Irrland
Reportagen

Margrit Sprechers Reportagen zeichnen ein eindringliches Bild unserer heutigen Gesellschaft und halten für die Leserinnen und Leser überraschende An- und Einsichten der unterschiedlichsten Art bereit.
Ihre Arbeit führt Margrit Sprecher um die ganze Welt: Sie reist von den Todestrakten Amerikas in das Gefängnis namens Gaza, von einem Luzerner Betagtenheim ins Muotathal und danach in die Weiße Arena. Ihre Reportagen erzählen von den mehr als einer halben Million Kühen, die für Theo Müller gemolken werden, und von der verkauften Zukunft eines Trendforschers. Und wie Irland in nur zwanzig Jahren reich und wieder arm wurde.

(Buchpräsentation Dörlemann Verlag)

Die unsichtbare Reporterin

von Peter Utz
Publiziert am 21.09.2020

Sie ist eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Stimme der deutschsprachigen Reportage: Margrit Sprecher. Und doch trifft man sie in ihren Reportagen kaum persönlich an. Das gilt auch für ihren neusten Band, der Reportagen von 2002 bis 2020 versammelt. In der Buchform melden die Texte, die zwischen 2002 und 2020 zunächst in der alten «Weltwoche», dem «NZZ Folio», den «Reportagen» oder der «Republik» erschienen sind, einen Anspruch auf Haltbarkeit über den Tag hinaus an, den Anspruch auf literarische Geltung. Zu Recht: Jede einzelne der Reportagen, vom Augenschein in den Palästinensergebieten über das Muotathaler Volkstheater und dem Besuch bei einer Corset-Schneiderin bis zum Porträt der Enkelinnen Mussolinis behält ein aktuelles Interesse, über den Anlass der Erstpublikation hinaus. Denn an welchen Schauplatz man auch immer geführt wird, immer ist in diesem Buch scharf beleuchtete Gegenwart, immer ist «jetzt». Umso leichter tritt man in die einzelnen Textwelten ein.

Gesammelt im Buch, treten nun auch die gemeinsamen Züge der Reportagen hervor: Die meisten setzen mit ihren Porträts von Prominenten gesellschaftlich oben an, auch wenn diese, wie der Stratosphärenspringer Felix Baumgartner, dann tief fallen. Das personalisierte Star-System der Medienwelt hinterlässt auch bei Margrit Sprecher seine Spuren. Der Vorzeige-Hausmann und Kabarettist Bänz Friedli oder der Fernsehmoderator Nik Hartmann werfen als medial blankpolierte Saubermänner kaum Schlagschatten, in welche die Reporterin hineinleuchten könnte. Wesentlich dankbarer sind diesbezüglich so zwielichtige Figuren wie der Sammelkläger Ed Fagan oder der Sterbehelfer Ludwig A. Minelli. Jene alternativen Lebensläufe «ganz unten», die uns die Sozialreportagen auch von Margrit Sprecher näher gebracht haben, finden sich in dem Band hingegen nur selten, am anschaulichsten vielleicht in der langen Reportage über die konjunkturellen Berg- und Talfahrten von Irland, die als «Irrland» dem Band den Namen gibt. Immer aber spielen die Menschen, die auch ihren realen Namen tragen dürfen, eine wichtigere Rolle als Konjunkturzahlen und geschichtliche Kontexte. Die Reportage beleuchtet, sie durchleuchtet nicht.

Umso schärfer treten dabei aber die äusseren Züge der Gesellschaft in den Blick. Margrit Sprecher lernt uns, in und hinter die aufgeschminkten Gesichter zu blicken. Für einen durchsetzungskräftigen Molkereikönig reichen zwei knappe Sätze: «Alles ist groß an Theo Müller, auch sein Gesicht und seine Hände. So sehen freudige Raufer aus, hart im Nehmen und Geben». (S. 143) An der «Faust» des WEF-Gründers Klaus Schwab, die seine «Goldbrille» in Schieflage bringt, als er sich auf einem Podium von grünen WEF-Kritikern langweilt, ist sein verhaltener Machtanspruch abzulesen (S. 193). Aber auch jene Frauengruppe, die nach Büroschluss im Bauchtanz Entspannung sucht, entgeht der Physiognomikerin nicht: «Größter Spielverderber freilich bleibt das eigene Gesicht. Die Falte zwischen den Augen spricht vom Stress mit Konto und Kindern statt von Wüste und Weite und glutrot untergehenden Sonnen. Die Mundwinkel erzählen vom ewig gleichen Trott statt von Tausendundeiner Nacht.» (S. 119) In gemeisselten Hauptsätzen, mit auf Gegensätzen getrimmten Alliterationen, stellt Margrit Sprecher die Widersprüche zwischen Schein und Sein so heraus, dass sie nicht mehr weiter analysiert werden müssen. Nur ganz diskret klingt an einer Stelle das Adorno-Verdikt an, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne.

Was denn genau das «Falsche» sei, das wird jedoch nicht expliziert, schon gar nicht mit moralischem Zeigefinger. Die zahlreichen Zitate belässt Margrit Sprecher ihren Figuren, ohne sie zu kommentieren. Klaus Schwab darf sich mit ebenso langen wie glatten, nichtssagenden Statements demaskieren. Manchmal reicht zur Selbstentlarvung aber auch ein ganz kurzer Satz. Den Sterbehelfer Minelli etwa lässt Margrit Sprecher das dürftige Dekor seiner Sterbewohnung im Industriegebiet Pfäffikon mit drei Worten empfehlen: «Alles sehr gediegen.» (S. 69) Damit ist alles ausgestellt: die Situation, der Sprecher und seine Sprache. Auch sie gehört, manchmal dick aufgetragen, zur gesellschaftlichen Schminke; gerade der Sprache muss man auf das Maul schauen. Die Leistung von Margrit Sprechers Reportagekunst ist es, dafür eine eigene Sprache zu finden, die in starken Kontrasteffekten und überraschenden Vergleichen jene Wirklichkeit durchstößt, die sie doch mit sinnlich-konkreten Einzelheiten, mit Namen und Orten in wenigen Strichen gegenwärtig zu machen versteht. Das ist nicht nur darstellerisch höchst effizient. Das lässt dem Leser Platz und lenkt seine Aufmerksamkeit auf das Wenige, was dasteht. So schafft die Verknappung der Mittel einen Mehrwert an Deutbarkeit – eine literarische Qualität.

Der Reporterin jedoch begegnet man in ihren Reportagen nicht. Andere – häufig männliche – Reporter glauben, sich selbst in die Situationen, die sie darstellen, mit «einbringen» zu müssen; der «rasende Reporter» betritt seit seiner Erfindung durch Egon Erwin Kisch seine Schauplätze meist in der ersten Person. Auch ein Niklaus Meienberg war in seinen Reportagen häufig mit massigem Körpereinsatz präsent. Margrit Sprecher hingegen macht sich dünn, wenn sie schreibt. Nicht, dass sie gesellschaftspolitisch abstinent bliebe – wer will, kann aus ihren Porträts die Widersprüche des globalisierten Kapitalismus am WEF oder den Rechtsruck in Italien herauslesen. Doch sie verwandelt die Subjektivität ihrer ringsum offenen Wahrnehmung in die Objektivität einer charakteristischen Szene, eines unverwechselbaren Gesichtszugs, einer sprechenden Geste. Das grammatische Subjekt stammt immer aus diesen Szenen; nirgends gibt es ein «ich».

Diese Leerstelle ist der paradoxe gemeinsame Nenner aller Reportagen. Diese Leere ist jedoch ihre Fülle. Denn die Journalistin überlässt den Platz ganz dem Gegenstand, aber auch seiner sprachlichen Gestaltung. Indem sie sich unsichtbar macht, wird das, was sie zu sagen hat, sichtbar. Damit macht sie aber auch der Autorin Platz, deren Namen nun auf dem Buch steht. Diese kann sich ganz in die von ihr mit ihren eigenen Mitteln gestalteten Wirklichkeiten hineinverwandeln. Mehr könnte man über gute Literatur nicht sagen.