Donauwürfel
Auf dem Wasser
Zsuzsanna Gahse liebt das Wasser, fliessendes, strömendes Wasser vor allem. Zwei neue Bücher demonstrieren es. Besonders angetan hat es ihr die Donau, der Lebensfluss der in Budapest geborenen, später im Schwäbischen wohnhaften Dichterin. Ihr folgt sie im Band Donauwürfel von der Quelle bis zum Meer und hebt sie poetisch auf. Die Donau misst gut 2800 km Länge, ihr Einzugsgebiet verbindet die Länder Zentral- und Osteuropas miteinander. Hinter den geographischen Fakten verbirgt sich ein danubisches System, das Zsuzsanna Gahse in ihren neuen Gedichten in eine strenge Form fasst. Sie forscht seinen vielfältigen Quellen nach: wässrigen, anekdotischen, etymologischen. Zehn Silben mal zehn Zeilen mal zehn Strophen bilden eine poetische Einheit: einen Donauwürfel. Solche Regelhaftigkeit erinnert an die Oulipo-Dichter um Georges Perec und Oskar Pastior. Sie liebten es, sich formalen Zwängen zu unterwerfen, um eingefahrene sprachliche Muster zu erweitern. 27 solcher Würfel ergeben ein kleines poetisches Universum, in dem die Dichterin bestens aufgehoben ist. Die «Donauwürfel» verdichten den Lebensfluss in einen Schwebezustand, worin sich elementare Kraft und poetische Freiheit glücklich miteinander vereinen. Sprachliche Reife beweist das rigorose Verfahren erst recht darin, wenn die daraus entstehende Literatur alle Regeln vergessen macht. Zsuzsanna Gahse demonstriert das mit souveräner Leichtigkeit. Die Donau, das «gute Rückgrat» Europas, erscheint dergestalt als ein Sammelbecken von Legenden, Erinnerungen, Phantastereien und Anschauungen. Manchmal silbern, oft jedoch mittelbraun mischen sich in ihr die Wasser von zahllosen Bächen und Flüssen – verschieden farbig. Und in ihren Unterströmungen tummelt sich eine geheime Welt von Fischen. So «weise und gross» die Donau das Land durchquert, so gefährlich kann sie unvermittelt anschwellen, oder abebben, wenn Trockenheit droht. Die Donau gebietet Respekt. Nebst dem Himmel spiegelt sich in ihren Wellen auch Unheil: gesprengte Brücken, «gerechte Bomben». Zsuzsanna Gahse beschwört so nicht nur die lieblichen Seiten des Stroms herauf. Dennoch bleibt die Donau ein machtvolles Element, das sich von Menschenhand verändern und verformen, aber nie bezwingen lässt. «Das ist längst nicht mehr die alte Donau, nicht die alte, aber doch noch die Donau». In diesen Würfeln erhält sie ein poetisches Bett in Form einer streng rhythmisierten und dennoch entspannten freien Rede. Die Struktur des Gedichts – also Versmass und Versform – verfliessen im Strömen des Flusses. Die Donau mäandert, gurgelt, rauscht von den zwei Quellsilben durch vielfältige Landschaften und Sprachräume hinunter ins Delta, wo sie im Schwarzen Meer aufgeht.
Venedig sehen und wieder gehen
Auf Wasser gebaut ist auch Venedig, die Stadt mit dem feuchten Hauch von Tod – Thomas Mann sei Dank. Zsuzsanna Gahse hat ein paar Wochen darin verbracht und den venezianischen Mythos von ihren Rückseiten und Rändern her neu entdeckt. Venedig gleicht einer steinernen Hülle von Stadt am Wasser, die einer Touristenkulisse ähnlich hinter den geschönten Fassaden hohl und leer wirkt. Auf ihren Gängen mit ihrem phönizischen Hund übt sich die Autorin im kühlen, kynischen Blick auf die Niederungen der Stadt: Rattengift und Unfreundlichkeiten, aber auch skurrile Figuren und überraschende Stilleben. Die Schwalben taumeln am Himmel droben. Hinter den Stereotypen verbergen sich Nichtigkeiten. Zsuzsanna Gahse folgt diesen Spuren und inszeniert sie auf eigenwillige Weise. Ihre poetischen Blitzlichter folgen auf jeweils wenigen Zeilen längs dem Mittelfalz des Buches und lassen den Grossteil der Seiten frei. Venedig ergeht man an den Rändern. Entsprechend formuliert Gahse bloss Randglossen zu einer Legende, welche sie weder weiterstricken noch verübeln will. «Ich brauche Venedig nicht zum Verschwinden zu bringen, stattdessen verschwinde ich.»