Siebenmeilenstiefel
Roman

Andrea stellt sich vor, auf dem Rücken eines Drachens über ihrem Dorf zu fliegen. Sie ist Anfang zwanzig, ihre Mutter hat die Familie vor zehn Jahren verlassen, der alkoholabhängige Vater bezieht Invalidenrente. Über solche Dinge wird zu Hause lieber geschwiegen, und Andrea erfährt am eigenen Leib: Wer über alte Geschichten nicht spricht, der wird sie auch nicht los.
Für ihren Bruder Michl, der lieber Rockmusiker als ein dorfbekannter Schulversager wäre, denkt Andrea sich eine Fluchtgeschichte aus. Als sie ihren Vater und seine Schwägerin bei einem Annäherungsversuch erwischt, merkt sie: Michls Fluchtgeschichte muss auch ihre eigene werden. Zwei Tage später sitzen die Geschwister im Pick-up des Onkels und suchen das Weite.
Andrea erzählt, erinnert, und sie erfindet. So auch eine kühnere Version ihrer selbst namens Ariane, die sie ermutigt, im wirklichen Leben über sich hinauszuwachsen – wenn sie sich, einmal in Basel, auf die Suche macht nach dem, was von ihrer Familie übrig ist. Und ein junger Mann namens Bastian auf dem Fahrrad um die Ecke kommt.
Klug, dialogstark und mit vergnüglicher Fantasie lässt Simon Deckert uns eine Reise miterleben, die die Vergangenheit einholt und die Zukunft mit Händen greift. Ein überraschendes Debüt!

(Buchpräsentation Rotpunktverlag)

Beschleunigte Reife

von Daniel Rothenbühler
Publiziert am 25.01.2021

Siebenmeilenstiefel – das magische Requisit der Kleinen gegenüber den Grossen. In Simon Deckerts Romanerstling sind die Kleinen Andrea, die Ich-Erzählerin, und Michl ihr Bruder. Die – vermeintlich – Grossen sind die Erwachsenen ihrer Familie und ihres Heimatdorfes im Vorarlberg. Gross ist aber nur ihr Schweigen über alles, was das Leben der Kinder bestimmt hat.

Unerschöpfliche Phantasie

«Geheimnis» ist das achte Wort des Romans, und dies nicht nur, weil es in diesem um die Aufdeckung der verhängnisvollen Familiengeheimnisse geht, die die beiden Geschwister belasten, sondern weil Andrea im starken Bedürfnis, sie aufzudecken, auch überall sonst Geheimnisse vermutet. So rätselt sie schon zu Beginn beim allmorgendlichen Warten auf ihren Pendlerbus über das Geheimnis des Mannes «mit dem Afro», den sie in einem anderen Bus regelmässig vorbeifahren sieht. Dieser Mann wird in der ganzen Geschichte nur eine Nebenrolle spielen, es geht in diesem Anfang weniger um ihn als um das wiederkehrende und alles bestimmende Motiv der Neugier Andreas.

Ihre Mutter Elisabeth hat Kinder und Ehemann verlassen, als Andrea zwölf und Michl acht Jahre alt war. Bernhard, der Vater, hat sich nach dem Verschwinden seiner Frau endgültig seinem Alkoholismus ergeben, ist erblindet, hat sein Haus und seine Schreinerei in einem selbst verschuldeten Brand verloren und lebt nun mit den Kindern bei seinem Bruder Bruno und dessen Frau Astrid. Was diesem Familienelend zugrunde liegt, müssen die Kinder und muss vor allem Andrea sich selbst zusammenreimen.

Ihre ausgeprägte Beobachtungsgabe, ihr detektivischer Spürsinn und vor allem ihre unerschöpfliche Phantasie kommen nicht nur ihren Bemühungen zur Enthüllung der Geheimnisse zugute, auch ihr Erzählen lebt davon und damit der ganze Roman. Sie vergegenwärtigt Personen, Szenen und Situationen mit präziser Anschaulichkeit, folgert daraus Hypothesen wie ein Detektiv, nur dass sie diese im Unterschied zu einem solchen weniger argumentativ entwickelt als erzählend, mit Figuren und Motiven aus Schlaf- und Wachträumen, vor allem aber aus den Märchen und Sagen des Buches Vergessenes Österreicher Volksgut, aus dem ihre Mutter ihr und Michl einst erzählt hat.

Mehrfache Spannung

In Abwandlung des bekannten Diktums von Ludwig Wittgenstein könnte Andreas Devise lauten: Worüber man nicht sprechen kann, das muss man fingieren. Der Roman verknüpft so auf kunstvolle Weise mehrere Erzählebenen: jene des gegenwärtigen Geschehens, jene der möglichen Vergangenheit und jene der traum- und märchenhaften Phantasievorstellungen, in denen Andrea sich von beiden – Gegenwart und Vergangenheit – ein Bild zu machen versucht. Und so weckt der Roman bei den Lesenden eine Spannung, die von drei Fragen genährt wird: Was ist einst geschehen, warum und wohin ist die Mutter verschwunden? Was wird nun geschehen, wo ist sie, und wird sie wieder auftauchen oder gefunden werden? Und was werden die teils durchaus realistischen, teils sehr rätselhaften Erzählphantasien Andreas zur Klärung beider Fragen beitragen?

Die Haupthandlung setzt ein, als Andrea vor ihrer Berufsmaturität steht und Michl als Schulversager im Fuhrunternehmen seines Onkels Bruno Handlangerdienste leisten muss. Seine Leidenschaft gilt der Musik, und gerade diese verbietet ihm sein Onkel. Er bricht psychisch zusammen und beschliesst, als er wieder beieinander ist, Dorf und Familie zu verlassen. Andrea begleitet ihn, weil sie um sein Leben fürchtet. Beide wissen nicht recht, wohin, verwechseln den Zug nach Wien mit einem solchen in die Schweiz und finden sich schliesslich In Basel wieder, bei Ilma, ihrer Tante mütterlicherseits.

Andrea wird Ilma nun immer wieder mit Fragen zu deren Schwester, ihrer Mutter, löchern, aber wichtiger für sie und für Michl wird im Weiteren die Begegnung mit Bastian, einem Musiker und Musikstudenten. Im Märchen zweier Kinder, die elternlos in die Welt hinausziehen und dort herumirren, wäre er die rettende Helferfigur, auch wenn Andrea eine solche eher in zwei Wesen sucht, die auf den beiden Buchdeckeln von Vergessenes Österreicher Volksgut abgebildet sind: der Drache auf dem vorderen, die Fee auf dem hinteren.

«In einer Zeitschleife gefangen»

Wenn sie vom Drachen und dessen verlorener Schuppe – dem Plektrum Michls beim Gitarrenspiel – und von der Fee und ihren Siebenmeilenstiefeln phantasiert, hat man den Eindruck, Andrea sei noch das zwölfjährige Mädchen aus der Zeit des Weggangs ihrer Mutter, so wie Michl in seinem Verhalten oft an einen achtjährigen Buben erinnert. Tatsächlich sind seit damals zehn Jahre vergangen, sie ist jetzt zweiundzwanzig und er achtzehn. Beide scheinen «in einer Zeitschleife gefangen» zu sein, wie Andrea es zu Beginn von dem Mann «mit dem Afro» vermutet.

Das zeigt sich auch in der Sprache Andreas als Erzählerin: Ihr dauernder Gebrauch des Artikels vor den Eigennamen, ihr (fast) durchgängiger Verzicht auf den Genitiv und ihr häufiger Gebrauch des Perfekts erinnern mehr noch als an die Umgangssprache des Dorfes an jene von Kindern. Das kann mitunter recht aufgesetzt und schwerfällig wirken:

Die ersten paar Tage bin ich mit der Strassenbahn zur Arbeit gefahren; bis der Michl am Sonntag der Ilma ihr altes Damenfahrrad aus dem Keller heraufgebracht hat – er hat nie ein Wort erzählt, ob etwas Brauchbares zum Vorschein gekommen ist, als er dort unten aufgeräumt hat.

Die kindliche Unbeholfenheit von Andreas Sprache leuchtet aber insofern ein, als beide, sie und Michl, aufgrund des Weggangs ihrer Mutter ungewollt ihrem Kindsein verhaftet geblieben sind und nun erst, im eigenen Weggang vom Dorf und der Begegnung mit Bastian, einen Entwicklungssprung schaffen, mit Siebenmeilenstiefeln, wie man ihn sonst nur aus Märchen kennt.

Simon Deckert gelingt es, sozialen und psychologischen Realismus auf überzeugende Weise mit Traum- und Märchenmotiven zu verbinden, seinen Hauptfiguren die faszinierende Rätselhaftigkeit von Märchenfiguren zu belassen und uns einen Entwicklungsroman zu präsentieren, dessen Hauptfiguren beschleunigte und gleichwohl einleuchtende Reife erlangen.

Wir nehmen es Andrea ab, wenn sie zum Schluss hin sagt, sie wache auf «wie am Morgen nach einem langen, tiefen Schlaf», obwohl Bastian kein Märchenprinz ist und der Roman nicht ins Happy End mündet, das alle Probleme lösen und alle Fragen beantworten würde. Andreas Heuristik des Drauflosphantasierens bewährt sich insofern, als ihre traum- und märchenhaften Annahmen zwar nicht bestätigt werden, wohl aber unerwartete Lösungen herbeiführen. Sie wird den Drachen als mächtigen und wohlwollenden Glücksbringer, die Fee als Schicksalskünderin und -schützerin und die Siebenmeilenstiefel als Vehikel für den Zugang zur Erwachsenenwelt hinter sich lassen, aber ihre Funktion als erlösende Stützen haben sie erfüllt.