Lauter nette Menschen Roman
Die Drehers sind eine ganz normale Familie: zwei Kinder, ein Haus, eine Katze. Man isst gemeinsam, man redet miteinander. Doch das neue Jahr bringt Veränderungen mit sich. Als Tarek, ein junger Flüchtling und Inges neuestes Projekt, im Keller einzieht, sucht Heiner murrend Zuflucht in der Gartenlaube, wo er dichtet und böse Briefe schreibt. Die beiden halbwüchsigen Söhne Nick und Josch rebellieren auf ihre Weise und entdecken die Lust am Verbotenen. Am Ende dieses ganz gewöhnlichen Jahres ist bei den Drehers nichts mehr beim Alten, die Katze einmal ausgenommen.
(Buchpräsentation Goldmann Verlag)
Zu schön, um wahr zu sein?
Familie, das bedeutet Nähe – zu viel Nähe?
Bitte sehr, ich lass euch in mein Zimmer, nehmt Platz, aber ich will nicht, dass ihr in meinem Kopf herumspaziert und mich ausspioniert.
So verteidigt Josh, der zweite Sohn der Familie Dreher, seine Privatsphäre. Angelika Waldis’ Roman Lauter nette Menschen begleitet die vier Familienmitglieder, Mutter Inge, Vater Heiner und die beiden Söhne Nick und Josh durch ein «ganz gewöhnliches Jahr» (S. 11). Der Roman tut genau, was der Dreizehnjährige sich verbittet: Er spaziert in den Köpfen der vier Personen herum. Reihum nimmt er sich diese vor, um aus wechselnden Perspektiven zu erzählen. Im normalen Leben ist das – trotz aller Befürchtungen, die familiärer Nähestress heraufbeschwören kann – nicht möglich, in einem Roman dagegen schon.
Ein solcher zu sein, verleugnet Angelika Waldis Buch auch sonst nicht. So «gewöhnlich» wie angekündigt ist das erzählte Jahr nicht. Dass ein Junge in die Sexualität hineinwächst, ist zwar aus einer allgemeinen Perspektive etwas Gewöhnliches, aber nicht aus der Perspektive des Betroffenen. Gleiches gilt für einen Karriereknick oder für einen Seitensprung. Dass eine Familie ein Kellerzimmer freiräumt, um einen Flüchtling aufzunehmen oder gar einen halbtoten fremden Mann in der Garage findet, übersteigt dann vollends die Normalität, jedenfalls eine schweizerische. Die Handlung des Romans rückt nicht nur die Normalitätsbehauptung, sondern auch den Romantitel mehr und mehr in ein ironisches Licht, denn die vier haben längst nicht nur nette Seiten. Dass die Drehers das Jahr dennoch als ein «gewöhnliches» abbuchen können und die Sympathien nie verspielen, hängt mit ihrer Ironiefähigkeit zusammen. Diese dürfte sie auch so krisenresistent machen. Angelika Waldis’ Buch ist eine Liebeserklärung an die Familie, obwohl es mit nüchternem Spürsinn freilegt, wo überall die Zumutungen des Familienlebens liegen. Die Drehers sitzen beim Abendessen:
Die Tischlampe macht aus der Küche einen schimmernden Teich. Sie lassen einander schwimmen. Sie würden einander retten. (S. 24)
Das Buch erzählt von einer Kunst der Besänftigung und lebt gleichzeitig von dieser Kunst. Teil der Strategie, die die Erzählerstimme mit den Figuren teilt, ist der Sprachwitz. Er hilft, Bedrohungen fassbar zu machen, Konflikte zu entschärfen, Affekte abzuführen. Die Buben kommunizieren – auch auf dem Mobiltelefon – mit Abkürzungen: «DDT. PAW. Don’t do that, Parents are watching» (S. 21). Auf die Leere, die sie überfällt, wenn die Männer ausser Haus sind, tröstet sich Inge mit dem Vergleich hinweg: «es gibt gefüllte Stille und nicht gefüllte, das ist wie bei Pfannkuchen» (S. 54). Ein etwas angestrengteres Spiel mit der Sprache treibt Heiner, wenn er Haikus schreibt und sich damit erfolgreich über schwierige Lebenssituationen hinweghilft.
Viele der Probleme lösen sich ganz von selbst. Magie der Familie? Die Ehekrise verzieht sich, ohne dass man recht versteht, warum. Der Sektenpriester, dem Nick in die Fänge gerät, diskreditiert sich durch seine Übergriffe selber, bevor er Schlimmes anrichten kann. Angelika Waldis zeigt sich nicht nur, wenn sie auf die magische Kraft von Worten setzt, als Märchenerzählerin, sondern auch, wenn sie das Gute plötzlich siegen lässt. Als Märchenerzählerin hat sie sich schon in Ich komme mit (2018) bewährt, dem bisher gefeiertsten ihrer Bücher, das auf leichte Art von der Tragödie der Krebserkrankung eines jungen Mannes, von der Einsamkeit einer älteren Frau und vom Wunder ihrer Freundschaft erzählt, ohne etwas zu beschönigen. Die Spannweite zwischen Sorgen und Besänftigung, die Ich komme mit zu einem aussergewöhnlichen, kühnen Buch macht, ist bei den Drehers viel überschaubarer.
Wenn man das Buch nach der Lektüre schliesst, lässt man die «netten Menschen» nicht gerne ziehen. Sie sind einem ans Herz gewachsen. Es hängt jedoch davon ab, wie viel Wahrhaftigkeit eine Leserin oder ein Leser von einem Buch erwartet, ob sich in das Lesevergnügen auch Bedenken mischen. Beim Rezensenten sorgten vor allem die Episoden mit Drehers Asylanten für Unbehagen. Hier wird natürlich ein delikates Thema angeschnitten, aber Angelika Waldis dürfte es sich damit zu einfach machen. Die Flüchtlingsgeschichte, die sie erzählt, ist nicht eine, welche die Abgründe der Problematik und die Fragwürdigkeit staatlicher Asylpolitik aufzeigt. Tarek gibt sich als politischer Flüchtling aus, ist aber in Tat und Wahrheit in einen blutigen Familienkonflikt verstrickt. Die Asylbehörden bringen die Wahrheit ans Licht. Tarek muss nach Albanien zurückkehren, und Inges vorher schon ironisiertes Engagement für ihn ist endgültig diskreditiert. Die Befreiung von einer sie überfordernden Hilfsaktion hilft den Drehers, ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Und der Asylpolitik der Familie Schweiz wird ein Persilschein ausgestellt.
So gibt es wohl Gründe, den Besänftigungen nicht ganz zu glauben.