Die letzte Kolonie Roman
Abenteuerroman, Dystopie und philosophischer Thriller in einem: Markus Bundi erzählt die Geschichte der letzten menschlichen Kolonie, die unter Tage in einem permanenten Dämmerzustand lebt. Doch ein Experiment lässt einige der Unterdrückten aufbegehren … Leserin und Leser finden sich wieder in der futuristischen Vision einer von Kapitalismus, Umweltschäden und Pandemien gezeichneten Menschheit, die sich unter ihren Füßen eine zweite Welt geschaffen hat. Aber was passiert, wenn die Unteren nach oben streben und die Oberen nach unten expandieren wollen?
In einer präzisen, lakonischen und treibenden Sprache schaltet Bundi virtuos zwischen Unter- und Oberwelt hin und her. Er beschreibt fantastische Gegenden, abenteuerliche Fluchten und merkwürdige Rituale. Geheimnisvolle Figuren geben Rätsel auf: Was weiß der graue Mann? Warum tötet die Walküre? Welche Rolle spielen die Goner, und wie leben die Toffler und Pilzer? Bundis Roman ist lesbar als Tragikomödie oder als absurdes Theater, denn Ernst und Spiel lassen sich zuweilen nur schwer voneinander unterscheiden.
(Septime Verlag)
Unten und Oben
Bei Simone Weinmann findet die Katastrophe auf der Welt, wie wir sie kennen, statt. Der Himmel hat sich verdunkelt, der Zivilisation wurde der Stecker gezogen. In seinem Roman Die letzte Kolonie entwirft Markus Bundi eine anders geartete finstere Welt – unter Tage, in engen Höhlen und muffigen Kavernen, die nur schwach beleuchtet sind und kaum Luft zum Atmen bieten. In dieser Unterwelt hausen die Untersch. Sie bilden das Subproletariat, die letzte Kolonie, in der seltene Erden abgebaut werden und atomarer Müll bewirtschaftet wird. Wo ein Unten ist, gibt es auch ein Oben, wo der Müll produziert und die seltenen Erden verarbeitet werden. Wer hier oben nicht gebraucht wird, wird nach unten verfrachtet. Das ist die unumstössliche Ordnung, die dadurch aufrecht erhalten wird, dass die unten nichts von oben wissen sollen. Aber es gibt Grenzgänger, wie Gregor, die ihr Wissen nach unten tragen und da den Widerstandsgeist wecken. Mit ihrer Hilfe wurde ein mysteriöses «Anderswasser» entwickelt, das das Denken aktiviert. So keimt bei Florio und Natalia der Entschluss, mit ihrer Tochter durch Schleusen, Kavernen und enge Gänge den Weg nach oben zu suchen, ans Sonnenlicht. Ihre Berichte aus der Unterwelt bezeugen die Existenz der verborgenen «letzten Kolonie», wie sie Markus Bundi erzählt.
So anders geartet sich seine Dystopie darstellt, so gibt es doch etliche Parallelen mit der Welt von Simone Weinmann: die Dunkelheit, in der die Menschheit lebt, die Flucht als Widerstand, das Licht als Ziel. Wo bei Weinmann die dunkle Welt aber jener, wie wir sie kennen, ähnlich sieht, zieht Bundi eine scharfe Zäsur durch sein dualistisches Weltbild. Es gibt ein bekanntes Oben und ein fantastisches Unten. Trotz dieser scharfen Trennung besteht die Qualität von Bundis Dystopie jedoch in ihrer Unschärfe – das mag paradox klingen, wirft aber ein Licht auf die Schwäche vieler dystopischer Texte. Der Zukunftsentwurf ist nicht selten mit einer solchen überdeutlichen Klarheit formuliert, dass er kaum Berührungspunkte mit der realen Gegenwart aufweist. Weinmann und Bundi gehen andere Wege. Bundi hält – ausgelöst durch seine nicht restlos verlässlichen Erzählerfiguren – die dystopische Projektion beweglich. Sie ist zum einen ein futuristischer Entwurf von diktatorischem Ausmass: Der soziale Auswurf wird unter die Erde entsorgt, um ihnen (wie bei Huxley) die Drecksarbeit aufzubürden. Zum anderen aber nimmt Die letzte Kolonie immer stärker soziale Züge an und entbirgt mit Fortlauf der Erzählung eine weitere Dimension: Das Unten des Südens drängt ans Licht des Nordens. Mit dieser subtilen Bedeutungsverschiebung kristallisiert sich Die letzte Kolonie als eine Paraphase auf ein wirtschaftliches und soziales Nord-Süd-Gefälle heraus, das durch Grenzüberschreitungen, also Migration von unten nach oben gekennzeichnet ist. Eine sprachliche Eigenheit weist darauf hin, dass uns diese Welt nicht so ganz unbekannt vorkommen sollte. Während es oben ums profitorientierte «Generieren von Kapital» geht, greifen die Untersch in erregten Situationen gerne zu einem «tominonemol»-Dialekt, der sparsam eingesetzt helvetische Signale setzt.
Diese Bedeutungsebenen hält Markus Bundi schliesslich mit intertextuellen Verweisen zusammen, beispielsweise auf Dantes Divina Commedia, Platons Höhlengleichnis, Chamissos Schlemihl oder den Artusroman, um eine geschichtsphilosophische Dimension anzudeuten. Welche Rolle spielt der Mensch, diese «Eintagsfliege» im universellen Ganzen? Was ist (seine) Wahrheit, worin zeigt sich das Wirkliche, wie bleiben wir unbescholten? All das sind Fragen, die Markus Bundi spielerisch anklingen lässt. Die verschachtelte Komposition mit ihrer komplexen Handlung und mit mehreren Erzählerstimmen mag stellenweise zwar angestrengt konstruiert wirken, dennoch verfehlt der Roman nicht seine anregende Wirkung. Die Kompaktheit lässt auf den 160 Seiten nie Langeweile aufkommen. Vor allem aber ist dem Roman anzumerken, dass der Autor seinen Spass am Entwerfen dieser literarischen Vision gehabt hat.
Es hätte mit der Welt tatsächlich auch alles gut ausgehen können, «wäre nicht, quasi im dümmsten Moment, eine Pandemie ausgebrochen», bilanzieren am Schluss die «drei letzten Historikerinnen», die das Wissen um die letzte Kolonie verwalten. Als Gegenmittel wollen sie deshalb die sie bezeugenden Dokumente «an die verbliebenen Seelen weiterreichen».
Aus: «Nach dem Tag Null», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 03.01.2022