Gottesanbieterin
Immer öfter lässt sich Nora Gomringer die Gretchen-Frage stellen, sie antwortet in Essays, Reden, Geschichten und natürlich: in Gedichten. Das geschieht oft komisch und mit einem Augenzwinkern, ihr und jedes Gläubigsein ist persönlich. Die Lyrikerin hat sich zuletzt mit irdischen Ängsten, Krankheiten und Phänomenen des Oberflächlichen beschäftigt, doch das Metaphysische wohnte dem schon immer inne – und denken wir an Gomringers Wanderung mit einem lispelnden, über die Einsamkeit des Menschen sprechenden Hermelin, so wundert es kaum, dass erneut eine tierische Begegnung Auslöser für die in diesem Band versammelten Gedichte ist: Schon vor vielen Jahren traf die Dichterin auf eine riesige Heuschrecke im US-amerikanischen Hinterhof ihrer damaligen Gastfamilie: die Gottesanbeterin. Es war diese einstündige Begegnung des Schweigens, die Gomringer zur Hinterfragung des irdischen Seins und der Vielgestaltigkeit von Religion gebracht hat, jenem »geschmacksverstärkenden, mal verträglichen, mal unverträglichen Glutamat des Seins«.
Der vorliegende Gedichtband versammelt eine Auswahl der von Gomringer seither unternommenen Betrachtungen des Dies- und Jenseitigen.
(Buchpräsentation Voland & Quist Verlag)
Rezension
Wenn Ruth Loosli nach dem Choreographen fragt, der die Neuronen tanzen lässt, wirft sie auch einen Blick himmelwärts, wo sie flüchtig auf jenen von Nora Gomringer treffen könnte. Diese hebt in ihren neuen Gedichten den Blick und senkt ihn gleich wieder. Der Band versammelt Himmels- und Grabgesänge, in denen sich die Dichterin im weiten Hallraum zwischen Ich und Gesellschaft, Leben und Tod, irdischem Alltag und himmlischen Mächten auf vielfältige Weise verortet. Abschliessend heisst es in «Applaus»:
Ich bin die Christin
die langbeinig schwankend den Männchen die Köpfe verdreht, sie zu essen.
Ich bin die Christin,
die verzückt bei der Wandlung klatscht, weil die Show so täuschend,
perfekt.
Kleine Verschiebungen sind das Salz der Lyrik. Der Buchstabe zu viel oder zu wenig öffnet Bedeutungsräume oder verschränkt Inkommensurables miteinander. Nora Gomringers Gedichte halten bereits im Titel eine solche Tücke bereit. Was sich auf Anhieb leicht als «Die Gottesanbeterin» liest und Bilder eines zart-devoten Insekts aufruft, verlagert sich mit der Zugabe eines unscheinbaren «i» unversehens als Die Gottesanbieterin ins Feld von Angebot und Nachfrage. Nora Gomringer sucht in den unterschiedlichsten Variationen die Palette zwischen Anbetung und Abkehr, Lieben und Klagen, Frohsinn und dunklen Ahnungen einzufangen. Mal leicht im Ton, mal mit traurigem Ernst lotet sie Stimmungen aus, die sie einem lyrischen Ich zuordnet, um das sie als Dichterin zugleich ringt.
Es sollten keine grossen Worte
am Ende der Gedichte stehen.
Da gehören die eigentlich nicht hin.
Je mehr ich gegen diese Regel
verstosse, desto weniger
will man mich kennen. So ende ich.
Formal oszillieren die Gedichte zwischen Langzeilen und kürzesten Aufzählungen, zwischen poetischer Bildhaftigkeit und profaner Erzählung. Die Übergänge sind fliessend zwischen dem Lyrischen und dem Prosaischen, beide werden sie getragen von Klang und Rhythmus, die dahinter eine gewiefte Dichterin verraten.
Am Ende des ersten Teils findet sich die Zeile: «Auch wenn einer geht, wird Freude frei, denn eine Lücke ist ein Atemfassen». Sie leitet über in das zweite Kapitel, «Das Buch Tim», dessen fünf Gedichte mit ihrer tristen Tröstlichkeit aus dem Band herausragen. Das Ich verliert dabei keineswegs seinen Humor («Ist einer tot, geht er nicht mehr ans Telefon.»). Der Humor ist aber ganz der Trauer untergeordnet, als Versuch, den Toten lebhaft im Gedächtnis zu behalten. Auch wenn:
Sie sagen: Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs.
Ich tipp dir leise: das Erinnern auch.
In diesem Teil wirkt die Dichterin ganz bei sich, um im Folgenden wieder Zerstreuung in anderen «wichtigen Dingen» zu finden wie: «Die Hühner beobachten. / Von Kühen träumen» und so weiter. Die Gottesanbieterin umfasst eine Vielzahl an Themen, die Gedichte handeln von Eltern und Kindern, «von der Begehbarkeit des Herzens», von Metamorphosen und der einen Wandlung. Vielleicht braucht es ihn wieder, den Erlöser, in Dresden 2015: «unbedingt live! / 12 Follower?» Daran wäre zu arbeiten.
Während Ruth Loosli in ihrem Band eigene Wortzeichnungen beisteuert und so bildliche Note schafft, verrät Nora Gomringers Band eine gesamtkünstlerische Form. Die Künstlerin Zara Teller hat ihn mit Zeichnungen und Fotos gestaltet und ihm einen starken visuellen Akzent verliehen, der auch das Schriftbild mit einbezieht. Mit einer ausgesprochen schmalen serifenlosen Typographie erhält der Band etwas Profanes, das in einen lächelnden, vielleicht auch ungebärdigen Diskurs mit Himmel, Tod und Gott tritt. Hinzu kommt die Tonspur auf einer beigegebenen Audio-CD, die Nora Gomringer einmal mehr von ihrer wunderbaren performativen Seite als virtuose Selbstinterpretin erklingen lässt.
Aus: «Vom Vergnügen, nicht verstehen zu müssen. Neue Lyrik aus der Schweiz». Ein Fokus von Beat Mazenauer, 26.5.2020