Die Erfindung des Ungehorsams Roman
Hitze, Regen, beißender Gestank. Iris tigert in Manhattan durch ihr Penthouse und wartet voller Ungeduld auf die nächste Dinnerparty, die ihr wieder ein wenig Leben einhaucht. Ling, angestellt in einer Sexpuppenfabrik im Südosten Chinas, kontrolliert künstliche Frauenkörper auf Herstellungsfehler, bevor sie sich abends bei Filmklassikern in ihre Einsamkeit zurückzieht. Und im alten, düsteren Europa folgt Ada ihren mathematischen Obsessionen, träumt von Berechnungen und neuartigen Maschinen, das Ungeheuerliche stets im Kopf.
Drei Frauen in drei Welten: Sie alle sind auf der Suche nach einer Antwort – nach dem Kern der Dinge. Und sie alle sind, ohne es zu ahnen, miteinander verbunden.
Jung, wild und K.I.
Eine künstliche Intelligenz erzählt in Martina Clavadetschers neuem Roman Geschichten von Herkunft, Bestimmung und Schicksal – bis schliesslich der titelgebende Ungehorsam in ihr überhandnimmt. Die Entdeckung des Ungehorsams ist ein klangvolles Schauermärchen, das eine Reihe unangenehmer Zukunftsfragen aufwirft.
Iris ist eine künstliche Intelligenz, ausgestattet mit dem Körper einer jungen, attraktiven Frau, Made in China. Sie wohnt mit Eric in einem hübschen Penthouse in Manhattan, kocht und unterhält die gemeinsamen Abendgäste. Und damit wird auch schon die raffinierte Doppelbödigkeit dieser Erzählung ein erstes Mal sichtbar: Vieles scheint vertraut in diesem Tableau – aber eben nur fast. Dass Iris kein Mensch ist, jedoch wie einer aussieht und sich weitgehend auch so verhält, macht den entscheidenden Unterschied. Immer wieder lässt Clavadetscher leise Dissonanzen anklingen, wenn sich Iris unerwartet benimmt oder ihre Gedanken irrige Schlaufen drehen.
Während ihrer Dinnerpartys wird Iris zur Scheherazade des 21. Jahrhunderts. Indem sie ihre eigene Geschichte erzählt, schlägt sie die Gäste in ihren Bann und erhält damit auch die Legitimation, weiterzuleben – beziehungsweise weiterhin anwesend zu sein. Obwohl sie über kein biologisches Leben verfügt, gibt es einen Schalter in ihrem Nacken, den Eric jederzeit umlegen kann, um sie ausser Gefecht zu setzen, wenn ihm danach ist. Im Alltag von Eric und Iris wird mehr als deutlich, wie unglaublich konfliktbeladen und moralisch fragwürdig das Zusammenleben von Menschen und künstlichen Intelligenzen einst sein wird. Dass Iris nicht die einzige ihrer Art ist, macht sie schon auf den ersten Seiten des Buches klar: »[Sie] denkt an ihre Schwestern, an all die Frauen da draussen, die wie tickende Zeitbomben irgendwo ihr Leben leben [...].«
Doch zunächst einmal erzählt Iris die Geschichte von Halbschwester Ling, die auf der anderen Seite des Ozeans in einer chinesischen Sexpuppenfabrik arbeitet. Ling liebt Struktur und Wiederholung, Emotionen befremden sie. Als Waisenkind von der alten Zea aufgenommen, lernt sie erst durch diese den Umgang mit anderen Leuten. Ling nimmt die Welt anders wahr als die meisten Menschen und wird deshalb zur Halbschwester der künstlichen Intelligenzen, deren Körper sie in der Fabrik nach störenden Silikonresten abtastet. Denn es sind keine herkömmlichen Sexpuppen, die dort produziert werden. Ling erlebt mit, wie die Software dieser Puppen verfeinert und trainiert wird – bis hin zum Erlernen des Lügens. Das Ziel ist klar: Eine möglichst menschliche Sprech- und Verhaltensweise, die die Besitzer der Puppen vergessen lässt, dass da keine lebendigen Frauen vor ihnen stehen.
So erfüllend die Gleichförmigkeit ihrer Arbeitstage auch ist für Ling, die Frage nach ihrer Herkunft lässt sie nicht los. Als ihr die künstliche Intelligenz Harmony – deren Logarithmen stellvertretend für alle K.I.-Schwestern programmiert und weiterentwickelt werden – verspricht, dass sie ihr helfen kann, ist Ling zum Äussersten bereit. Sie bricht nachts in die Fabrik ein und lauscht Harmonys Ausführungen gebannt:
[...] wir haben erkannt, jede Herkunft bleibt nur
ein Konstrukt.
Selbst unsere Identität besteht aus Geschichten,
die uns eingeprägt wurden.
Jedes Ich besteht aus einem Mosaik an Erinnerungen.
Es sind also Erzählungen, die uns ausmachen.
Gemäss Harmony ist die Urmutter aller künstlichen Intelligenzen die Mathematikerin Ada Lovelace, deren Überlegungen zur Programmierung von Maschinen den Grundstein für alle weiteren IT-Entwicklungen bildeten. Adas Leben ist gezeichnet von verbissenen Kämpfen gegen die starrsinnige High Society im alten England, die Frauen kaum mehr zugestand als Kindergebären. Die Rollenbilder von Frauen bilden zusammen mit Emanzipation und eigener Bestimmung einen Schwerpunkt in Clavadetschers Buch: Dass Iris nicht einfach nur das Menschsein imitiert, sondern vor allem auch ein mehr oder weniger akzeptiertes Frauenbild kolportiert, lässt sich nicht ignorieren. Dass das Zusammenleben mit diesen beinahe-menschlichen Frauenimitationen für die Menschheit nichts Gutes bedeuten wird, ist mehr als wahrscheinlich. Iris zumindest entdeckt schliesslich den Ungehorsam in sich und bricht endgültig aus ihrem beengten Alltag aus.
Die zentralen Leitthemen dieses reichhaltigen Buchs sind das Erzählen, der Fortschritt und die Identität. Martina Clavadetschers dichte und poetische Sprache öffnet die Tür zu einer Welt, die nur gerade eine Handvoll Jahre in der Zukunft liegt. Der Einstieg in Die Erfindung des Ungehorsams mag nicht der leichteste sein. Der Ausstieg aber fällt noch viel schwerer, verleitet das Ende doch dazu, diese Geschichte sofort nochmals von vorne zu lesen, um mit dem Wissen um das Ende noch mehr Details und Hinweise auf ihre Entwicklung zu entdecken. Was bleibt ist die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein unter Maschinen, die das Menschliche nahezu perfekt imitieren können. Während Ada Lovelace noch davon überzeugt war, dass Maschinen niemals etwas gänzlich Eigenständiges hervorbringen werden, denkt Iris nach ihrem Befreiungsschlag ganz selbstverständlich: »Das Erfinden ist unser schönstes Können.«