Im Fallen lernt die Feder fliegen Roman
Die irakischstämmige Aida verleugnet ihre Herkunft, was immer wieder zu Streit mit ihrem Freund führt. In ihrer Not setzt sie sich hin und beginnt aufzuschreiben, was sie nicht sagen kann. Geboren in einem iranischen Flüchtlingslager, kam sie mit ihren Eltern und der älteren Schwester in die Schweiz. Die Mädchen gehen zur Schule, aber ihre Eltern kommen mit dem westlichen Alltag nicht zurecht und verklären mehr und mehr ihre Heimat. Der Vater, ein konservativer Theologe, beschliesst schliesslich, mit der ganzen Familie in den Irak zurückzukehren. Aber was für die Eltern die Heimat ist, die sie einst verlassen haben, ist für die beiden Schwestern ein fremdes Land. Als die Ältere verheiratet werden soll, fliehen sie nun ihrerseits und gelangen als unbegleitete Minderjährige in die Schweiz. Aber auch sie lässt die Vergangenheit nicht los.
Wieder gelingt es Usama Al Shahmani, vielschichtig von der grossen inneren Anstrengung von Flüchtlingen bei ihren Integrationsbemühungen zu erzählen und dabei immer ein Fenster zur Hoffnung offenzulassen. Und nicht zuletzt überwindet er selbst die Mühsal des Exils durch das Verschmelzen der arabischen mit der westlichen Kultur im Erzählen.
(Buchpräsentation Limmat Verlag)
Rezension
Wie schon in seinem beeindruckenden ersten Roman In der Fremde sprechen die Bäume arabisch befasst sich Usama Al Shahmani auch in seinem neusten Buch mit den Themen Herkunft, Flucht und kulturelle Differenz. Anders als im stark autobiografisch gefärbten Vorgänger handelt dieser Roman aber von einer jungen Frau, die nicht nur zwischen ihrem Herkunftsland und ihrer neuen Heimat steht, sondern sich auch zwischen einem selbstständigen Leben in der Schweiz und ihrer Familie entscheiden muss. Mit einer bildhaften Sprache und in einfachen Sätzen erzählt Al Shahmani von der Emanzipation seiner Protagonistin von ihrer Familie und dem patriarchalischen Umfeld, in dem sie aufgewachsen ist.
Am Anfang der Geschichte steht die Beziehung zwischen Daniel und der Erzählerin Aida, die immer wieder denselben Konflikt austragen: Während Aida ihre irakische Herkunft und ihre Flucht in die Schweiz am liebsten weit hinter sich lassen würde, will Daniel mehr über ihre Geschichte und ihre Familie erfahren. Er rät ihr, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und zu ihren Wurzeln zu stehen. Aida wehrt sich anfangs dagegen, da sie ja gerade versucht, sich ein neues Leben zusammen mit Daniel aufzubauen. Als dieser aber für einen Zivildienst-Einsatz einige Zeit im Safiental verbringt, beginnt sich Aida aus freien Stücken mit ihrer Geschichte zu befassen und schreibt sie auf.
So erfährt man, dass Aida als kleines Mädchen mit ihren Eltern und ihrer Schwester Nosche aus dem Irak in die Schweiz geflohen ist. Während sich die beiden Schwestern in Frauenfeld schnell einleben, fühlen sich die Eltern in der Schweiz nie zu Hause. Sie finden keinen Zugang zur Schweizer Kultur und kämpfen gegen die Widrigkeiten des Schweizer Asylwesens und der Bürokratie. So entscheidet der Vater unmittelbar nach dem Ende der Diktatur Saddam Husseins, dass die Familie in den Irak zurückkehren wird.
In ihrer neuen alten Heimat angekommen erleben die Mädchen, unterdessen beide Teenager, einen kulturellen Schock. Das von ihren Eltern angepriesene Land könnte fremder nicht sein. Nicht nur die kaum bekannte Kultur macht ihnen das Leben schwer, der Bürgerkrieg ist nach wie vor präsent – und damit auch die tiefe Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten. Zudem zeigen die Eltern keinerlei Verständnis für die Sorgen der Mädchen oder deren Schwierigkeiten, sich einzuleben; für sie ist die Rückkehr die notwendige Wiederherstellung ihrer löchrig gewordenen Identität. So kommt es, dass die beiden Schwestern heimlich und mit Hilfe von Bekannten eine erneute Flucht in die Schweiz planen – und bald auch ausführen.
Trotz verschiedener Rückschläge auf der Flucht und dem Kontaktabbruch zu den Eltern bereut Aida ihre Entscheidung kaum. Sogar nachdem ihre Schwester kurz nach der Ankunft in der Schweiz überraschend verstirbt, erwägt sie keine Rückkehr in den Irak. Zu stark ist ihr Drang nach einem Leben in der Schweiz, fernab von einem Land, das «eine männliche Farbe, eine männliche Stimme und einen männlichen Geschmack» hat – und zu überzeugt ist Aida von ihrem Vorhaben, Nosches und ihren «Traum von der Freiheit» weiterzuverfolgen. Ganz im Unterschied zu ihrem Vater, der die Freiheit als die Wurzel ihrer Probleme ansieht: «Kennt ihr das arabische Wort für Freiheit? Huria, und dieses Wort ist mit haira verwandt, dem arabischen Wort für Ratlosigkeit.» Die Emanzipation von ihrer Familie ist sodann auch der Widerstand gegen die ihr von den Eltern zugedachte Rolle als Frau und eine Entscheidung dazu, ihre Identität selbst zu gestalten.
Fast ebenso vehement wehrt sich Aida aber auch gegen die Zuschreibungen der Schweizer Gesellschaft bezüglich ihrer Rolle als Immigrantin und Araberin. Trotz anfänglicher Ablehnung ihrer irakischen und migrantischen Identität merkt Aida zunehmend, wie viel sie mit ihren Eltern und deren Kultur verbindet. Erst über das Aufschreiben ihrer Geschichte erkennt sie bei sich Verhaltensmuster ihres Vaters – gerade auch in ihrem Schweigen.
So verwundert es nicht, dass Aida über die arabische Sprache zu ihrer Herkunft zurückfindet. In der Universitätsbibliothek, in der sie arbeitet, kommt sie in Berührung mit der grossen Sammlung der Orientbibliothek. Dabei findet sie in der Sprache wieder eine Heimat und versöhnt sich gewissermassen auch mit ihrer Herkunft: «Ich kann die arabische Sprache ganz neu einatmen, meine arabischen Buchstaben strecken ihre Arme weit aus und drücken sich an mich. Ich spüre die Wärme eines M bei umi, dem arabischen Wort für Mutter, und die Geborgenheit des I von abi, Vater.» So findet am Ende auch eine gewisse Versöhnung über Distanz mit ihren Eltern und deren Kultur statt.
Über ihre Beschäftigung mit der Sprache findet Aida aber nicht nur einen Zugang zu ihrer Geschichte und Herkunft, sondern auch zur Literatur und zum Schreiben. Erst durch das Aufschreiben ihrer Geschichte gelingt es ihr, aktiv in ihre Identitätsbildung einzugreifen und so findet sie im Schreiben sogar eine Art Heimat. Diese Verknüpfung von Sprache und Herkunft wird ganz am Schluss nochmals verdeutlicht. Aida sitzt vor dem Computer und scrollt durch ihren Text: «Willkürlich bewege ich die Maus und ziehe den Text mal hinauf, mal hinunter, er rollt vorüber wie die Landschaft, die ich damals im Irak aus dem fahrenden Auto betrachtete.» Doch wie das Vorbeifahren im Auto durch die irakische Landschaft bleibt auch die Herkunft etwas Dynamisches. So schreibt sie: «Ich bin unsicher, wo ich jetzt selber stehe in diesen endlos weiten Textfeldern.»
Mit einem feinen Gespür für diese Unsicherheit zeigt Usama Al Shahmani in Im Fallen lernt die Feder fliegen die schwierige Selbstsuche einer Migrantin auf. Er schildert Aidas Geschichte mit einer eigenen Bildsprache und vielen präzisen Beobachtungen zu kultureller Differenz und interkultureller Identität. Zwar stehen einige der unzähligen Naturmetaphern etwas schief im Text und sind die Dialoge teilweise etwas sperrig und unrealistisch geraten. Diese Unstimmigkeiten wiegen aber nicht schwer, denn umso beeindruckender ist Al Shahmanis Erzählung von einer selbstbewussten jungen Frau, die sich ihre Identität nicht von aussen aufzwingen lässt und eine neue Heimat in der Literatur entdeckt.