Kapitulation
Roman

Fünf kunstschaffende Frauen, die einst von ihrem Können überzeugt waren, sind heute auf dem Boden der Realität angekommen: Sie können und sie wollen, doch sie werden übersehen, gemobbt oder gehen vergessen. Von ihren großen Träumen, mit denen sie sich vor bald zwanzig Jahren identifiziert haben, sind nur noch Bruchstücke übrig. Kapitulation offenbart ein umfassendes Panoptikum weiblicher Realität. Mit bösem Witz, hautnah und messerscharf.
Adrienne Rytz-Bonnet, ehemalige Präsidentin eines internationalen Kunststipendienprogramms, lädt zu einer Réunion ein. Unheilbar an Krebs erkrankt, will sie die Menschen wiedersehen, die ihre einst glücklichste Berufszeit begleitet haben: Künstlerinnen und Künstler, die sie gefördert und mit denen sie in der Villa de Artium auf der Insel Krk ihre beste Zeit verbracht hat. Vier Frauen sagen zu: Aina, eine schweizerisch-kasachische Aktionskünstlerin, die Schottin Kirsty, vielversprechende Literaturübersetzerin, die Wienerin Brigitte, Bratschentalent, und die französische Starautorin Chloé. Aus spontaner Sentimentalität lädt Adrienne auch ihre Tochter Nomi und die Privatmasseurin Yvonne zum Treffen ein.
In den zwei Tagen vor dem Wiedersehen erleben wir diese Frauen in ihrem aufreibenden Alltag. Aina arbeitet im Zürcher Kunsthaus, wo sie missmutig Bilder zählt; Kirsty wird mit ihrem Lebenswerk zu einem zweifelhaften Wettbewerb nach Edinburgh eingeladen; Brigitte hat ihre Bratsche längst gegen einen Zookittel eingetauscht; und Chloé muss sich mit ihrem Literaturagenten auseinandersetzen, der ihr rät, schlanke Bücher zu verfassen.
Geschieden, verwitwet, verheiratet, mit oder ohne Kinder: Abschnitt für Abschnitt offenbart sich weibliche Lebensrealität bis hin zur Bruchstelle, an der sie alle ihre Träume, wenn nicht ganz aufgegeben, so doch diminuiert haben. Beim Wiedersehen, nach Essgelage und genügend Getränk, kommt die Frage auf: Wie viel Platz steht uns Frauen heute zu? Nomi, Adriennes Tochter, scherzt: Wenn unser Platz schon so verschwindend klein ist, was wäre, wenn wir alle ganz verschwinden würden – alle Frauen auf einen Streich?
Was als Idee zuerst betroffen macht, dann weggelacht wird, bleibt in der subversiv veranlagten Aina haften und wächst in ihr zu einem Plan, der sie das Leben kosten könnte. Am nächsten Arbeitstag geht sie mit einem gefährlichen Ansinnen ins Kunsthaus...

(Buchpräsentation lectorbooks)

Szenen einer sexistischen Gesellschaft

von Ruth Gantert
Publiziert am 26.07.2021

«... Drei ...», «… Zwei …», «… Eins …», «Zündung!», so nennt Michèle Minelli die vier Kapitel ihres neuen Romans und legt damit eine explosive Handlung an, die mit einem Grosseinsatz der Polizei im Zürcher Kunsthaus enden wird. Auch die zur Explosion führende Geschichte könnte die eines Kriminalromans sein: Vier Frauen aus vier verschiedenen Ländern erhalten einen Brief in einem sahnefarbenen Umschlag – es ist die Einladung zu einer Art Klassentreffen in Zürich. Achtzehn Jahre zuvor hatten alle vier als Stipendiatinnen einer Kulturstiftung einen schöpferischen Aufenthalt auf der Insel Krk verbracht. Nun organisiert die ehemalige Stiftungsratspräsidentin Adrienne ein Treffen dieses ersten Jahrgangs der «Villa de Artium» – und da die Männer aus verschiedenen Gründen fehlen, wird es zu einem Frauentreffen. Spontan lädt Adrienne auch Yvonne dazu ein, eine Stör-Masseurin, die sie soeben zum ersten Mal gebucht hat. Dazu gesellt sich noch Adriennes Tochter Nomi, die aus London zu Besuch kommt, mit Sohn Maximilian, der unterdessen zu einem Mädchen geworden ist und sich Gretchen nennt.

Bevor es zum Treffen in Zürich kommt, stellen kurze, aufeinanderfolgende Alltagsszenen Adrienne, Yvonne und die vier ehemaligen Stipendiatinnen in ihrer aktuellen Lebenssituation vor: Adrienne ist im Rentenalter, sie engagiert sich in einer modernen Wohnsiedlung und im Tierschutz. Sie ist krebskrank und hat einen künstlichen Darmausgang, weshalb sie immer mit ihrem «Bodybag» unterwegs ist. Yvonne aus Trinidad ist dabei, ihr Diplom als Masseurin, das in der Schweiz nicht anerkannt wurde, berufsbegleitend nochmals zu erwerben. Ausserdem kümmert sie sich um Kinder, Haushalt und ihren depressiven Mann. «Wir schaffen das. Auch wenn das seit Wochen, Monaten bedeutet: ich.» Die 36-jährige Aina inszeniert nach dem Kunststudium in Brüssel Aktionen und Performances und arbeitet während einer beruflichen und privaten Krise als Aufsicht im Zürcher Kunsthaus. Die fünf Jahre ältere Brigitte aus Wien hat ihre Orchesterstelle als Bratschistin gekündigt und Biologie studiert. Sie ist zu ihrer Frau nach Deutschland gezogen und arbeitet im Zoo. Das Paar wünscht sich ein Kind und sucht einen Samenspender. Die Schottin Kirsty, Archivarin, Übersetzerin und Biografin ihrer jüdischen Grossmutter, reist nach Edinburgh, da sie für einen Preis nominiert ist. Unterdessen kümmert sich ihr Ex-Mann um Haus, Hund und Pferd und, wie sich später herausstellt, auch um den erwachsenen Sohn auf Drogenentzug. Chloé galt einst als «Fräuleinwunder der französischen Literatur». Nun sinken die Verkaufszahlen ihrer Bücher, und ihr koreanischer Agent lehnt das neue Manuskript ab, da, wie er sagt, ein achthundert Seiten dickes Buch mit einer weiblichen Protagonistin kaum ernst genommen würde.

Michèle Minellis achter Roman enthält vielleicht etwas zu viele der aktuellen Themen im Bestreben, verschiedene Protagonistinnen in jeder möglichen Situation zu zeigen, die das Machtgefälle der männerdominierten Gesellschaft verdeutlicht: Frauen werden nicht beachtet oder nicht ernst genommen, ihre äussere Erscheinung wird kommentiert und abgewertet, sie erfahren Übergriffe und Gewalt, Diskrimination, Rassismus. Sprachlich bedienen die Verankerungen zuweilen etwas eindringlich einzelne Schubladen, wenn die Schottin Kirstin ständig «eh» und «aye» sagt und die Österreicherin Brigitte in typisch wienerischer Wortwahl und Syntax spricht. Trotz dieser Vorbehalte überzeugt der Roman mit seinem rasanten Wechsel zwischen den einzelnen, klug gezeichneten Szenen, zwischen präzisen Beobachtungen und sarkastischen Kommentaren. So bemerkt Aina gleich zu Beginn im Café über den Gleisen des Zürcher Hauptbahnhofs ein Paar, das miteinander spricht und konstatiert wegen der englischen Begriffe aus der Business-Welt, die bis zu ihr dringen: «Es hört sich an wie ein Bewerbungsgespräch». Und weiter: «Es ist offensichtlich, dass er die Stelle will. Wieso sonst sollte er die Frau so lange sprechen lassen?»

Die satirische Darstellung der Arbeitswelt und speziell des «Kulturbetriebs» liest sich mit Lust und Gewinn. Die Autorin versteht es meisterhaft, sprachliche Floskeln, körperliche Gesten und gesellschaftliche Rituale zu entlarven. Die reiche Zürcher Kaufmannstocher Adrienne bewegt sich geschmeidig auf dem Wirtschaftsparkett und kann die erforderlichen Formulierungen wie «Es hat sich gezeigt, dass ...» problemlos liefern. Die anderen Frauen erleiden mehr oder weniger grandiosen Schiffbruch im Versuch, sich gegen die männliche Arroganz durchzusetzen. Kernstück dieser Thematik – und die längste zusammenhängende Szene – ist eine Fernsehdebatte über die grüne Politikerin Elle Dubois, die eine Umfrage über Sexismusvorfälle im Europaparlament durchgeführt und deren Ergebnisse publiziert hat. Chloé ist als «Quotenfrau» zur Sendung «Faits et Folies chez Féliks» eingeladen und erhält kaum das Wort, obwohl sie als Einzige etwas auf der sachlichen Ebene beizutragen hätte.

Bei ihrem gemeinsamen Treffen im vorletzten Kapitel lassen sich die Frauen unter anderem von der Biologin Brigitte erklären, was ein Habit Loop ist.

«Neurowissenschaftlich spricht man von Habit Loops, die antrainiert werden können oder antrainiert wurden und anschließend ohne wissentliche beziehungsweise willentliche Beeinflussung ablaufen. Automatisiert und neuronal sozusagen fix verdrahtet. [...]
Will man an einem Habit Loop etwas ändern, also eine andere oder neue Gewohnheit daraus machen, dann ist es tatsächlich schwierig, die alte neuronale Bahnung zu durchbrechen. Die kehrt eben gerne in die Homöostase, das heißt in den alten Trott, zurück. Neues daraus zu machen, ist anstrengend, einen Habit Loop zu überschreiben, ist mühsam.» (S. 232-233)

Wie liesse sich aus den Habit Loops der in Kapitulation vorgeführten Gesellschaft ausbrechen? Die Weigerung einzelner Frauen, sich die Haare zu färben (oder zu rasieren), kann da nicht genügen. Momente gelebter Frauensolidarität sind zwar schön, lösen das Problem aber ebenfalls nicht. In der Fernsehdebatte plädiert Chloé für eine nüchterne und humorvolle Darstellung der Fakten. Eine ganz andere, spektakuläre Aktion unternimmt Aina am Ende des Buches. Vielleicht wäre diese «Zündung» nicht mehr nötig gewesen, ohne sie würde uns allerdings die berührende Schluss-Szene entgehen, die uns doch noch mit einer gewissen Hoffnung entlässt, mit einem Vertrauen in die künftige Generation – und in die Kunst.