Geisterfahrten
Roman

Einmal noch verspätete Gäste willkommen heißen, dann endet Lisas Arbeitsleben. Die frühpensionierte Hotelfachfrau freut sich auf die große Wende, eine Reise nach Kanada, auf ihren verwilderten Garten und ein Leben, in dem sie sich neu erfinden muss. Doch bevor Lisa aufbrechen kann, will sie endlich Antworten finden auf bedrängende Fragen nach ihrer Herkunft und den vertrackten Familienverhältnissen. Unterstützung erhofft sie sich dabei von Stern, der eigentlich Ernst heißt, und Lisas gut neunzehn Jahre älterer Halb- oder Dreiviertelbruder ist. Die trennenden Jahre spielen eine Rolle, eine große Rolle, denn in ihrer Familie ist viel geschehen. Während Stern die gemeinsame Reise ins Tessin für eine Fahrt ins Blaue hält, plant Lisa eine Expedition in die dunkle Landschaft der Familiengeschichte.
Sie dreht und wendet Stern, will verstehen, wer der kauzige alte Mann ist und wer seine Mutter war. Die nicht ihre Mutter ist. Und was ist mit dem anderen früh verstorbenen Halb- oder Dreiviertelbruder Walter, den sie nur als verblassende, stets verborgene Fotografie kennt? Viel Zeit bleibt nicht mehr, um die Geheimnisse einer Familie zu lüften, die sich im Schweigen eingerichtet hat. Bald schon wird Stern endgültig verschwinden. Und während Lisa versucht, Stern näherzukommen und die alten Rätsel zu lösen, wird sie schon von einem neuen Rätsel überrascht. Das Rätsel hat einen Namen, Sanders heißt der Mann, der ihr Leben am Wendepunkt vollends in Unordnung zu bringen droht. Doch dann geschieht zum Glück ein Unglück.
Das neue Buch von Theres Roth-Hunkeler beruht auf einer wahren Begebenheit, und überschreitet sie zugleich durch eine vielstimmige Komposition aus Dokumentation, Mutmaßungen und Fiktion. Entstanden ist ein fesselnder und berührender Roman über die Wirkungsmacht der Vergangenheit und den Mut, Fragen zu stellen.

(Buchpräsentation Edition Bücherlese)

Ein langes Schweigen brechen

von Daniel Rothenbühler
Publiziert am 12.07.2021

Ist es tröstlich, sich der Vergangenheit zuzuwenden? Selbst wenn es dabei um traurige, ja traumatische Ereignisse geht? Gewiss, meint Lisa, die Ich-Erzählerin in Geisterfahrten. Den Zweifeln ihrer Nichte Petra entgegnet sie: «Vergangenes anzuschauen kann dich doch auch zuversichtlicher machen.» Denn: «Weil sich bereits alles abgespielt hat, ist nichts mehr zu ändern. Das Ungewisse der Zukunft spielt keine Rolle mehr.» Ist das so? Stellt sich im Blick auf eine unglückliche Vergangenheit wirklich Zuversicht ein? Mit dieser Frage konfrontiert uns der jüngste Roman von Theres Roth-Hunkeler auf eindringliche Weise, ohne eine Antwort darauf zu geben.

«Es gibt zu viele Tote»

Lauter Todesfälle prägen die Familiengeschichte, die dieser Roman erzählt. Petras Vater hat mit zwei Jahren seine Mutter und seinen jüngeren Bruder, den erst vier Monate alten Walter, verloren. Die beiden werden im November 1938 zu Tod gefahren, als ein Amtstierarzt es in seinem Ford S/V Zylinder zu eilig hat, den Bauern im Kampf gegen die Maul- und Klauenseuche beizustehen. Zur Führung des Haushalts kommt Paula, die jüngste Schwester der verstorbenen Filomena, auf den Hof und wird dem Halbwaisen sofort zur liebenden Ersatzmutter. Sie gibt dem zweijährigen Ernst im Anagramm den Namen Stern, den er auch mit 83 Jahren noch trägt. Nach siebenjähriger Trauer heiraten sein Vater und seine Tante einander schliesslich, und dieser Ehe entstammt dann Lisa, die neunzehn Jahre jüngere Halbschwester Sterns. In seiner Ehe mit Maria verliert Stern später sein erstes Söhnlein Paul schon bei dessen Geburt, und den zweiten Sohn Linus, der mit noch nicht 25 in den Bergen zu Tode stürzt. Als einziges Kind Sterns und Marias bleibt Petra übrig, «faktisch ein Einzelkind», wie sie sagt, und doch «kein wirkliches», denn die verstorbenen Brüder bleiben präsent. Sie sind wie Filomena und Walter zu «Geistern» der Familie geworden, und «die Geister fahren mit», wie schon der Vorspann des Romans festhält.

«Es gibt zu viele Tote in unserer Familie», sagt Petra einmal zu Lisa, und diese nickt, meint aber, es sei heilsamer, den Blick auf sie zu richten als sich von ihnen abzuwenden. Sie will ein langes Schweigen brechen, unter dem am meisten Stern gelitten hat, in periodisch wiederkehrenden Depressionen. Nun, da sie als Hotelfachfrau das Pensionsalter erreicht hat, möchte sie den Bruder besser kennen lernen. Sie habe immer viel zu wenig gewusst über ihn, sagt sie sich. Aber «das soll sich nun ändern, bevor es zu spät ist». So fährt sie mit ihm ins Tessin in ein Haus, das ihr eine Freundin für die Ferien überlässt.

Faktische Vergangenheit

Was Lisa damit meint, zu wenig zu wissen über Stern, zeigt sich im Verlauf des ganzen Romans immer deutlicher. Als falsch erweist sich die Erwartung, sie erfahre genauer, wie es letztlich mit Schuld und Verantwortung beim Tod Filomenas und Walters oder bei jenem von Linus gestanden habe. Wer das Buch auf derartige Enthüllungen hin liest, wird enttäuscht. Und dies, obwohl der Roman genau nachzeichnet, was sich in Polizei- und Gerichtsakten über den tödlichen Unfall von 1938 in Erfahrung bringen lässt. Denn diesen hat es wirklich gegeben. Das Buch gibt die Urszene des Familienunglücks in nüchterner Präzision wieder, ebenso wie ihre Vor- und Nachgeschichte, zitiert – mit Quellenangaben – aus Untersuchungsakten und Zeitungsberichten, hebt diesen Bericht durch Courier-Maschinenschrift von der Ich-Erzählung Lisas ab, schiebt ihn abschnittweise fortlaufend zwischen die Kapitel derselben und zeigt das Polizeifoto der Unfallstelle schon auf dem Cover, um die Faktizität des Geschehenen zu beglaubigen.

Dass der Bericht in Courier-Lettern ebenfalls von Lisa stammen könnte, diese ihre Recherchen und Vermutungen also in der dritten Person wiedergäbe, beginnt man beim Lesen zu vermuten, als ab dem Winter 1962 davon die Rede ist, wie ein damals etwa sechsjähriges Mädchen die Familiengeheimnisse erlebt hat: «Lauter Geheimnisse. Etwas lag in der Luft. Schon immer. Das Mädchen roch es, mal stärker, mal schwächer.»

Die dem Mädchen gewidmeten Passagen haben in mehrfacher Hinsicht besonderen literarischen Reiz: hier vermengt sich auf unmerkliche Weise Faktizität (der Unfall und seine Folgen) mit Fiktionalität (die Innensicht des Mädchens, das Lisa sein könnte), zugleich wird das Schweigen der Familie in den Eindrücken des Kindes sinnlich erfahrbar gemacht, und in der erlebten Rede eröffnet sich ein Spannungsfeld zwischen seinem unmittelbaren Empfinden und dessen Wiedergabe im Erzählen. In Lisas Ich-Erzählung im Präsens verzichtet der Roman auf dieses Spannungsfeld. Fast scheint es aber so, als gehe dieser Verzicht erst auf eine zweite Bearbeitung des Textes zurück. Denn zweimal wechselt das Erzählen unvermittelt und unmotiviert plötzlich in die Vergangenheitsform (S. 61, S. 241-242), ganz so, als ob man hier vergessen hätte, aus dem Präteritum ins Präsens zu wechseln.

Fiktive Gegenwart

Das Erzählen im Präsens trägt dazu bei, die Geschichte im Tessin von der faktischen Vergangenheit abzuheben. In szenischer Darstellung erfahren wir aus Lisas Sicht, wie sie mit ihrem Halbbruder kaum ins Gespräch über die Vergangenheit ihrer Familie kommt. Etwas mehr wird darüber gesprochen, als nach Sterns Unfall auch Maria und Petra ins Tessin kommen und Lisa die Bekanntschaft mit dem deutschen Touristen Erik Sanders macht. In diesen verliebt sie sich, und so vernehmen wir dann auch Weiteres über ihre eigene Vorgeschichte, ihren Sohn Adrin und dessen norwegischen Vater Loen, der sie beide allein gelassen hat. Dieser Verrat lässt Lisa bei aller Hingezogenheit zu Sanders der Zukunft der neuen Liebe nicht sehr zuversichtlich entgegensehen. Gälte für sie nicht auch, dass der Blick in die Vergangenheit ihr mehr Zuversicht bringen könnte?

Neben Sterns und Lisas Familie gewinnen wir auch noch Einblick in die Beziehung Petras zu ihrer Frau Eva und deren Tochter Claudia und jene Sanders zu seiner Tochter Brenda und seiner verstorbenen Frau – einem weiteren «Geist», der mitfährt. Wichtig sind alle diese Aufschlüsse aber weniger im Hinblick auf die mit ihnen einhergehenden Enthüllungen als in ihrer Bedeutung für das Verhalten der Figuren in der Erzählgegenwart. Warum Sterns Mutter und sein jüngerer Bruder unter die Räder des Ford S/V Zylinder geraten sind und sein Sohn Linus in den Bergen abgestürzt ist, lässt sich nicht voll ermitteln. Wohl aber kann Lisa nun in Erfahrung bringen, wie Stern auf diese Schicksalsschläge reagiert hat, wie er sich heute fühlt und verhält.

Und deshalb ist es durchaus angebracht, dass Lisas Ich im Präsens erzählt. Die so gestaltete szenische Darstellung überzeugt insgesamt durch die luzide Präzision, mit der das Tun und Verhalten des älteren Bruders, aber auch aller anderen Figuren verfolgt wird. Die Autorin versteht es meisterhaft, uns sowohl das unmittelbare Geschehen der Gegenwart vor Augen zu führen wie dieses mit vergangenen und nachwirkenden Hintergründen so zu verbinden, dass die verschiedenen Zeitebenen fliessend ineinander übergehen. So gelingt ihr ein psychologischer Familienroman, der auf kunstvolle Weise die faktische Realität der Vergangenheit mit dem Realismus einer fiktiven Gegenwart verbindet.