Capricho
Ein Sommer in meinem Garten

Ein Autor fährt wie jedes Jahr in sein einfaches Sommerhaus in einem verfallenden spanischen Dorf, dem letzten am Ende der Landstraße. Die Geschichte genau dieses Dorfes will er niederschreiben, doch fehlen ihm die Worte. Stattdessen beginnt er, seinen ›Huerto‹, den Garten, zu bestellen, und kommt dabei mit den Nachbarn samt deren Geschichten und Tipps, vor allem aber mit sich selbst und der Natur ins Gespräch.

(Diogenes Verlag)

Einfach so

von Dominik Müller
Publiziert am 10.05.2021

Señora Immaculada, eine der alten Bewohnerinnen, die dem katalonischen Dorf noch geblieben sind, ist überrascht, dass der Ausländer, der hier seit Jahren ein Haus besitzt, neuerdings seinen Gemüsegarten bebaut.

Aber wozu?, wollte sie wissen.
Einfach so, sagte ich und sie meinte: ¡Un capricho y ya van!
Einfach eine Laune und nichts weiter!

So kommt das Unternehmen zu einem Namen und das neue Prosabuch von Beat Sterchi, das davon erzählt, zu seinem Titel. Die Laune verlangt dem Ich-Erzähler, der seinem Autor sehr nahe stehen dürfte, einiges an Ausdauer ab. Er muss die Wildnis zuerst urbar machen und die Bewässerung in Stand stellen, bevor er die Beete anlegen, säen und ansetzen kann. Umso grösser ist dann die Befriedigung, täglich in einem blauen Eimer das eigene Gemüse nachhause tragen zu können. Auch die Verwüstungen durch Hagel und Füchse (oder sind es vielleicht doch Steinböcke?) können seinem Eifer nichts anhaben. Diesen zu zügeln, muss ebenfalls gelernt werden; wer zu wild drauflos hackt, kommt schnell ausser Atem.
Der Garten gibt Gesprächsstoff mit den Alten des Dorfes. Sie verfolgen die Fortschritte mit freundlicher Ironie und guten Ratschlägen. Den Dank dafür quittiert einer von ihnen verschmitzt mit der Versicherung, er werde im Gegenzug um Rat nachsuchen, wenn er dann mal ein Buch schreibe. Von Beruf ist der Hobbygärtner nämlich Schriftsteller. Er hat sich für längere Zeit in sein Haus in Spanien zurückgezogen, um ein schriftstellerisches Projekt voranzubringen. Das will nicht gelingen. Die Arbeit im Garten wird zur willkommenen Ersatzhandlung.

Dabei war mein Schreibvorhaben überhaupt nicht unbescheiden oder gar vermessener Natur. Ganz im Gegenteil. Aber anders als im huerto war mir das Vorgehen nicht klar, ich wusste nicht, was ich zu tun hatte.

Die Arbeit im Garten ist nicht nur eine Schule der Langsamkeit, sondern auch eine der Achtsamkeit für die kleine Veränderungen in der Vegetation, für Farben, Gerüche und Geräusche. Den Schriftsteller im Gärtner drängt es, festzuhalten, was er wahrnimmt. So bringt er neben der Hacke auch sein Notizheft mit. Einmal versucht er es mit der Kamera, ist aber vom Ergebnis enttäuscht.

Ohne den Geruch der Erde, ohne das Tuscheln der Pappeln im Wind, ohne die Geschäftigkeit der Insekten und der Vögel, die die Luft zum Vibrieren bringen, bleibt nichts als grünes Blattwerk: langweilig und leblos.

Diese literarische Nachbereitung der Fotos ist bezeichnend für die Lebendigkeit, womit der behutsame Sprachkünstler Sterchi Natur oder genauer: das Erleben von Natur schildert. Ihm steht eine reiche und nuancierte Sprache zur Verfügung, sein Bericht lebt von der Liebe zum Detail, ohne sich an dieses zu verlieren. Temperiert durch Gelassenheit und Lakonik, wird das Entzücken besonders ansteckend.

Schön und gut! Aber mehr als 250 Seiten und nichts als Garten und ein paar Gespräche mit Alten? Wird das nicht monoton? Ist ein Gespräch über Kartoffeln, Zucchetti und ein paar Rosen zwar nicht grad ein Verbrechen aber doch eine Fahrlässigkeit, weil es «ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst», wie Brecht das in seinem berühmten Gedicht den «Nachgeborenen» auseinandersetzte? Es gehört zum Reiz der Lektüre, herauszufinden, weshalb Capricho weder langweilig noch bedenklich ist, einen vielmehr packt und nicht mehr loslässt, bis es in einem Epilog ausklingt.

Viele Gründe können angeführt werden. Da sind einmal die Vielfalt und Genauigkeit der Beschreibungen. Dann die überraschenden Einwürfe der Alten, etwa der Señora Remedios. Sie fordert, dass die Entscheidung, wer Präsident wird, sich nicht in Wahlen entscheide, sondern daran, wer mit einem Mauleselgespann die geradesten Furchen in einen Acker zu pflügen vermag.

Nichts sei nämlich schwieriger als eben dies […], und wer dazu fähig sei, der hätte ihr Vertrauen verdient und der hätte auch als Einziger das Zeug zum Befehligen und zum Regieren des ganzen Landes.

Wichtig für dieses Buch, das souverän auf alles verzichtet, was ein belletristisches Werk attraktiv zu machen verspricht – eine spannende Story, Konflikte, exotische Dekors, zu lüftende Geheimnisse –, ist das gekonnte Spiel mit Wiederholungen. Beat Sterchi ist darin ein variationsreicher Spezialist. In seinem legendären Erstling, dem Roman Bloesch, treibt ein immer wiederkehrendes stumpfsinniges «Bum Bum Bum» den spanischen Gastarbeiter Ambrosio in einem alten Berner Bauernhof fast zum Wahnsinn. Die Wiederholung von Wörtern bestimmen Sterchis von der konkreten Poesie inspirierten Mundartgedichte. Sie laugt die Wortbedeutungen aus, bis eine überraschende Schlusswendung diese wieder wachruft. In Capricho sind die Wiederholungen formaler und inhaltlicher Natur. Die Kapitel sind alle ungefähr gleich lang und tragen einen dreigliedrigen Titel. Der Gang mit dem blauen Eimer den Kanal entlang in den Garten, die Arbeit dort und die Rückkehr werden immer von Neuem beschrieben. Das steht nicht für Stumpfsinn, sondern für einen bekömmlichen Lebensrhythmus, der von der natürlichen, zyklischen Zeit der Tage und Jahre bestimmt wird. Wäre das Bauprinzip aber nur ein additives, fehlte dem Buch sein ganz eigener Spannungsbogen. Nichts drängt und nichts hindert uns, den Gang durchs Gartenjahr auch als Gang durch ein Leben zu verstehen.

Das Wichtigste dürfte aber sein, dass Sterchis zufriedenes Erzählen vom Garten Brechts Bedenken nicht bestätigt: Es schliesst das Schweigen über das Ungute nicht ein. Im Gegenteil: Vieles kommt davon zur Sprache. So hat das Buch etwas von der Sprunghaftigkeit von Ziegen, die nach traditionellem Formverständnis ein Capriccio bestimmt. Die Themenwechsel und Abschweifungen sind aber nie abrupt und forciert. Sie ergeben sich wie von selbst. Immer wiederkehrende Themen sind die sterbende Landwirtschaft (wie schon in Bloesch), Krankheit und Tod, mit denen sich die Alten konfrontiert sehen, die Obszönitäten des Tourismus unten an der Küste. Von dem harzenden Schreibvorhaben gibt der Schriftsteller weniger preis als von den Büchern, die er dafür liest. Es geht offenbar um die Geschichte des Dorfes, das einmal, reich bevölkert, eingebettet war in Gärten und Weinberge. Davon zeugen nur noch zerfallende Trockenmauern. Von den Verbrechen des Spanischen Bürgerkriegs blieb das Dorf auch nicht verschont.

Das Buch, das wir in Händen haben, ist offensichtlich nicht das geplante. Der Garten, in den der Schriftsteller davor floh, hat sich breit gemacht. Er hat aber das ursprüngliche Thema nicht überwuchert. Der alte Plan und die Abhaltung sind zu einem schönen Ausgleich gekommen – manchmal führen erst Umwege ans Ziel.

Das Gartenglück, von dem Capricho zu erzählen sich traut, erscheint vor einer dunklen Grundierung, die es relativiert, aber auch zum Leuchten bringt. Vielleicht ist es die heitere Gelassenheit, mit der vorgeführt wird, wie man sich des einen erfreuen kann, ohne für das andere blind zu sein, die dieses Buch so liebenswert macht.