Hyäne. Eine Erlösungsfantasie Roman
Ein bulimischer Global Player, der nervös wird, wenn er zu wenig fliegt. Eine junge Frau, deren unstetes Leben zwischen sinnlosen Callcenter- und Garderoben-Jobs schwebt. Und eine Aktivistin, die nachts Warenhäuser verwüstet. Dazu die Angestellten eines multinationalen Konzerns mit einem visionären Plan für die Menschheit. Benjamin von Wyl führt uns in hohem Tempo vom Jetzt in eine Zukunft, die Erlösung verspricht.
Es gibt Menschen, die sind zum Economy-Fliegen geboren. Er selbst wird nervös, wenn er zu wenig fliegt. In die Hinterhof-Region Mitteleuropa reist er nur deshalb, weil ihm Neocitranis alle Freiheiten beim Test seines «CEO For One Month»-Programms gibt. Sie sitzt jede Nacht im Fenster und beobachtet den Wachmann im Warenhaus gegenüber. Ihr Leben ist unstet, ihre Jobs verschaffen ihr eine arhythmische Woche. Aus diesem stotternden Dasein wird sie rausgerissen, als sie beobachtet, wie dem Wachmann eines Nachts eine Espressokanne über den Kopf gezogen wird. Die Erzählerin folgt der Flüchtenden, Hanna mit Namen: in einen Park, ins Jura, und in Hannas Theorien. Zusammen bildet das Paar eine Kapsel, ein Lebensmodell.
Doch dann besucht die Erzählerin das Casting für «CEO For One Month». Hier will der Global Player sie zum «UBER-Mensch» formen. Hanna sucht die Erzählerin mit zunehmender Sorge. Eines Nachts stampft sie während der Suche über Kleiderberge und Firmenbadges. Am nächsten Morgen ist Hanna skeptisch. Sind es wirklich die Leute vom Neocitranis-Konzern, die die Menschheit von sich befreien wollen? Wenn es aber stimmt, als welche Art will sie fortan leben?
(Buchpräsentation lector books)
Atemberaubende Sprachkunst
«Du guckst dir zu.» So ist das erste Kapitel dieser «Erlösungsfantasie» betitelt. Der Satz kündigt das Bauprinzip des ganzen Romans an: In Du-Form lassen zwei Stimmen, später drei, mit ihren atemberaubenden Wortkaskaden zwei, dann drei Figuren sich selbst und einander zugucken, so dass sie auch für uns immer deutlichere Konturen annehmen. Aber woher kommen diese Stimmen? Sprechen die angesprochenen Figuren zu sich selbst? Oder werden sie von fremden Stimmen im Kopf tyrannisiert? Es gehört zu den spannungsreichen Unbestimmtheiten dieses Textes, dass er auf diese Fragen keine Antwort gibt.
Spielwitz der Assoziationen
Zunächst aber betrifft «Du guckst dir zu» nur das erste der drei angesprochenen Du’s, eine junge Frau, die ein Studium der Kunstgeschichte abgeschlossen hat, keine Stelle findet und sich mit mehreren prekären Jobs über Wasser hält. Hektik kennzeichnet ihren beruflichen Alltag ebenso wie ihr Umhersurfen auf fast allen erreichbaren Online-Medien, Facebook, Tinder, Twitter, Instagram, Whatsapp und Telegram. Ruhe und Schutz findet sie nachts im Kokon ihres Schlafsacks oder am Fenster ihres Zimmers, wenn sie auf einen Sicherheitsbeauftragten im Dienst eines Kaufhauses hinunterschaut.
Sie nennt ihn «Nighthawk», Nachtschwärmer, in Anlehnung an «Nighthawks», das berühmte Bild von Edward Hopper. Die Ironie des Textes besteht darin, dass er mit dem Bild der jungen Frau, die nach aussen schaut, ein Hauptmotiv Hoppers aufgreift, Menschen, die auf ein unbestimmtes Aussen schauen, im Fokus des Blicks aber einen Inhalt erscheinen lässt, der auf «Nighthawks» verweist, das Bild, in dem Hopper ausnahmsweise den Blick von aussen auf ein Inneres richtet. So gilt «Sie guckt sich zu» hier auf ironische Weise in vierfacher Hinsicht: für die Stimme, durch die die junge Frau angesprochen wird, für ihre ausdrückliche Bezugnahme auf Hoppers «Nighthwaks», für ihren Blick durchs Fenster, ein Hauptmotiv in Hoppers übrigem Werk, und für die Spiegelung ihrer eigenen Einsamkeit in jener des Sicherheitsmannes.
Solch ebenso komplexe wie witzige intertextuelle und intermediale Wechselwirkungen finden sich im ganzen Roman wieder, weniger allerdings mit kunsthistorischem Hintergrund als mit jenem des heutigen digitalen Bild- und Geräuschteppichs der sozialen Medien, Spotify, Disney.com und wenn’s hoch kommt Netflix und TED-Talks. Die vielfältigen Bezüge wirken nie aufdringlich, im Vordergrund stehen der Spielwitz der Assoziationen und eine sprachartistische Vehemenz, wie wir sie sonst eher von Stand-up- und Slam-ArtistInnen kennen. Im Grundmotiv der Verbindung von unüberwindbarer Vereinzelung mit medialer, sozialer und ökonomischer Hektik gewinnen die Geistesblitze und Sprachkapriolen aber eine Berechtigung, die weit über Effekthascherei hinausreicht.
Kotzorgien und Kackattentate
Einsam und hektisch wirkt auch die zweite Figur, die als Du angesprochen wird: ein hyperaktiver Global Player, der sich an der Spitze der «Global-Class-Pyramide» sieht und mindestens zweimal pro Woche in der Welt herumfliegt. Er wird nicht wie die erfolglose Kunsthistorikerin durch ökonomische und soziale Nöte getrieben, sondern durch ein Suchtverhalten, das ihn auf der ständigen Suche nach Lustbefriedigung schon durch zwei Stadien geführt hat, Heroin und soziale Medien, während er sich nun im ultimativen dritten sieht: Bulimie mit Kotzorgien auf der Toilette. Im Kotzen als «Operating Mode» sieht er über sein persönliches Privileg hinaus ein Grundprinzip der wirtschaftlichen Verhältnisse, die er mitgestalten will: Vomitonomics, eine Wirtschaftsweise, in der Leute wie er sich Betriebe, Immobilien, Terrains aneignen und die damit betroffenen Menschen unterwerfen und beides, Sach- und Menschenmaterial, kurzfristig bearbeiten, um es dann mit Gewinn wieder herauszukotzen. In offenem Zynismus beruft er sich auf das Prinzip der Disruption und auf den «Flux» des ökonomischen Fortschritts, dem sich die Menschen – ganz im Sinne Walter Lippmanns, dem Begründer des Neoliberalismus – unterwerfen sollen, indem sie ein Maximum an «Adaptibility», «Employability» und «professional competence» entwickeln.
Während die Kunsthistorikerin und der Global Player ganz diesem «Flux» unterworfen sind – sie ungewollt, er willentlich –, versucht die dritte Figur, Hannah, die in der Mitte des Romans auftaucht, sich ihm gewaltsam zu widersetzen, zum Beispiel indem sie die Regale von Kaufhäusern bekackt. Solch hilflos-läppische Attacken erinnern jedoch eher an Racheakte als an ein verheissungsvolles politisches Vorhaben. Als Biologin war Hannah früher in leitender Funktion für «Neocitranis» tätig, den Chemie-Trust, für den der Global Player herumwirbelt.
Satirische Parabel
Durch Zufall finden die drei zusammen und die Kunsthistorikerin verliebt sich in Hannah und lässt sich von ihr zur Anstellung beim Global Player anstacheln, um im Kampf um Macht oder Zerstörung des «Neocitranis»-Konzerns eine entscheidende Rolle zu spielen. Damit gleicht sie jenen hungernden Hyänen in Disneys «König der Löwen», die dem Umstürzler Scar im Kampf um den Thron beistehen.
Auf Disney und dessen erfolgreichsten Trickfilm verweist der Roman mehrmals. In «Elysium» aber, seinem Schlusskapitel, gibt er der Hyäne, zu der die ehemalige Kunsthistorikerin sich verwandelt hat, eine andere Funktion als Disney: Sie lebt nun in einer neuen tierlich-menschlichen Ordnung, die an das «Chthuluzän» und die «Verwandtschaft der Arten» bei Donna J. Haraway erinnert, und nimmt darin eine dominierende Funktion ein. Der Roman folgt dabei eher der Zoologie als der amerikanischen Ökofeministin: In ihrem matrilinearen Rudel herrscht die Hyäne als Raubtier, das den «Killermodus» hochschätzt, den Männchen die unterste Rangstufe zuweist und in harter Konkurrenz dafür sorgt, dass auch ihre Töchter «die Dynastie weiterführen wollen.» Der Lach- und Kicherlaut der Hyäne, der in der Natur Unterwerfung ausdrückt, steht zum Schluss für die bittere Ironie, mit der uns diese «Erlösungsfantasie» vorgeführt wird. So beschränkt der Autor den Roman letztlich zu sehr auf eine satirische Parabel, glaubt dem Verlauf und dem Ergebnis seiner Handlung selber kaum, überzeugt aber durch die atemberaubende Sprachkunst, mit der er sie hervorbringt.