Während wir feiern

Wie in jedem Jahr feiert die deutsche Sängerin Alexa am Abend des Schweizer Nationalfeiertags ihren Geburtstag mit einer Dachparty – leider noch ohne den Einbürgerungsentscheid. Währenddessen braucht Kamal eine sichere Bleibe. Wenn er nicht unverzüglich das Land verlässt, droht ihm die Abschiebung nach Tunesien. Weil dort aber Homosexuelle verfolgt werden, fragt er seinen Deutschlehrer Zoltan, ob er ein paar Tage bei ihm untertauchen kann. Doch Alexas bester Freund sagt Nein aus Gründen, die er nicht mal vor sich selbst zugibt. Im Laufe des Tages eskalieren die Ereignisse, und nicht nur das Fest, auf dem alles zusammenläuft, steht infrage.
Inspiriert von Virginia Woolfs Klassiker „Mrs Dalloway“ zeichnet Ulrike Ulrich ein Panoramabild unseres Lebens in Europa – vielstimmig, mit eigenem Ton und literarischer Brillanz.

(Buchpräsentation Berlin Verlag)

Kleinere und grössere Lebenslügen

von Beat Mazenauer
Publiziert am 31.08.2020

Alexa steckt mitten in den Vorbereitungen zum Fest – vielleicht zum letzten Mal in dieser Form. Sie ist eine gebürtige Deutsche, lebt aber schon seit vielen Jahren in Zürich. Wie jeden 1. August gibt sie auf ihrer Dachterrasse eine Party mit Schweizerfähnchen, Cervelat und Musik. Bei ihren Freunden ist sie längst legendär. Doch demnächst wird Alexa eingebürgert, und sie fragt sich, ob sie dann noch eine patriotische Feier durchführen will. Zuerst aber gilt es die Tisch hochzutragen, die Bowle vorzubereiten und ihr ganz eigenes Guggisberglied nochmals durchzugehen, das sie vortragen wird. Wenn alles nur so einfach wäre.

In ihrem Roman Während wir feiern erzählt Ulrike Ulrich detailgenau diese Stunden zwischen Aufstehen und dem letzten Tanz auf der Dachterrasse. Alexa versammelt um sich einen Kreis von Freunden, die im Leben weiter ihren Ort suchen, obwohl sie einen gefunden zu haben glauben. Alexa ist Sängerin und teilt diese Leidenschaft mit ihrer Freundin Evelyne. Zoltan ist Verlagslektor und bringt Alexas Lieblingsschriftstellerin mit zur Party. Brad ist eine alte Liebe von Alexa, ihre Beziehung verflüchtigte sich in gegenseitigem Schweigen. Sie alle verbindet untereinander ein loses erotisches Band. Adrian schliesslich, Alexas Gefährte, ist Arzt und nebenbei auch Musiker. Er macht sich aus solchen Anlässen wenig, trotzdem versucht er dieses Jahr, Alexas Wunsch nach einem Tanz zu erfüllen. Ob sein Sohn Robert auch mit dabei sein mag, ist dagegen fraglich. Robert hat andere Interessen. Zum einen zündet er Pyros bei den Spielen des FCZ, zum anderen sucht er etwas linkisch die Nähe von Vlora. Und schliesslich ist da auch noch Kamal, der tunesische Flüchtling, dessen Asylgesucht endgültig abgewiesen worden ist.

Was sich geruhsam anlässt, gerät nach und nach ins leichte Trudeln und erzeugt unvorhergesehene Wellen der Erregung. In ihrem Zentrum steht Kamal, der in seiner Not Unterschlupf bei Zoltan sucht. Der aber weist ihn mit einer faulen Ausrede ab. Als ihn dann doch das schlechte Gewissen packt, ist Kamal bereits verschwunden. Die Suche nach ihm treibt Zoltan die nächsten Stunden um und zieht Alexa mit hinein.

Ulrike Ulrichs Roman geht diesen Mikrobewegungen mit feinnerviger Aufmerksamkeit nach und entdeckt darin die kleineren und grösseren Lebenslügen. Im Schneeballsystem wechselt sie laufend die Erzähloptik, indem sie von der einen zur anderen Person hinüberwechselt, wenn sich zwei begegnen oder die eine von der anderen spricht. Dabei greift sie auch auf eine Methode zurück, die Virginia Woolf «tunnelling process» genannt hat. Die Erzählerin taucht wie durch einen Tunnel hinab in die Vergangenheit oder die inneren Abgründe ihrer Figuren. Eine Verbindung von direkter, indirekter und erlebter Rede verleiht dieser Methode eine Kontinuität, die inneres Erleben und äusseres Geschehen fliessend ineinander fügt.

«Stimmt», sagt Zoltan, «so könnt ich's machen.» Er schliesst eine Tür. Sie öffnet den Backofen. «Ich müsste ja sonst auch allen sagen, das ich krank bin. Martina und die Kinder anlügen. Und Liane. Die wartet schon im Hotel, dass ich sie abhole.» Das ist nicht die Lüge, die ihm Sorgen bereitet, denkt Alexa. Es ist die grosse Lüge. «Aber du könntest Martina sicher sagen, dass du dir Sorgen machst, dass du wegen Kamal zu Hausen bleiben willst.» Sie will nicht, dass er zu Hause bleibt, gar nicht, aber vielleicht wäre es besser für ihn.

Die Erwähnung von Virginia Woolf geschieht nicht zufällig. Ulrike Ulrich hat ihr Buch frei dem Roman Mrs. Dalloway nachempfunden, worin Woolf die Vorbereitungen von Mrs. Clarissa Dalloway für eine Abendgesellschaft im kleinen Kreis schildert. Woolf schrieb ihr Buch 1923, wenige Jahre nach dem Krieg, in einer Epoche der sozialen und ökonomischen Kontraste. Beinahe hundert Jahre später präsentiert sich das Leben im Zürcher Wiedikon-Quartier weit beschaulicher. Die beflissene Alexa und ihre freundlichen Freunde und Freundinnen leben in einer Blase, die nur durch Robert und Kamal ins leise Zittern gerät. Während Robert mit dem Scheiss seiner Alten nichts zu tun haben will, wäre Kamal dringlich auf deren Hilfe angewiesen. Er ist darob verzweifelt, dass er nach Tunesien ausgeschafft werden soll, wo er wegen seiner Homosexualität verfolgt wird. Er hat die Härten der tunesischen Gefängnisse bereits am eigenen Leib erlebt, nur nehmen es ihm die Schweizer Behörden nicht ab. Allein gelassen schlittert er in die Katastrophe, während das Fest munter voranschreitet – bis sich die beiden Ebenen schmerzhaft treffen.

Während wir feiern ist auf der Ebene der Figurenpsychologie ein feinnerviges und subtil orchestriertes Buch, das präzise das Überlappen von Aussenwelt und subjektivem Empfinden festhält. Kleine Sensationen halten die Runde der Gäste zusammen. Wie viel geben wir von unserem Wohlbefinden her, um einem Flüchtling in Not zu helfen; wie viel Verantwortung übernehmen wir für unsere eigene Haltung?, fragt Ulrike Ulrich.

Das Gleichmass der Erzählerstimme wie der narrativen Bewegung hinterlässt dennoch einen etwas zwiegespaltenen Eindruck. Die genau beobachtende Erzählung dringt nur sporadisch auf eine tiefere gesellschaftliche Ebene durch. Was ausserhalb des Freundeskreises um Alexa geschieht, jenes Moment der Spannung um Kamal, bleibt im Schein der Feuerwerke diffus. Ulrike Ulrichs Figuren sind weniger gesellschaftliche Repräsentanten als Vertreter ihrer selbst: Menschen in kreativen Berufen, die mit ihrer Berufung einigermassen ein Auskommen gefunden haben und doch nicht ganz glücklich wirken. Im Kern ihres redlich geführten Existenz verspüren sie ein Unbehagen, vor dem sie aber zurückschrecken.

Selbstredend ist auch das eine Aussage über unsere Epoche und unsere Gesellschaft. Der entspannte Individualismus schwebt über Abgründen, auch wenn diese sich in scheinbar geringfügigen Problemen manifestieren. Es braucht wenig und die fein austarierte Balance könnte zusammenbrechen. Soweit kommt es hier aber nicht. Ulrike Ulrich belässt es bei der Andeutung, und vielleicht nimmt sogar die Kamal-Geschichte einen guten Ausgang. Ein kleiner Schock wird dennoch zurückbleiben.