Neon Pink & Blue
Roman

In Neon Pink & Blue findet sich eine Drag Queen in einem Klimasommer obdach- und papierlos am Zürisee wieder. Ohne Garderobe out the closet, ohne Badezimmerspiegel und Kostüme ergreift X ein Gefühl der Nacktheit.
Geschichten zu in Frage gestellter Identität und schwer belegbarer Herkunft drängen sich ins untergehende Postkartenbild des Alpenpanoramas.

»… ein wunderbares Machwerk, gemacht von Menschenhand.« Annina Haab

»Es geht um ein Dirigieren von verschwundenen oder verdunkelten Körpern, um einen Kutscher der Schatten des Körpers.« Stefan Humbel

(Buchpräsentation verlag die brotsuppe)

Das Erzählen als Travestie

von Beat Mazenauer
Publiziert am 15.02.2021

Der Autor X Schneeberger spricht von sich als einer «sie», einem «man» oder einem «mensch». Er definiert sich in seinem Roman sozusagen x-beliebig und erzählt von sich nur in konjunktivischer Rede. Alles wäre so gewesen, selbst die «Wahrheit». Unter dem Alias-Namen X Noëme wandelt er sich schliesslich auch in ein Ich, das von sich selbst im Indikativ berichtet. In zwei Teilen entwirft der Roman Neon Pink & Blue einen Text wider alle Konventionen. Das Ungesicherte, Verqueere und Prekäre bildet das Substrat für diese Autofiktion, als deren Urheber X (Christoph) Schneeberger alias Chloé Noëme gelten kann.

Ich erzähle also vom See. Vom Camping sauvage. Vom körperlichen Lesen. Und vom Fehlen der Papiere. Ich erzähle, wie ich mich ureingeboren fühlte, dieser einen Welt.

Die Aufzählung der Ich-Erzählerin gegen Ende des Buches klingt euphemistisch, hoffnungsfroh. Ohne Arbeit, ohne Flitterzeugs, ohne Obdach und ohne Identitätspapiere schlägt sich die Drag Queen «nackt» und «vogelfrei» durch die Tage und Nächte, tummelt sich am Zürihorn unter luschen Figuren oder findet mal hier ein Bett, mal da ein Sofa für die Nacht. Beim gewesenen Bankräuber Stilz bekommt sie Unterschlupf, doch will dieser mit Geschichten entschädigt werden. Doch nicht allein deswegen erzählt sie. «Ich bin die Zungenrede, die zu Wort kommen will», bekräftigt X Noëme. Sie resümiert, was ihr widerfahren ist, und erinnert sich an das Dorf, indem sie ureingeboren war: den Vogelsang am Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat – ein schöner Ort, doch schlecht beleumdet in den Nachbargemeinden. Die queere Existenz ist in mehrerer Hinsicht prekär, gebrochen, mit wenig Aussicht auf ein geregeltes Glück. Das Erzählen aber hilft, es bannt Trauer und Wut, denen höchstens so beizukommen sei, erzählend vergewissert sich die Erzählfigur das «karnevaleske Spiel» mit Masken und Demaskierung und erinnert all «das Unerzählte, um das mensch herumgetanzt». Bündig fasst sie zusammen: «Sprache ist Phantomschmerz».
Was Neon Pink & Blue auszeichnet, ist diese Textspur, die im ersten Teil des Romans konsequent die Ich-Form in inirekter Rede verweigert. Alles ist nur Schein, Möglichkeit, Eventualität, und das Erzählen selbst gleich einer Travestie, einer Maskerade: mäandrierend, unstet springend in rhetorischen Tanzfiguren.

Aber immer, wenn man zu erzählen beginne, sei man auf die eine oder andere Art zu einem Transvestiten geworden.

Die Erzählfigur, ob sie, man oder mensch, entwirft sich fortwährend selbst im Gestus des wilden Erzählens, dem die Lektüre zumindest anfänglich nicht leicht beikommen kann. Die elektrischen wie elektrisierenden Nächte fordern sprachlich Tribut. Die Unruhe legt sich, wenn sich der Blick in die Vergangenheit richtet. Wo das Wohin höchst fraglich ist, bleibt das Woher stets virulent. Neben dem Wohltäter Stilz und Home Boy, der brüderlich-schwesterlichen Freundin, rücken so Vater, Mutter, das Dorf und vor allem zwei Menschen ins Rampenlicht des grell inszenierten Romans, die im Vogelsang selbst Aussenseiter waren. Der Organist Perez und Frau Strada bringen zwischenmenschliche Wärme mit ins Spiel und zugleich Verzweiflung. Beide litten unter der Engstirnigkeit im Quartier. Meister Perez ist einer der vielen Toten, die die Erzählfigur beklagt. Er wurde von einem vermeintlichen Liebhaber ermordet. Doch mehr noch: «seine Homosexualität war der Boulevardzeitung ein grösserer Skandal als seine Ermordung, so mordeten sie ihn Schlagzeile um Schlagzeile.» Trotz seines wunderbaren Bach-Spiels passte er nicht ins gesellschaftliche Normal. Sein Tod bildet eine Zäsur: «mit zwölf war die Kindheit im Vogelsang vorbei», schreibt das erzählende Ich. Frau Strada, wie Perez eine Uneinheimische, war bis in dieses Alter ein Zuhause für den Jungen. Von ihr, der Ausgebeuteten, erzählt der Roman in wärmsten Tönen. In ihr schlägt das Herz, das die Erzählfigur in diesem Buch für sich wieder findet.

Neon Pink & Blue entfaltet in diesem Gegen-, Neben-, Miteinander von existentieller Krise und heimatlicher Erinnerung seine eigentliche Stärke. Während im erstenTeil, «Schneeberger Vogelsang» zugeschrieben und im wilden konjunktivischen Staccato formuliert, die zürcherische Urbanität hervorsticht, ist der zweite Teil dem Alias-Namen X Noëmi zugeschrieben, die in Ich-Rede schreibt, denn: «das Verdruckste bin, finally, ich». Dieser Teil ist eindringlicher durch eine Erinnerung geprägt, die in die Geschichte der Eltern und bis in die bedrückende NS-Zeit zurückreicht. «Einmal verdingt, immer verdingt», trug die Grossmutter dem damaligen Jungen auf: «dass ihr mir das ja nicht mitnehmt».

X Schneebergers erstaunliches literarisches Debüt zeichnet einen Weg weg von dieser Gefahr und aus dem existentiellen Tohuwabohu heraus. Dies vor Augen bügelt er die Sprache nicht glatt, hält er die Erzählung jederzeit in einem labilen Zustand des Dazwischen. Zitate von Gassenhauern («O läck du mir») bis Ingeborg Bachmann und wiederholt aus dem apokryphen Thomas-Evangelium begleiten diesen Prozess der grellen, ausschweifenden und zugleich nachdenklichen Selbstvergewisserung. Thomas gehört auch das letzte Wort:

 ... wenn ihr das Männliche und das Weibliche zu einem macht, damit nicht männlich männlich und nicht weiblich weiblich sei, wenn ihr ein Auge durch ein Auge ersetzt, eine Hand durch eine Hand, einen Fuss durch einen Fuss und ein Bild durch ein Bild ...

zitiert ihn das Buch und quittiert es mit einem «Amen» – nur ungesagt klingt die Fortsetzung des apokryphen Zitats leise mit: «dann werdet ihr eingehen in das Königreich». Doch so einfach ist es dennoch nicht, demonstriert dieser Text. All das Fragen und Suchen findet zuallererst in sich selbst eine Antwort.