Windstill Roman
Ein heißer drückender Sommermorgen in Südfrankreich. In einem leicht verfallenen Schloss verlebt eine zusammengewürfelte Schar von Gästen entspannte Ferientage. Sie kochen gemeinsam, trinken auf der Terrasse Wein und genießen den Blick auf die blaue Bergkette in der Ferne. Dann passiert das Unfassbare: Marie stolpert und stürzt. Sie ist auf der Stelle tot. Die Anwesenden bahnen sich einen Weg durch die ersten Stunden nach ihrem Tod – Dorothea faltet Maries Wäsche, Odile setzt sich ans Klavier, Stephan f lüchtet mit den Kindern in den Garten. Bei jedem hinterlässt Maries Tod andere Spuren, bleiben andere Erinnerungen zurück.
(Buchpräsentation Dörlemann Verlag)
Rezension
Wie tritt er auf, der Tod? Leichtfertig wird er verdrängt, beiseite geschoben in ein fernes, kaum vorstellbares Morgen, und steht dann doch plötzlich vor der Tür. In Windstill ist es eine Terrassentür, vor der er frühmorgens wartet, als Marie hinaustritt. Sie rutscht auf einer Spielzeuglok aus, fällt auf das Metallrohr des Sonnenschirmständers - und stirbt sogleich mit gebrochenem Genick. Von diesem Ausgangspunkt bewegt sich Ilia Vasellas Erzählung durch die darauffolgenden vierundzwanzig Stunden.
Die Terrassentür gehört zu einer verfallenden Villa in Südfrankreich, in der eine Handvoll Menschen die Sommerferien verbringt. Da sind Dorothea und Mauro mit ihren dreizehnjährigen Zwillingen, da ist Stephan mit Tochter Lara, der Jugendliche Nick, der Französisch lernen soll. Marie war mit ihrem Partner Franz angereist, der den Hausbesitzer Pierre seit Jahren kennt. Und schliesslich ist da auch noch Odile, die eigenbrötlerische Untermieterin, die den Gemüsegarten pflegt und offene Konflikte verabscheut. Die Feriengäste richten sich ein in dieser Urlaubs-WG, essen gemeinsam, haben abwechselnd ein Auge auf die Kinder, die sich schnell und umstandslos zusammentun:
Während die Kinder über die dunkle Wiese stieben und sich ihr ausgelassenes Geschrei zu den ausgeruhten Eltern hinaufwindet, nährt sich die manchmal täglich veränderte, vom Zufall zusammengeworfene Feriengemeinschaft am verführerischen Bühnenbild des ländlichen Sommerabends.
Marie stirbt also in dieser kitschigen Kulisse französischer Landhaus-Idylle, weit weg von ihrem eigentlichen Leben und vor den Augen von Halb-Fremden, die ganz unterschiedlich auf den Vorfall reagieren. Franz ist versteinert und verliert sich in Erinnerungen, Pierre ruft den Notarzt, Stephan lenkt die Kinder ab. Dorothea und Odile tragen Marie hinein ins kühle Wohnzimmer, dort wird sie aufgebahrt bleiben bis zu ihrem Abtransport. Eine allwissende Erzählstimme, die die meiste Zeit über Dorotheas Schulter schaut, kommentiert das Geschehen. Das Notwendige wird getan, Handgriffe, Telefonate, die Zeit vergeht trotz Hitze und Sprachlosigkeit. Schliesslich fahren Mauro und Stephan mit den Kindern an den Stausee, während Franz, Odile und Dorothea in der Villa bleiben. Letztere denkt zurück an die verbrachten Tage mit Marie und ihre Eigenheiten, die sie beobachtet hat:
Wie manierlich Marie isst, um dann unvermutet ein Salatblatt mit den Händen aus dem Teller zu greifen, eine Kartoffel, eine Handvoll Reis, ein Vergnügen ganz offensichtlich, und wie sie sich die Finger ableckt, ausführlich.
Ilia Vasella erzählt unaufgeregt und einfühlsam, ihre Figuren skizziert sie sorgfältig, einige konturierter als andere. Sie tut dies mit üppigen, ausschweifenden Pinselstrichen und Sätzen, die zuweilen aufquellen wie ineinander zerfliessende Wasserfarben. Das Szenario hat etwas verblüffend Tröstliches, wie eine fiktive Trockenübung, mit der sich einreden lässt, zumindest ein wenig vorbereitet zu sein auf das kaum Denkbare. Denn eigentlich wissen wir es ja: Das kann passieren, jederzeit, der Tod kann kommen und wird zum Tropfen, der weite, unvorhersehbare Kreise zieht bis in die Zukunft. Natürlich ist Windstill als Visualisierung trügerisch, weil diese nicht echt ist. Der Schrecken ist ein ganz anderer, wenn er in die Realität heraustritt und ein Erlebnis wird, dass sich nicht teilen lässt. Und doch bleibt diese Villa ein Ort, an den die Leserin gedanklich zurückreisen kann, ganz so, als ob sie selbst einmal ihre Ferien dort verbracht hätte.