Die Schneekugel Ein Roman in Erzählungen
Unter der Kuppel der Schneekugel liegt das Grenzstädtchen, der Slowenenhügel und der Eisenpass. Immer wieder schüttelt der Erzähler die Kugel, und Schnee fällt auf Unterkärnten und die Obersteiermark. Der Roman wirbelt die ergreifenden Geschichten einer kleinen Familie im zweisprachigen Gebiet auf, die durchkreuzt werden von der großen Historie: Krieg, Verfolgung, Sprachenkampf.
Die titelgebende Erzählung erhielt den Premio letterario internazionale Merano-Europa 2019. Patrick Rina, ORF, schreibt in seiner Laudatio: Uns allen täte ein Schütteln – in diesem Fall ein Lesen – der Schneekugel gut. Dieser Text fesselt den Leser einerseits mit dem dosierten (niemals schulmeisterlichen!) Rückgriff auf Kärntens verminte Zeitgeschichte, mit dem Erläutern der Nachkriegsdemenz, mit der Vorwegnahme einer Bodenprobe des Haider-Humus. Andererseits besticht der Text durch die weißen Zwischenräume. Er lebt auch vom Nicht-Geschriebenen, vom bloßen Anstupsen eines Gedankendominos, von den „verhauchenden Atemwölkchen“ der Gefühle. Eine große kleine Erzählung mit poetischer Kraft!
Und sein Taufpate? Immer wieder pries Mutter seine Sanftheit. War er denn nicht auch von „unten“? Nie sprach man von seiner Herkunft, auch er selber nicht. Und seine Frau, die Tante, war doch die Tochter von einer über der Grenze. Seine Familie hörte an der Grenze nicht auf. Oder doch? Der Bruder seines Paten und Mutters Cousin hatten im Krieg vielleicht gegeneinander gekämpft. Sie hätten sich aber auch verbrüdern können bei einem Familienfest. Wo fing Familie an? Wo hörte sie auf?
(Buchpräsentation Wieser Verlag)
Leise rieselt das Erinnern
Wenn der Schnee fällt, wird es ruhig im Grenzland. Eine weisse Decke legt sich über den Platz, das Schloss, das Grenzlandheim, den Slowenenhügel. Nur wer sich erinnert, weiss um die Spuren darunter: um das «Dickicht von Fährten am Waldrand, Schleifspuren auf dem Forstweg, geknickte Äste, Blutstropfen». Und wer sich erinnert, kann auch das Schlurfen «von tausend Füssen» vernehmen, das am Grund dieser Landschaft seit Jahrzehnten leise nachhallt.
Der in Zürich lebende, in Klagenfurt geborene Hugo Ramnek ist einer, der sich erinnert. Zuhause auf dem Schreibtisch hat er eine Schneekugel stehen, «mit dem verkleinerten Grenzstädtchen drinnen», mit deren Hilfe er die Erinnerung wachruft.
«Wo fängt Familie an? Wo hört sie auf?», fragt der Erzähler eingangs in der Geschichte über eine «Schattentante» und ihren Mann, seinen Patenonkel, der von jenseits der Grenze kam und von dem er die Schneekugel geschenkt erhielt. Die Frage ist bedeutsam, denn quer durch die Familie verläuft auch die Grenze, die im südlichen Kärnten immer wieder zu Konflikten führt. Deutsch oder Slowenisch, ist hier die Frage. Die einen waren hier schon immer, «heimattreu» und «kerndeutsch», wie es von Heilrufen begleitet einst über den Hauptplatz tönte. Die anderen kamen aus dem Süden: «Zugereiste» auch nach Jahrzehnten. Die Familie des Erzählers kennt beide Seiten. Diese Konstellation ermöglicht es ihm, die Erinnerung aufzufächern, wenn immer er die Schneekugel schüttelt.
In neun kurzen Erzählungen erweckt Hugo Ramnek Geschichten aus der Vergangenheit zum Leben. Er erzählt, wie der Junge gegen die kirchliche Strenge und die gesellschaftliche Enge aufbegehrte, wie er eine Hirnhautentzündung kurierte und sich dabei das Wort «Karantäne» im Kopf einnistete, wie die Sprache aus einer Bevölkerung zwei Volksgruppen macht. Aus zeitlicher Distanz schildert er, wie die einen mit der SS nach Süden zogen und die anderen sich als Partisanen in den Bergen zur Wehr setzten, oder wie der Gutsbesitzer sich nach dem Krieg nicht als Mörder verantworten musste. Schliesslich beschreibt Ramnek, wie er als «Ausheimischer» seine betagten Schwiegereltern besucht und dabei sein neues Zuhause vermisst.
Als Grundton unter diesen Geschichten ist immer wieder das Schlurfen und Schleifen von müden Schritten zu vernehmen – eine Erinnerung der Mutter, die in der Titelgeschichte eine ebenso lückenhafte wie poetisch vollendete Form findet. Das Schlurfen rührt von Tausenden von Füssen her, die gegen Kriegsende durch das Städtchen getrieben wurden.
Mutter erzählt: Langsam schieben sich die Knochenmenschen durch das Gatter. Ihre Füsse schleifen über die Landstrasse. Männer in Uniform mit Gewehr begleiten sie. Das Schlurfen ist noch lang zu hören. In der Morgenhelle bleibt nur ein riesiger, unförmiger schwarzer Abdruck zurück auf der Reifwiese.
Dieses Schlurfen hallt in der mütterlichen Erinnerung ebenso nach wie die Gewissensqual, nicht geholfen zu haben, auch nicht dem älteren Herrn, der höflichst darum gebeten hatte. Die Angst vor den eigenen Soldaten verbot solchen Widerstand.
So fiel Schnee über das «Judentreiben» und dessen Spuren, als ob es dies nie gegeben hätte. Später wird sich der Gutsbesitzer beim Sportlerball am Faschingsdienstag als Sträfling verkleiden. Hugo Ramnek hält die mütterliche Erinnerung in seinem Buch wach. Er schüttelt immer wieder von neuem die Schneekugel, und «Schnee fällt auf das Blatt».
Sein Roman in Erzählungen zerlegt eine lange Geschichte in die kleinen Einzelteile des anekdotischen Erinnerns. Vor allem in der meisterhaften Titelerzählung tupft er die Reminiszenzen scheinbar nur lose hin. Dabei sind es genau die Lücken und Unschärfen, die das Erinnern glaubhaft machen. Und es sind die rhythmischen Wiederholungen sowie die zurückhaltende Distanz des Erzählers, die dem Gedenken zur kraftvollen und zugleich hoch poetischen Form verhelfen. Die Schneekugel plaudert nichts aus, sie gibt nur zu bedenken, dass bei genauem Hinhören unter der weissen Decke des Verdrängens die schlurfenden Spuren der Vergessenen zu vernehmen sind – auch dann noch, wenn die Mutter nicht mehr erzählen kann.