Gemeinsame Sprache
Gedichte

«Gemeinsame Sprache» lautet der Titel des neuen Bandes von Jürg Halter, einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker seiner Generation. Seine Gedichte werfen kaleidoskopartig Schlaglichter auf unser Sein und unser Zusammenleben. Sie erzählen vom Gemeinsamen und vom Trennenden; melancholisch, mutig, zornig und auch ironisch. Die Gedichte sprechen von der Vereinsamung in Städten, vom Drogenrausch in den Clubs, sie beschäftigen sich mit streunenden Katzen, suchen nach der besten Gesellschaft, erkunden die Farbe Blau, erfinden das niemals niemanden verletzende Abc. Und immer wieder loten sie die Tiefen der Liebe aus.

(Dörlemann Verlag)

Relativitätspoesie

von Beat Mazenauer
Publiziert am 06.03.2021

Relativitätspoesie – Jürg Halter: Gemeinsame Sprache (Dörlemann)

«Liebste, welche Sprache / sprechen wir gemeinsam», fragt Jürg Halter in seinem jüngsten Gedichtband, seinem vierten. Er macht gleich die Probe aufs Exempel, indem er sein lyrisches Sprechen weit auffächert und variiert. Die siebzig Gedichte in dem Band beschreiben die ganze Breite vom Dreizeiler bis zum mehrseitigen Rap-Gedicht. Auch motivisch spannt er einen Bogen zwischen Liebe, Traum, Gesellschaftskritik, (finsterer) Zukunft und dem alles umschliessenden Kosmos, der womöglich von einem Gott ausgelöst worden ist, ohne Netz und doppelten Boden. «Und wenn es schiefläuft?», fragt dieser Gott zweifelnd.

Es ist der Mensch, der darauf eine Antwort zu suchen hat. Ein schwieriges und in diesen Gedichten oft zwiespältiges Unterfangen, dem Jürg Halter mit seiner Hoffnung trotzt:

Wir leben vermutlich zum ersten Mal

Wie soll das alles auf Anhieb klappen?

Er scheut sich also weder davor, in die Gedankenwelt Gottes hochzusteigen noch seine eigenen Untiefen auszuloten. Diese Spannweite versucht er zu beherrschen, indem er immer wieder das Widersprüchliche, Ambivalente, Aporetische herausstellt und Gegensätze pflegt, um den «diversen Wirklichkeiten» ebenso Rechnung zu tragen wie den eigenen mehrfachen Identitäten. Jürg Halters Lyrik ringt permanent gegen widerstreitende Tendenzen: die Angst vor Zersplitterung und den Traum vom Beisammensein. Gerade hierin geht es ihm um eine gemeinsame Sprache, mit der sich zwei Individuen verständigen, die je in ihrem Aquarium leben, zwischen sich eine Glaswand: «Sauerstoffbläschen bilden / sich zu Worten».

Da ist alles «nicht verrückt, ist Relativitätspoesie», rettet sich das lyrische Ich. Jürg Halters Gedichte verraten eine grosse formale wie sprachliche Variabilität. Der Dichter gibt sich immer wieder auch betont unpoetisch und spricht gewöhnliche Dinge an, handkehrum scheut er auch nicht vor einem pathetischen Ton zurück, wenn er einem Bild Kraft verleihen will. Beides gelingt ihm mit schöner Regelmässigkeit. Wie treffend ist das «tolstoisierte» Bild eines Lesers, der seine Bettlektüre mit in seine Träume nimmt («Sein Zimmer»); wie surreal gleich anschliessend ein «Neues Ritual», in dem ein Mann mit Brummschädel angezogen und «verhandlungsbereit / aus der laufenden Dusche» steigt. Und wie wehmütig präsentiert sich dieses Bild in «Ohne Ende»:

(…) – die linke Hand

der Nacht dreht eine junge Frau gegen

den Uhrzeigersinn in einen Zustand
in dem sie für ihre Trauer

weder Worte noch Gesten findet.

Es ist allerdings nicht zu verhehlen, dass sich der Gestus des Dichters in diesem Band mitunter auch etwas ver- und überspannt. Jürg Halter gibt – selbst im Wissen darum, dass der Papierkorb die besten Ideen auffängt – ab und an einem losen Einfall nach, oder greift zu grossen Worten, die tönern klingen, vorab wenn er die digitalen Süchte unserer Gesellschaft kritisiert oder emphatisch die globale Öko-Katastrophe anruft. Doch fast immer weiss er sich daraus herauszuwinden, indem er einen Kontrapunkt setzt oder eine neue Ebene aufschliesst, beispielsweise in «Parallelflüchtende»:

Auf der monatelangen Flucht über Land und Wasser

sehen Flüchtende am Himmel Flugzeuge – 

Steuerflüchtende kehren vom verdienten Urlaub heim.

Ich blicke vom Bildschirm auf.

Es gelingt ihm, seiner Lyrik immer wieder etwas Linkisches einzubeschreiben, das nicht ganz stimmig klingt und gerade deshalb ein Kalkül verrät. Er spielt mit vielen Facetten, möchte aber keiner ganz erliegen. Im furiosen abschliessenden Langgedicht «Wenn die Worte aufgebraucht sind» bringt er diese Poesie zur Vollendung, indem er dabei an seine Rap-Tradition als Kutti MC anschliesst. Wunderbar biegsam rhythmisiert und durch ein wiederkehrendes «Nie mehr wieder / Immer wieder» interpunktiert führt er hier seine Motive zusammen: Liebe, Einsamkeit, Party und eine Zukunft, die «im Rückspiegel winkt».

Mit vielen Worten wenig sagen, mit wenig Worten …

… und plötzlich sind sie aufgebraucht.

Allein, geben wir uns noch eine Chance: «Wie soll das alles auf Anhieb klappen?»

In: «Vom Schweigen der Sprache». Lyrik-Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 12.04.2021