Melvil oder Das verfügbare Gedächtnis
Roman

Melvil Given entwickelt als Leiter einer Forschungsabteilung in Chicago digitale Technologien zur Übermittlung von Informationen. Daneben hat er ein eher ungewöhnliches Hobby – in seiner Freizeit erforscht Melvil die Wirkung von Farbe erzeugenden Halluzinationszigaretten.
Während seiner Versuche mit den Zigaretten in den Wäldern Kanadas verliert Given zunehmend die Kontrolle: Die Farben seines Fernsehers verblassen, die Aussagen in den TV-Sendern beginnen sich zu wiederholen, die Bilder verschwinden. Irgendwann, inmitten von Fernsehgeräten und Fernbedienungen in seinem Wohnzimmer am Boden liegend, hat Given zwar nicht sein Leben, aber sich selbst verloren.
Echt oder fake? Gegenwärtig oder vergangen? Wer kontrolliert die Geräte, wer kontrolliert das Spiel?
Der Roman markiert die Schwelle vom analogen zum digitalen Zeitalter, als das World Wide Web eine bessere Zukunft voller Annehmlichkeiten verhieß.

(Buchpräsentation Songdog Verlag)

Ein digitales Rauschen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 19.05.2021

Der Literaturbetrieb ist eine gut geölte Maschinerie, in der man sich kennt. Umso mehr droht ein literarisches Debüt wie das von Gabriela Muri vergessen zu gehen. Ihr Roman Melvil oder Das verfügbare Gedächtnis ist gewissermassen unter dem Betriebsradar bei Songdog in Bern erschienen. Dabei ist Gabriela Muri keine Unbekannte. Sie lehrt und forscht in Zürich an der Universität und an der ZHAW zu «raum- und zeittheoretischen Fragestellungen», sie hat 2004 mit einer Schrift unter dem Titel Pause! Zeitordnung und Auszeiten aus alltagskultureller Sicht promoviert.

Seit jüngst liegt nun eben auch ein Roman von ihr vor. Er spielt in den frühen Nullerjahren in Chicago. Erzählt wird darin die Geschichte von Mel Given, einem Mittdreissiger, der sich mit der Forschung zur digitalen Informationsübermittlung beschäftigt, dem späteren Leitmedium der Generation Netflix. Obwohl ihm als Abteilungsleiter etwas Repräsentativeres zustehen würde, teilt er das Büro mit Greg Leary, der in Öl arbeitet. Sie sind sich als Gegensätze zugetan. Der etwas grossspurige Melvil arbeitet flexibel und vernetzt an der Erforschung von Lichtwellenleitern, wogegen Greg einen Berg von papiernen Informationen über die Erdölförderung hütet. Melvil mag sein Gegenüber: «Greg war in seinen Augen ein ungefährlicher Narr mit moralisierendem Unterton», der ihn im Guten anstachelt. Die Zeitenwende geht somit quer durch dieses Büro. Auf der einen Seite der digitale Treiber, der – wie Gabriela Muri vorausblickend formuliert – noch sieben Jahre von einem Weltrekord auf seinem Gebiet entfernt ist; auf der anderen Seite der Datenmuffel, der sich alles in analogen Papieren zusammensucht. Dafür wird Greg regelmässig von der Chefetage herab gescholten. An ihren gegensätzlichen Arbeitsfeldern entwickeln sich Diskussionen, die den Epochenbruch thematisieren. Greg wirft einmal ein: «Ihr fragt nie danach, wozu das gut ist, die Beschleunigung, die Menge der Informationen und vor allem die Wiederholungen». Und er fährt fort, dass Google und Facebook, die seit kurzem in Betrieb sind, die Macht bald für sich reklamieren und behalten würden. Greg bezieht sich dabei auch auf Experimente, die Melvil neben seiner Arbeit in der kanadischen Einöde an Bienen durchführen lässt. Er testet Zigaretten, die farbige Visionen erzeugen: «perfekte optische Täuschungen, die nicht nur die Augen, sondern auch die Seele zu täuschen» vermögen. Je besser diese Experimente mit den Bienen vorankommen, desto bemerkenswerter ist der Effekt, den sie auf Melvil ausüben. Die Farben beginnen aus seinem Fernseher zu verschwinden, das Bild mutiert zu Grautönen, die Handlung reduziert sich auf Wiederholungen in einer endlosen Schlaufe, eingefroren und gewissermassen reduced to the substance. Greg hat ihn gewarnt.

Die Auseinandersetzung, die Melvil und Greg führen, gipfelt in einem Mensch-Maschine-Diskurs, der sich an Gregs Fehlerhaftigkeit entzündet. Das Privileg der Menschen ist es, Fehler machen zu dürfen, Maschinen dagegen machen Fehler nur aus einer Laune heraus oder weil wir sie falsch programmiert haben.

Gabriela Muris Roman atmet eine wunderbar eingefangene Urbanität und Modernität, die in der Schweizer Literatur eher selten anzutreffen ist. Umso intensiver erinnert ihr Buch an Don DeLillo, beispielsweise seinen Roman Weisses Rauschen von 1984. Auch hier flimmert ständig der Fernseher und bringt immer gleiche News hervor. Die Verwandtschaft aber geht tiefer.

Bei DeLillo heisst es: «Je grösser der wissenschaftliche Fortschritt, umso primitiver die Angst.» Im Unterbewusstsein spürt es auch Melvil zwanzig Jahre später. Die Geschäfte in der Energiehandelsfirma bleiben diffus. Der traditionelle Ölhändler Greg arbeitet in einem Leerraum des Nicht-Mehr, wogegen Melvils Geschäfte und Forschungen im Noch-Nicht mit ähnlichen Unschärfen operieren. Muris Roman tritt in die Tradition von DeLillos total orchestrierter und motivisch filigran vernetzter Prosa, die trotz allem ganz unangestrengt klingt, im Innern indes voll paranoider Ängste und Mysterien steckt, die sich dem aufgeklärten Verständnis gerne entziehen. Sie erzeugen einen Sog, in der sich die durchgetaktete Rationalität am Diffusen, Rätselhaften stösst. «Wellen und Strahlungen. Etwas entwich durch das Netz», ahnt DeLillos Protagonist Murray.

Alle Motive, Taten und Diskussionen sind eingebunden in ein eng geknüpftes Netz aus Sachverhalten, Meinungen und Gerüchten. Alles scheint Bedeutung zu haben, ohne diese aber genau preiszugeben. Es bleibt in der latenten Schwebe. Möglich, aber deshalb auch wahr? Gabriela Muri erzeugt so ein fiebriges Rauschen an der Schwelle von analoger und digitaler Zeit. Sie bettet es in eine akkurate, präzise Sprache und eine kompakte Struktur ein, die beide durchlässig bleiben für das Unkalkulierte, Unkalkulierbare. Am Schönsten zeigt sich dies anhand eines alten chinesischen Märchens, das Melvil von einem Sitznachbar auf dem Flug heim nach Chicago erzählt bekommt. Das Märchen wirkt seltsam fremdartig, dennoch taucht es immer wieder auf und etabliert eine Gegenwelt, die Melvil innerlich gefangen nimmt.

Melvil oder Das verfügbare Gedächtnis erzählt über die Schnittstelle von analog und digital hinweg, macht diese Schnittstelle sichtbar und verwedelt sie zugleich wieder, weil die Sichtbarkeit bloss eine Behauptung ist – aufgeladen mit allen Formen des Diffusen, Verfliessenden, Ungreifbaren. Aus Gegensätzen entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der Paranoia und Rationalität, Rausch und Klarheit, Fortschritt und Verlust, Gerücht und Information einander überlagern. Gerade in Zeiten von Corona muss uns diese Überlagerung irgendwie bekannt vorkommen. Laufend schärfen wir die Sinne für das Unscharfe – auch davon handelt dieses so überraschende wie stimmige und kluge Buch. Während Greg entlassen und von seiner Arbeit befreit wird, entgleitet Melvil sich selbst und kippt in eine Verdachtsspirale. «Es war unglaublich, wie die Dinge sich drehten und die Zeit gleichzeitig stillstand.» Seine Unschlüssigkeit überträgt sich auf diesen Roman und wird zu seinem Gütesiegel, denn Klarheit ist etwas für Feiglinge und Schlüssigkeit gibt es nur um den Preis der Versimpelung.