Elbwärts
Roman

Wie begegnet man seiner fremd gewordenen Herkunft? – Thilo Krauses eindringlicher Roman über unser Land und unsere Zeit

Ein junges Paar kehrt nach Jahren zurück ins Felsland der Sächsischen Schweiz. Der Wunsch, sich an den Kindheitsorten ein neues Leben aufzubauen, mündet in die Konfrontation mit der Herkunft, aber auch mit einer neuen Fremdheit. Der Erzähler erinnert sich: an den Schulfreund, der damals beim gemeinsamen Klettern sein Bein verlor. An den öffentlichen Tadel in der Schule beim sozialistischen Fahnenappell. Thilo Krauses erster Roman erzählt vom Versuch der Heimkehr in ein fremdgewordenes Land. Es gibt nicht nur Apfelbäume und Elbwiesen, es gibt auch das Sommercamp der Neonazis, und am Misstrauen des Dorfes droht auch das Paar zu scheitern. Ein intensiver Roman über unser Land und unsere Zeit.

(Buchpräsentation Hanser Verlag)

Verlorene Kindheit

von Dominik Müller
Publiziert am 26.10.2020

Wer hat nicht schon davon geträumt, in die Welt seiner Kindheit zurückzukehren. Thilo Krause, der 1977 in Dresden geboren wurde und in Zürich lebt, erzählt in seinem ersten Roman von einem, der diesen Traum, koste es, was es wolle, verwirklichen will. Vor dem Einschlafen schwärmt der namenlose Romanheld seiner schwangeren Frau von der Landschaft seiner Kindheit vor: Kornfelder, Apfelbäume und darüber ein hoher Himmel. Doch das erfahren wir erst aus einem der vielen Rückblicke. Der von seinem Helden selber erzählte Roman setzt ein, nachdem sich das Paar mit der inzwischen geborenen Tochter in einem kleinen Dorf in der sächsischen Schweiz niedergelassen hat. Dass sich die Frau überhaupt auf das blauäugige Experiment eingelassen hat, ist wohl neben der Sorge um den heimwehkranken Mann der Suggestionskraft zu verdanken, mit der ihr – und mit der nun auch uns Lesenden – die Berglandschaft an der Elbe ausgemalt wird. Sie war mit ihren zerklüfteten Felsformationen ein beliebtes Sujet der Maler um Caspar David Friedrich. Deren Bilder verschmelzen mit den Erinnerungen des Protagonisten.

Die Romantik wusste bekanntlich besonders gut Bescheid über die Mechanismen der Sehnsucht. Ihre Dichter, E.T.A. Hoffmann etwa, warnten vor den Katastrophen, die jenen drohen, die einen Sehnsuchtsort zu ihrem festen Wohnsitz machen wollen. Im Roman beschwört der vermeintlich Heimgekehrte die Katastrophe herauf, indem er den Unterhalt der Familie seiner Frau überlässt und zum Jungen regrediert, der sich tagelang in den Wäldern herumtreibt und seine kleine Tochter zum Abbild des Kindes zu formen versucht, das er selber hier einmal war. Er merkt, dass er doch nicht heimisch wird und zudem mit seinem Verhalten den Argwohn der Eingesessenen schürt. Der einzige neugewonnen Freund, der Tscheche Jan, Buschauffeur in der Tourismusbranche, die angefangen hat, die Naturschönheiten auszubeuten, ist ebenfalls ein Zugezogener. Die Katastrophe vollendet sich, wenn Frau und Kind ihn verlassen. Dazu kann es auch deshalb kommen, weil der Mann einen weiteren, eigentlich aber wohl den primären Grund seines Rückkehrwunsches verheimlicht hat: die Hoffnung, den Jugendfreund Vito wiederzusehen. Dass dieser als Tischler in der Gegend lebt, weiss er von Internetrecherchen, die zum Sehnsuchtshaushalt moderner Menschen gehören. Unzertrennlich in ihrer Leidenschaft für den Fluchtraum Natur, erstiegen die Buben die Felstürme, bis Vito abstürzte und ein Bein verlor. Zum subjektiven Schuldgefühl kamen die hinterhältigen Vorwürfe der Dorfbewohner, die die Familie nötigten wegzuziehen. So verloren sich die Freunde aus den Augen. Nur schwer finden sie jetzt wieder zueinander. Was dem Aufleben der alten Freundschaft im Weg steht ist unter anderem der Verdacht, Vito sympathisiere mit den Neonazis, die in den Wäldern Überlebenscamps abhalten und dazu beitragen, dass sich der Heimgekehrte nicht mehr zuhause fühlt.
Eine äussere Katastrophe, das Hochwasser der Elbe, führt eine unerwartete Wendung herbei, ein Happy End auf Zeit.

Thilo Krause ist mit drei Gedichtbänden bekannt geworden, allesamt ausgezeichnet, u.a. mit dem Schweizer Literaturpreis, dem ZKB-Schillerpreis und dem Brentano-Preis. Für die dritte Lyriksammlung Was wir reden, wenn es gewittert (Hanser 2018) erhielt der in der DDR geborene und aufgewachsene, seit Längerem in Zürich lebende Autor mit dem Peter-Huchel-Preis eine besonders passende Auszeichnung, steht doch sein Schreiben in der Tradition von Huchels politisch getönter Naturlyrik. Der Umstieg in die Prosagattung ist dem Autor mit Elbwärts hervorragend gelungen. Er hat möglichst viel ins neue Genre hinübergenommen und nur gerade das Nötigste aufgegeben. Trotz seines anfänglich spröden Tons erzeugt der Roman Spannung und nimmt uns ein für seine Figuren. Die Abschnitte sind in sich so abgerundet und sprachlich so vieltönig, dass es sich lohnt, sie, wie Gedichte, einzeln vorzunehmen. Anhand kurzer Episoden werden etwa die inneren Dimensionen der nach dem Unglück noch exklusiveren Komplizenschaft der Jugendfreude meisterhaft nachgezeichnet, ohne dass explizit von Gefühlen die Rede ist. Das lyrische Prinzip der Selektion und Fokussierung bringt einen Prosatext hervor, der für einen Roman verblüffend viel ausspart. Er kommt mit einem Minimalbestand von Figuren aus und gestattet es sich, von seiner Hauptperson ganz viel im Dunklen zu lassen (in was für einer Familie ist sie aufgewachsen, wo lebte sie vor der Rückkehr, welcher Arbeit ging sie nach?). Was dem Buch so für einen Roman im landläufigen Sinn fehlt, öffnet es dem Leser, lässt das Modellhafte, die Experimentalanordnung hervortreten, die die Lesenden mit ihren eigenen Erfahrungen ausstatten können. «Uns geht es allen gleich. Nur jedem auf seiner Weise.» (S. 179). In unterschiedlicher Weise mischen sich unsere Kindheitssehnsüchte mit Verletzungen, unsere Zärtlichkeit für Kinder mit Fremdheitsgefühl ihnen gegenüber, unsere Begeisterung für Landschaften mit der Kritik an dem, was Menschen darin so alles anstellen.

Nach seinem Unfall fehlt dem invaliden Vito die Weite, in die man von den Felsriffen schauen kann. Sein Freund klettert an seiner Stelle mit dem Versprechen hinauf, ihm über ein mit zwei Dosen und einer Schnur gebastelten Kindertelefon die Rundsicht zu schildern. Vito bekommt aber nur zu hören, was die Bubenphantasie seines Freundes oben zusammenfabuliert: eine Feuersbrunst in der Schule, die die beiden gerade schwänzen. Der Dichter Thilo Krause verfügt über die Worte, die dem Jungen fehlen, um zu kommunizieren, was er sieht. In seiner Dankesrede für den Huchel-Preis wirft er die Frage auf, wie das anzustellen sei:

Meine Antwort ist es, mich an die Dinge und Wörter des Alltags zu halten. Tisch zu sagen, Taube und Fenster, aber hoffentlich mehr zu beschwören als die Dinge selbst. Und dabei immer noch ein wenig Vertrauen in die Sprache zu haben, in dem Sinne, dass, wenn ich Taube sage, ich annehme, dass Sie auch eine Taube vor sich sehen.

Der Romanautor ist diesem Verfahren und der poetischen Sachlichkeit des Lyrikers treu geblieben. Das stille, liebevolle Buch nimmt uns hinein in das intensive Erleben einer bestimmten Landschaft, die es damit feiert. Es macht aber gleichzeitig klar, wie absturzgefährdet einer ist, der sich einem solchen Erleben ganz verschreibt: Soziale Belange und die Politik lassen sich auf die Dauer nicht ausklammern.
Thilo Krause bleibt verdientermassen weiterhin ein preisverwöhnter Autor. Für Elbwärts wurde er mit dem ›Robert Walser-Preis für Erstlingswerke in Prosa‹ ausgezeichnet.