Das alles hier, jetzt
Roman

Ananke stirbt jung nach kurzer Krankheit und hinterlässt im Freundeskreis eine unerträgliche Lücke. Die Freunde trauern und beschwören die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit: die Erlebnisse in Kinder- und Jugendtagen, die enge Verbundenheit der gesamten Gruppe, wunderschöne Sommer, auch erste Konflikte. Die Freunde suchen verzweifelt, finden aber keinen Ausweg aus ihrer Lähmung. Bis eine radikale Idee alles erneut auf den Kopf stellt: Auf geht’s zu einem befreienden Road-Trip, mit einem ganz klaren Ziel…

(Buchpräsentation, Elster & Salis)

Verloren in der Ungewissheit

von Beat Mazenauer
Publiziert am 11.09.2020

Stehen die Erinnerungen hier in der Balance mit einer noch offenen Zukunft, taucht Anna Sterns jüngstes Buch das alles hier, jetzt. ganz in die Vergangenheit beziehungsweise die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen hinab.

Anlass dafür ist der Tod von Ananke, der eine Schar von Freunden ebenso fassungs- wie hilflos zurücklässt. Zusammen mit Cato, Eden, Vienna und anderen, droht die Erzählerin von diesem schicksalhaften Ereignis innerlich erdrückt zu werden. Während 150 Tagen protokolliert sie, wie leer und verzweifelt sie sich fühlt, wie sie sich selbst verstümmelt und deswegen eine Therapie beginnt, wie sie sich abkapselt und kaum die Kraft findet, mit ihren Freunden in Kontakt zu treten. Es gibt kein Leuchten mehr, die Tage bleiben trüb und hoffnungslos.

Anankes Name, ein Pseudonym wie alle Namen in diesem Buch, steht in der griechischen Mythologie für das unpersönliche Schicksal; Goethe hat es in seinem Gedicht «Ananke, Nötigung» besungen:

So sind wir scheinfrei denn nach manchen Jahren
Nur enger dran, als wir am Anfang waren.

Anna Stern lässt die Erzählerin radikal in ihre Trauer eintauchen. Einzig Reflexionen über das Erinnern, seinen «segen und fluch», lassen erahnen, dass sie sich trotz allem nicht ganz fallen lässt oder fallen lassen kann.

es heisst, erinnerung wird nicht in nervenzellen, sondern in der extrazellulären matrix gespeichert, was nicht erklärt, bloss neue fragen aufwirft: ist die erinnerung noch du, wenn sie nicht in dir, sondern zwischen dir ist.

Dieses Erinnerungsprotokoll ist jeweils linksseitig abgedruckt, in meist kurzen Schüben, die nur ausnahmsweise über das Seitenende hinauslaufen. Es wird rechtsseitig begleitet von einem Strom von losen Erinnerungen an glückliche Tage der Kindheit und Jugend: immer wieder Baden im See oder Grillfeuer im Wald. Meist sind es Begebenheiten und Anekdoten, die draussen in der Natur spielen und unspezifisch, manchmal auch etwas banal anmuten. Sie stehen der Trauer begleitend und tröstlich gegenüber – in einer grauen, sozusagen ausbleichenden Schriftfarbe gedruckt.

Damit greift Anna Stern die erzählerische Doppelperspektive von Wild wie die Wellen des Meeres auf, um sie aber formal strenger zu fassen. Trauer und Erinnerung sind kaum konkret miteinander verknüpft, sie laufen parallel wie zwei Ströme, die sich nur absichtslos berühren, nebeneinander her.

Mit das alles hier, jetzt. schreibt Anna Stern in ihrer stilistisch eigenwilligen, kompromisslosen Art weiter. Die strenge Form lässt einen autobiographischen Hintergrund erahnen, dessen emotionaler Überschuss formal gebändigt wird. Darauf verweist auch eine poetologische Selbstreferenz der Ich-Erzählerin:

deine bisherigen texte waren nur raffiniert konstruierter plot ohne substanz, jeder satz mit so viel geduld und umsicht redigiert, dass deine geschichten teflon glichen: nicht spiegel für den leser, nicht fenster in eine neue welt.

Die Erzählerin taucht bohrend intensiv in die Trauer ein. Dafür wird die Aussenwelt gänzlich abgedunkelt. Das Ich spricht in Du-Form zu sich selbst, und die Freunde tragen Alias-Namen, die kaum Hinweise auf ihr Geschlecht oder ihre reale Rolle als Vater, Mutter, Freundin geben. Trauer wie Erinnerung bleiben wie in einem Kokon gefangen – bis, nach 150 Tagen, Vienna eine ebenso verrückte wie rettende Idee hat. Ein zweites, konventionell erzähltes kürzeres Kapitel schildert, wie die Freunde aus ihrer Trauerstarre ausbrechen, indem sie die Asche von Ananke ans Meer bringen, wo die Wellen des Meeres sanft anbranden – im ewigen Gleichmass von Ebbe und Flut.

Aus: Verloren in der Ungewissheit. Anna Sterns «Wild wie die Wellen des Meeres» (Salis 2019) und «Das alles hier, jetzt.» (Elster & Salis 2020). Ein Fokus von Beat Mazenauer (www.viceversaliteratur.ch, 05.10.2020).