Bei den grossen Vögeln
Roman

Seit Ali im Altersheim ist, spricht sie ständig vom Sterben. Für ihre Enkelin aber bleibt ihr Tod undenkbar. Sie beginnt, alles, was mit Ali zu tun hat, aufzuschreiben, und merkt, wie wenig sie weiß: über ihre Kindheit und Jugend, die Jahre in London, ihre Arbeit in der Fabrik. Anhand von Fragmenten, Anekdoten und mit viel eigener Fantasie entwirft die Erzählerin eine mögliche Lebensgeschichte, versucht, den Schalk und die pragmatische Art ihrer Großmutter festzuhalten. So eröffnen sie einen gemeinsamen Raum, in dem sich jede auf eigene Weise auf den bevorstehenden Abschied vorbereiten kann.
Ein zu Herzen gehender, humorvoller, sprachlich fein gearbeiteter Roman über das Abschiednehmen von geliebten Menschen.

(Piper Verlag)

Ein Abschied in Geschichten

von Beat Mazenauuer
Publiziert am 07.06.2021

Altwerden ist nichts für Feiglinge, hat mal jemand gesagt. Nicht minder schwierig ist es, jemanden Älteren beim Altwerden zu begleiten. Davon erzählt Annina Haab in ihrem Debütroman Bei den grossen Vögeln. Ali, die Grossmutter der jugendlichen Erzählerin, ist beinahe neunzig, sie weiss darum, dass ihr nur noch wenige Jahre zu leben bleiben. Für ihre Enkelin aber ist eine solche Demut unverständlich. Haben sie nicht beim letzten Geburtstag der Grossmutter noch auf die nächsten 85 Jahre angestossen?

Gefühl und Wahrnehmung klaffen auseinander und geraten miteinander in Widerspruch, als nicht länger abzuwenden ist, dass Ali ins Pflegeheim muss. In den Augen der Enkelin verliert sie damit eine Freiheit, die sie im Grunde schon länger nicht mehr besass. Mit dem Heim verliert sich ihr Zuhause. Die Pflegenden verrichten hier ihre Arbeit mit Rücksicht und Freundlichkeit, die Alten nehmen es mit Dankbarkeit und stillem Dulden hin. Damit tut sich die Erzählerin schwerer als Ali selbst. In den Augen der Erzählerin lebt die Grossmutter von Hinfälligkeit und Apathie umgeben nur noch dahin, nein, «kümmert dahin», schreibt sie und weiss: «Das ist falsch, grundfalsch.» Von ihrer Umgebung, der Mutter, den Geschwistern, wird sie für ihre «romantische Idealisierung der Grossfamilie» gescholten. Sie bemerkt selbst ihre «Schwierigkeiten zu unterscheiden, was meine Bedürfnisse sind und was ihre». Deshalb versucht sie die Erinnerung wach zu halten, wie «Alis Generation genau dafür gekämpft hat, aus diesen Strukturen auszubrechen». Im Leben der Grossmutter findet sie Beispiele dafür. Ali versuchte früh auszubrechen, sie ging als au pair nach England – genauer nach London. Sie versuchte sich da wie eine Lady zu kleiden, koste es, was wolle. Zurück in der Schweiz mied sie weiterhin das Dorf ihrer Familie und ging ins Welschland, arbeitete im Service, lebte selbstbewusst allein. Die Grossmutter hätte viel zu erzählen, aber es bleibt bruchstückhaft, was ihr die Enkelin über Familie, Jugend, Arbeiten entlocken kann. So gelingt es dieser auch immer weniger, präzis auseinanderzuhalten, was Ali erzählt hat und was sie sich dazu vorstellt. Sie beginnt, eigenmächtig Lücken zu füllen und Kleinigkeiten zu ergänzen:

Ich dichte ihr Geld zu, damit sie ein bisschen leichter hat, immerhin meine imaginäre Ali, damit sie sich etwas leistet und auch mal verschwenderisch sein kann, ihre Liebsten einladen.

Das ändert nichts am gelebten Leben, das bruchstückhaft im Schatten bleibt und vergessen zu gehen droht. Ali wird bald sterben, auch wenn dies die Erzählerin empört, aber «ich weiss, dass ich es damit nicht ändern kann», wie häufig auch immer sie Ali im Heim besucht.

Das ist die Ausgangslage, die Annina Haab für ihren Roman gewählt hat. Im Wechsel von Begegnungen in der Gegenwart und Szenen aus einem früheren Leben sucht sie ein Nahbild herzustellen, in dessen Zentrum eine unverbrüchliche Zuneigung steht, die in Empörung und schliesslich in tiefe Trauer umschlägt, als die Grossmutter das Zeitliche segnet. Ali hat es zuletzt am Lebenswillen gefehlt, aller Aufmunterungen durch ihre Enkelin zum Trotz.

Annina Haab erzählt von dieser Beziehung über die Generationen hinweg mit grosser Behutsamkeit und einer leicht romantisch angehauchten Optik, wie die Erzählerin selbst zugibt. Die junge Frau bemüht sich sehr darum, der Grossmutter beizustehen und ihre Gedächtnis zu kitzeln. Dabei behilft sie sich mit erzählerischen Mitteln nach. Über die offenkundigen Lücken der Vergesslichkeit hinweg behilft sie sich zugestandenermassen mit Fiktionen. Das ist alles akkurat komponiert und mit schöner Empathie erzählt. Die Idealisierung der Beziehung zwischen Grossmutter und Enkelin hat allerdings auch einen Preis. Nur ein, zwei Mal zwängt sich etwas Ungeduld dazwischen, etwa wenn die Enkelin mehr erwartet, als Ali noch leisten kann oder will. Die Enkelin erzürnt Alis Vergesslichkeit, «verdammt noch mal!». Um gleich nachzuschieben: «Noch nie habe ich sie angeschrien. Meine Überforderung, die in Aggression umschlägt». Doch diese kleine Unbeherrschtheit bleibt die seltene Ausnahme. Ansonsten bewegt sich dieser Roman bedachtsam in den erwartbaren Bahnen. Es kommt, wie es kommen muss, eingebettet in eine innige Einigkeit und am Ende in eine süsse Trauer. Kleine überraschende Wendungen, sei es inhaltlicher oder stilistischer Art, hätten dem Buch gut getan. Die Erzählerin bemerkt es ganz am Ende selbst, als sie ihre eigenen Notizen durchsieht: «alles ist so lieblich geworden, so problemlos». Die Erzählerin ist auf Alis geschönte, «von Problemen, Arbeit und Geldnot freie» Lebensgeschichte hereingefallen. Zu ändern gibt es aber nichts mehr.