Eurotrash
Roman

»I’ll see you in twenty-five years.« Laura Palmer
»Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, ›Faserland‹ genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.«
Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in »Faserland« ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In »Eurotrash« geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise – diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt. »Eurotrash« ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor.

(Kiepenheuer & Witsch)

Komm über den See

von Jens-Peter Kusch
Publiziert am 16.03.2021

Von den Eltern des durch Deutschland trudelnden wohlstandsverwahrlosten Ich-Erzählers erfährt man so gut wie nichts in Faserland. Der Vater bleibt abstrakt, von der Mutter kein Wort. In Christian Krachts neuem Roman Eurotrash aber ist sie nun die grandiose Hauptfigur:

Also, ich mußte wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich sollte doch bitte mal rasch kommen. Es war ganz unheimlich gewesen am Telefon. Und aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, daß ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muß ich außerdem sagen, daß ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen mitten auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.

Von Beginn an suggeriert Kracht, dass der Erzähler der Autor von Faserland sein könnte, und zu allem Überfluss auch noch Christian Kracht heißt. Das ist beinahe so, als wenn Werther gesagt hätte, er sei Goethe. Das erste Wort «Also» ist nicht nur ein Rückgriff auf das erste Wort in Faserland, sondern zugleich auch ein märchenhaftes Es war einmal. Krachts fluides Spiel im vertrauten Sprachduktus entwickelt von Beginn an wieder einen unglaublichen Sog, mit all den Übertreibungen und Klischees über sich und die Welt seiner Familie in ihrer Nazi- und Kapital-Verstrickung. Für den Erzähler blieben nur Midas-Gold und Irrsinnstrümmer übrig, eine hohle Plastik-, Lego- und Schokoladenwelt, wenn da nicht doch auch die andere Ebene wäre: eine große Präzision in der Wahrnehmung und immer wieder hell aufblitzende Wärme und Zärtlichkeit zwischen Mutter und Sohn hinter all dem Burlesken und Schrecklichen, das hier nun wieder überspitzt und zugleich auch bösartig treffsicher entfaltet wird.

Die Mutter des Erzählers hat ihren achtzigsten Geburtstag in einer geschlossenen Psychiatrie in Winterthur feiern müssen. Sie hat einen künstlichen Darmausgang, weshalb der Sohn ihr immer wieder den Stoma-Beutel wechseln muss, ist schwer alkohol- und tablettenabhängig und stürzt deshalb häufig auf ihr Gesicht. Seit seiner Kindheit stellt sie sich manchmal tot und jagt ihrem Sohn damit einen gehörigen Schrecken ein, was aber auch an den hochdosierten Psychopharmaka oder am Wodka liegen könnte, den sie schon morgens in grossen Schlucken trinkt. Ihr Sohn kommt nun also zu ihr, nachdem er zuvor wieder ziellos durch Zürich gewandelt und in seinem Hotelbett in wüsten Erinnerungen an die Nazi-Verstrickungen seiner Familie befangen war. Er beschliesst, mit seiner versehrten Mutter eine letzte Reise zu unternehmen, quer durch die Schweiz, zunächst zu seinem Geburtsort im Berner Oberland, dann nach Genf. Die Reiseziele wechseln mehrfach. Die Mutter will Edelweiss pflücken, aber eigentlich nach Afrika fliegen, um noch einmal die gestreiften Popos von Zebras zu sehen. Mutter und Sohn bestellen ein Taxi, fahren zur Bank, holen 600 Tausendfrankenscheine, stopfen sie in eine Plastiktüte und wollen dieses mit Waffenhandel verdiente Geld unterwegs willkürlich verteilen. Das klappt aber nicht so gut, weil die versuchsweise Begünstigten entweder verrückte Nazis, unfähige Kleinkriminelle oder paralysierte Inderinnen sind, welche die Mutter an die Hexen aus Shakespeares Macbeth erinnern. Sie besuchen das Grab von Borges in Genf und fahren zurück nach Winterthur in die Irrenanstalt, wo eine schwarze Krankenschwester die Mutter in ihrem Wahn belässt, in Afrika zu sein.

Der Erzähler spricht im Traum vom Reisen und Erzählen als Läuterung und Katharsis. In die Reise verwoben sind grossartige und komische Dialoge mit der verwirrten, schlagfertigen und hellsichtigen Mutter. Der Sohn sei ein miserabler Unterhalter, beklagt sie sich, dann wieder will sie, dass er ihr Geschichten erzähle, denn das könne er so gut. Er ziert sich manchmal, gibt dann aber nach und erzählt. Seine bunten und verrückten Stegreif-Geschichten sind auch Echos aus Krachts früheren Romanen, seinem «maßlosen Gedächtnis» und «Repositorium». Am Genfersee angekommen, will der Sohn wissen, wie es in ihrer Jugend in Montreux war, doch die Mutter will oder kann sich nicht erinnern:

»Ich brauche irgendwelche Anhaltspunkte. Sonst bin ich rückwärts blind.«
»Koordinaten.«
»Ja, genau. Anekdoten, so was. Was habe ich hier denn damals gemacht, Deiner Meinung nach?«

In nuce ist hier Krachts Erzählverfahren erklärt: Die Koordinaten sind Versatzstücke der historischen Vergangenheit und der individuellen Familiengeschichte. Aus ihnen werden Anekdoten, Erzählungen. Seiner Meinung nach. Er wiederum sagt über seine Mutter, was eben auch auf ihn, den Erzähler «Christian Kracht», zutrifft:

Sie verstand es, zu manipulieren, das war ihre große, unglaubliche Kunst, das wußte ich doch seit Jahrzehnten, sie log und drehte die Dinge so, daß alle ihr alles glaubten.

Der unglaubliche Reichtum des Vaters hat sich unterdessen aufgelöst und existiert nur noch in der Erinnerung:

Es waren ja nur die vom ihm errichteten Gedankengebäude geblieben, die Physis seiner Häuser war verkauft, umgebaut und abgebrannt. Gstaad, Kampen auf Sylt, Cap Ferrat, Mayfair. Jene endlosen Innenräume, die ich jede Nacht im Wachtraum beliebig durchschreiten konnte, existierten nur noch in der Erinnerung, nur noch als schimmernder Geist. Die Dekoration, die mein Vater sein Leben lang so sorgfältig vorgenommen hatte, die mit goldener Seide bezogenen Sofas, die chinesischen Teppiche, die mit Papier ausgelegten dünnen Schubladen für jedes einzelne Oberhemd, die Munchs und die Noldes und die Feiningers, die Sammlung chinesischer Teedosen, alles war inzwischen Vorstellung geworden, immateriell zwar, aber dennoch real und ewig vorhanden, in diesem maßlosen Gedächtnis.

Als die Mutter sich plötzlich doch wieder an ihre Zeit in Montreux erinnert, will der Sohn es nicht hören, fragt auch nicht weiter nach. Dabei erzählt sie eine Episode mit einem Schriftsteller in Montreux – es muss sich wohl um Nabokov handeln –, den sie als junge Frau minutenlang in einer Gasse geküsst haben will. Die Anspielungen auf bekannte Autoren der Vergangenheit und Gegenwart treiben das Vexierspiel zwischen Wirklichkeit und Literatur auf die Spitze, wenn man bedenkt, dass gerade Nabokov vorgeworfen wurde, er müsse doch wirklich so wie der Ich-Erzähler in seinem Roman Lolita fühlen, denken, sein, um dessen «perverse» Geschichte aufzuschreiben.

Der Erzähler hadert damit, dass er seiner Mutter und der Wirklichkeit oft hilflos gegenübersteht und ihm die richtigen Worte fehlen:

Ich hatte das Gefühl, ich hätte mein Leben lang nur Platitüden von mir gegeben. Nein, ich wußte, ich hatte mein Leben lang nur Platitüden von mir gegeben. Niemals war irgend etwas, was ich sagte, auf irgendeine Weise relevant gewesen, nie konnte mein Gesprochenes es mit meinem Inneren aufnehmen.

Christian Kracht nimmt auf diese Weise mögliche Kritik an seinem Roman vorweg, die er zugleich immer auch provoziert. In und hinter allem, was er schreibt, scheint das «maßlose Gedächtnis» der Weltliteratur zu stehen; als ein Gaukelspiel, in zirkulärer Bewegung und in Lesarten ohne festen Boden. Den Roman Eurotrash kann man als Vergangenheitsbewältigung und gleichzeitig als deren ironische Brechung lesen. Denn alles in diesem mitreissenden Roman ist ein Spiel, um mit einem älteren Zürcher Schriftsteller zu sprechen.

In diesen Liedern suche du
Nach keinem ernsten Ziel!
Ein wenig Schmerz, ein wenig Lust,
Und alles war ein Spiel.

(Conrad Ferdinand Meyer)