden beantwortet und sogleich neue gestellt und Zusammenhänge offengelegt.
Was die Familienmitglieder verbindet, über alle Generationen hinweg, ist die Kriegserfahrung. Während Lilli als junge Frau dem Krieg in die sichere Schweiz entflieht und dort ganz andere Kämpfe zu kämpfen hat, müssen sich ihre Halbbrüder Nis und Karl mit ihrer Mutter auf der Flucht in Deutschland durchschlagen. Spätere Generationen haben mit abwesenden Eltern, unerfüllbaren Erwartungen oder psychischen Krankheiten zu kämpfen.
Silvia Tschui beschreibt in Der Wod auf eindrückliche Weise, was ein Krieg über Generationen hinweg mit Menschen macht. Dabei zeichnet sie komplexe Figuren, die nie nur gut oder nur böse sind, die alle auf unterschiedliche Weise leben, deren teilweise schrecklichen Taten immer nachvollziehbar sind. Dabei fragt die Erzählung stets danach, was Menschen zu dem macht, was sie sind. Warum Menschen geliebten Mitmenschen Böses antun, was in einer Familie weitergegeben wird und welche Fehler perpetuiert werden. Stets versuchen die Eltern ihre Kinder vor ihren eigenen schlechten Erfahrungen zu bewahren - und scheitern daran.
Und der titelgebende Wod? Der Wod ist eine sagenhafte Gestalt, von der man sich erzählt, er richte viel Böses an und hole einen, wenn man auf dem Mittelweg gehe. So ist der Wod als Symbol für das Böse zu verstehen, als Symbol für den Krieg, der eben viel mehr zu verantworten hat, als Flüchtende oder Tote auf den Schlachtfeldern, der Menschen über Generationen versehrt.
Am Schluss des Romans kehrt die Erzählung zu Charlotte und ihrem Sohn zurück, der – wie man unterdessen erfahren hat – das Resultat einer In-Vitro-Befruchtung ist, ohne Vater aufwächst, und so gewissermassen, mindestens teilweise, von dieser belasteten Familiengeschichte losgelöst ist. Interessanterweise ist er auch nicht im Stammbaum aufgeführt. Seine Mutter verzweifelt an ihrer Familiengeschichte:
… Charlotte sinkt und muss gleichzeitig lachen, bitter und über sich selbst: Wie naiv kann man eigentlich sein? Charlotte hatte recht, sie hatte recht mit der rollenden Kugel, mit der Unmöglichkeit von Familie, mit der Unmöglichkeit von Erinnerung, mit der totalen Unmöglichkeit einer Erzählung. Sie steht vor ihrer Wand, vor den Linien, es sind alles Lügen, abscheuliche Lügen, das meiste davon sind Lügen, und sie führen direkt zu ihr.
Am Ende des Romans übergibt Charlotte ihrem Sohn die niedergeschriebene Geschichte, als Erklärung, als Angebot, und es eröffnet sich die Möglichkeit einer Versöhnung mit der Geschichte.