Fünf Jahreszeiten Roman
Sie hat ihren Master in Filmwissenschaften abgebrochen und arbeitet im Kunstmuseum als Aufseherin. Während ihr Arbeitskollege Nikola unter der Treppe schläft, beobachtet sie den Staub im Sonnenlicht, lauscht den Stimmen der Kunstvermittlerinnen, wartet, dass die Zeit vergeht. In der Stille werden ihre Gedanken laut, die weissen Wände füllen sich mit Erinnerungen, an Adam, ihren Geliebten, den sie aufgegeben hat für Manuel, ihren Freund. Unentschlossen streift sie durch die Stadt, trifft den alten Paul, lässt sich treiben zwischen Resignation und Hoffnung, trauert um den verlassenen Geliebten, den verstorbenen Vater, vermisst die Mutter, die nicht anwesend ist.
Fünf Jahreszeiten erzählt eine Episode aus dem Leben einer jungen Frau, in der nichts und alles möglich scheint und sich doch Entscheidungen aufdrängen – musikalisch, poetisch, mit leisen Tönen und von grosser Dringlichkeit.
(Buchpräsentation Limmat Verlag)
Das Gras richtet sich auf
Meral Kureyshis zweiter Roman Fünf Jahreszeiten schliesst an ihren ersten, zu Recht gefeierten Roman Elefanten im Garten an. Die Ich-Erzählerin lebt weiterhin in Bern und ist nur wenige Jahre älter. Zur eigenen Migrations- und Familien- kommt nun eine vertrackte Liebesgeschichte mit entsprechenden Echos hinzu. Die Erzählerin beschreibt ihre Situation wie folgt:
Ich habe meinen Master in Filmwissenschaften abgebrochen, arbeite im Kunstmuseum als Aufseherin, da ich bei einem Kriminellen Schulden begleichen muss, die ich von meinem verstorbenen Vater geerbt habe, ich habe einen Freund, und doch habe ich mich in jemand anderen verliebt, ich bin wütend auf meine Mutter, die nicht da ist, aber vor allem bin ich wütend auf mich selbst, da ich nichts auf die Reihe kriege, und letzte Woche hatte ich eine Fehlgeburt.
Auch die Trauer um den Tod ihres Vaters und die Erblindung ihrer Mutter lassen sie noch nicht los. Wiederholt hat sie Angst zu erblinden. Ihr Freund Manuel wurde schon im ersten Roman in merkwürdig fatalistischer Weise angekündigt: «Ich werde mich in den Mann verlieben, der eine schräg sitzende Brille tragen wird». Er ist ein manischer Leser, habilitiert sich in Kunstgeschichte. Adam, ihr Geliebter, ist Kunststudent, der in seiner Schwermut zu Antidepressiva greift. Er reist mit ihr nach Paris, Berlin und Rügen und lässt sie eines Nachts auf seinem Bett sitzen, um sich um seine eifersüchtige Freundin zu kümmern, die vor der Tür randaliert. Zu den beiden Männern, die nicht austauschbar sind, gesellen sich noch zwei weitere: Nikola, mit dem sie im Museum arbeitet, ebenfalls Kunststudent und in sie verliebt, und Paul, ein alter Herr, dem sie häufiger auf ihrem Weg durch die Altstadt begegnet. Die Dreiecksbeziehung bleibt nicht geheim. Manuel und Adam reagieren wütend und hilflos, fordern, in ähnlichen Worten, eine Entscheidung, die sie nicht treffen kann oder will. Kureyshi lässt offen, was die Erzählerin im Einzelnen denkt und fühlt. Kein Gedankenbericht oder innerer Monolog gibt Aufschluss. Ihr Hin und Her zwischen den beiden Männern führt zu Beginn noch zu Reinigungszwängen und autoaggressivem Verhalten, später scheinen diese jedoch nachzulassen. Es wird nicht der Eindruck erweckt, dass sie weiss, was sie will. Sie scheint verloren in der Liebe. Das gilt aber auch für die Männer. Viele Dialoge sind kindlich-verspielt und doch auch immer wieder von Trauer durchwoben. Ihr Onkel Edo, den sie in Berlin besucht, führt sich als weiser Mann auf und hat, gleichsam als Kontrastfigur zum Liebeswirrwarr, doch auch keine Antwort:
Auf einem Foto trägt Onkel Edo mich in den Armen, seine große Liebe steht daneben, er schaut ganz ernst im engen Hemd, die dunkle Schlaghose lässt ihn größer erscheinen.
Du sprichst nie von ihr, sage ich, auf das Foto deutend.
So ist es einfacher, sagt Onkel Edo, die große Liebe gibt es nur einmal, und wenn man sie gespürt hat, vergleicht man alles andere mit ihr und bleibt für immer allein, denn nichts ist vergleichbar, und manchmal wünscht man sich, sie nie gekannt zu haben.
Was ist mit all den Menschen, die sich immer wieder verlieben?, frage ich.
Das sind glückliche Menschen, denn sie sind der großen Liebe nie begegnet, sagt Onkel Edo.
Onkel Edo hat seine große Liebe und sein Land verlassen, und sie wollte oder konnte ihm nicht folgen. Inwieweit also die Rede von einer großen Liebe, die doch Berge versetzen könne, vielleicht doch nur ein Trugbild, eine Chimäre ist, bleibt so offen.
Meral Kureyshis Erzählweise hat sich weiterentwickelt, ist dichter geworden, in hohem Grad lyrisch, durch Bezüge auf Filme, Bilder und literarische Texte aufgeladen, reich an anschaulichen Einzelheiten und ohne Larmoyanz. Der Fluss der Handlung ist durchsetzt von zyklischen Strukturen. Sie zeigen sich an vielen Stellen auf unterschiedliche Weise, an den Bären, die in ihrem Gehege im Kreis gehen, «als würden sie ihren eigenen Spuren folgen», im Titel des Romans, in der fliessenden Abfolge der Jahreszeiten, im Schluss, der das Ende des ersten Romans wieder aufnimmt, oder auch in einem Spiel mit Wörtern:
Dann suchten wir nach Wörtern, die mit ver- anfingen, sagten: vergessen, verbergen, vermissen, verbleiben, verreisen, verbinden, versuchen, verstehen, verlieben, vergehen, vergessen.
Das habe ich schon gesagt, sagte ich.
Das kann nicht sein, sagte Adam.
Die Erzählerin arbeitet im Berner Kunstmuseum, geht gerne ins Kino und liest viel. Für sie spielen Filme wie Truffauts «Jules und Jim» oder Tarkowskis «Der Spiegel», Gemälde wie Böcklins «Toteninsel» und «Meeresstille» mit der rothaarigen Nixe oder Friedrichs «Kreidefelsen auf Rügen» mit der Frau im roten Kleid und zwei Männern eine zentrale Rolle. Aber auch dezente literarische Anspielungen, wie zum Beispiel diejenige auf Walther von der Vogelweides Gedicht «Under der linden» oder vielleicht auch Eichs «März», spiegeln das Erleben und Empfinden der Erzählerin:
Wir gingen in den Park, der sich versteckte zwischen zwei Hauptstraßen, dahinter lag der Friedhof. Es waren nicht viele Leute da, aber noch viele Abdrücke im Rasen. Der Rasen erinnerte sich noch eine Weile an sie, bis er sie wieder vergaß.
Ich legte mich auf Adams Brust. Am liebsten berührte ich ihn unterhalb des Bauchnabels, strich über seine Haut, die so weich war wie keine andere. Seine Beckenknochen waren gut sichtbar. Mein Finger zog eine Linie über seinem Hosenbund, er zuckte zusammen.Als wir gingen, hinterließen auch wir einen großen Abdruck für die, die sich uns vorstellen wollten, aber bald würde sich das Gras aufrichten, als hätte es uns nicht gegeben.
Der Abdruck, die Imagination und das Gras, das sich aufrichtet, lassen an Walther von der Vogelweides und Eichs Gedichte denken. Die Gefühlswelt der Erzählerin scheint in die Dinge ausgelagert zu sein. Diese werden so zu Subjekten, deren Handeln die Hilf- und Ratlosigkeit der Protagonistin noch verstärkt:
Das Bett erinnerte sich an unsere Körper, der Stuhl an die Haut. Die Wände erinnerten sich an den Kuss, die Grabkerze an unsere Gesichter, der Spiegel an die Blicke, das Fenster erinnerte sich an die Umarmung, die Tür erinnerte sich an die Musik, der Boden an unsere Rücken, die Musik erinnerte sich an den Herzschlag.
Am Ende ist die Erzählerin allein, verlassen von Manuel, Adam und Nikola, und Paul ist gestorben. Sie kauft ein neues Kleid, schneidet sich Haare, Fuss- und Fingernägel unter der Dusche, kann vor Schmerz kaum atmen und flieht vor der Stille nach draussen. In den letzten Sätzen sind Freiheit, Einsamkeit und Todessehnsucht miteinander verbunden und gipfeln im Wunsch nach Erstarrung:
Eine Zahl wird sich verwandeln in eine andere, ein Jahr vergangen sein in wenigen Minuten.
Die Menschenmenge beginnt, von zehn an rückwärts zu zählen, feiert die Vergänglichkeit, ich stehe auf, laufe weg.
Auf der Steinbrücke setze ich mich auf die Mauer.
Es müsste genau jetzt, in diesem Moment geschehen.
Das Erstarren.
Meral Kureyshis erster Roman endete auch an Silvester mit dem Wort «Erstarren», aber es folgte noch ein öffnender Schlusssatz aus türkischen Volksmärchen:
Das unbehagliche Gefühl vor der Stille packte mich wieder, ich konnte kaum atmen, fühlte mich ganz leicht, stand schnell auf und schloss mich in mein Zimmer ein. Jetzt, es müsste genau in diesem Moment sein, das Erstarren.
Es war einmal, es war keinmal.
Die Protagonistin ist eine starke Frau, die Erstarrung am Ende der Fünf Jahreszeiten wird sich wohl wieder lösen.