Mein Vorbar ist auch mein Nachbar
Multikünstler Semi Eschmamp legt sein zweites Buch vor: Sein Protagonist hält sich weiterhin mehrheitlich in der Wohnung und im Treppenhaus auf, in der Strasse vor dem Haus und der Kneipe ums Eck – und erlebt dabei die seltsamsten Dinge. Er kriegt Anrufe von seinem Wecker und Briefe von der Regierung, spricht mit Leichen im Keller und Hunden im Café und stellt fest, dass seine Wohnung ein Eigenleben führt. Zudem begegnet er immer wieder seinem Gedichte-schreibenden Nachbarn Boris Blaschko, dessen Welt nicht minder skurril ist.
Mit wunderbaren Kurztexten, szenischen Miniaturen, philosophischen Dialogen und absurden Gedichten tauchen wir ein in den aberwitzigen Kosmos von Semi Eschmamp. Illustriert wird dieser mit herrlich gekritzelten Zeichnungen – und einem Film, in dem Eschmamp seine zauberhaften Einfälle visuell weiterführt und sich auch selbst zu Wort meldet.
(Buchpräsentation Verlag Der gesunde Menschenversand)
Bei genauerem Hinschauen
Mein erstes Buch schreib ich gleich selbst betitelte Semi Eschmamp 2017 sein literarisches Debüt. Mit dem «neu gekauften Stift» steuerte er dazu eigenhändig auch Zeichnungen bei. Weil das so gut klappte und auf erfreuliche Resonanz stiess, hat Semi Eschmamp nun auch sein zweites Buch selbst verfasst und illustriert. Mein Vorbar ist auch mein Nachbar heisst es und deutet im Titel sein Faible für Sprachspielerisches an.
Art brut ist ein Begriff, dessen Reduktion auf Laientum und psychische Erkrankung nicht darüber hinweg täuscht, dass eine «rohe Kunst» auch ernst zu nehmende, faszinierende Werke hervorbringen kann. Vor einem solchen Hintergrund fragt sich Semi Eschmamp, was denn Kunst überhaupt sei und ob er solche mache. Oder ob er nicht bloss Blödsinn produziere. In einem Video, das begleitend zum Buch unter www.borisblaschko.com abrufbar ist, wendet er in einer Gesprächspassage gleich selbst ein: «Der Blödsinn ist, weil er so leicht ist, stärker als die Schwerkraft.» Deshalb muss die (künstlerische) Schwerkraft immer wieder durch den Unsinn auf die Probe gestellt werden, mag diese sich auch dagegen wehren, wie eine kurze Szene im Buch schildert. Darin wird der Erzähler unvermittelt zu Boden gestossen. Als er sich wieder hochrappelt, steht eine Person vor ihm, die sich entschuldigt. Es ist, wie der Gestossene gleich erkennt, «die Schwerkraft», die auf die Frage, warum sie handgreiflich geworden sei, nur meint: «Wahrscheinlich spüre ich den Frühling. Nehmen Sie es mir nicht übel.» Auch die Schwerkraft ist nur ein Mensch, wie tröstlich.
Viele der Szenen und Wortspielereien wirken wie der «Vorbar» im Titel aus einem spontanen Moment heraus entworfen. Der Erzähler erhält morgens um sieben einen Anruf – von seinem Wecker, der nicht läutet, weil er in Kalifornien Ferien macht und ihm nun sonnige Grüsse übers Telefon bestellt. Oder die Bananen, die nur aus Schale bestehen, und in sich zusammensacken, sobald sie geschält werden. «Was für ein Blödsinn», denkt sich der Erzähler dazu, worauf ihm der Verkäufer entgegnet, es handle sich um einen Emanzipationsprotest. Und schliesslich wären auch die reduktionistischen Gedichte seines Nachbarn, des Dichters, zu nennen: «Huhn / Hahn // Hanne / Hunne // Hühne / Hähne / Hans».
Die Zeichnung nimmt im Buch eine wichtige Rolle ein, weil sie immer wieder über das Illustrative hinausgeht und das nicht Erzählbare mit einfachen Strichen und Kritzeleien darstellt.
Im zweiten Teil, den der Autor seinem Alterego Boris Blaschko widmet, sind die Texte kompakter, weniger von Illustrationen begleitet, sondern szenisch stärker ausgearbeitet. Semi Eschmamp ist nicht so naiv, wie es vielleicht wirken mag. Mehrfach bringt er in diesem zweiten Teil ein erzählerisches Motiv, das als Schlüsselmoment zu lesen ist: Am Tresen oder anderswo steht «ein älterer Herr mit grauen, fast weissen Haaren, klassisch schwarzem Anzug und weissem Hemd. Erst bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass auch das Hemd schwarz ist und der Anzug blütenweiss. Er sieht darin sehr jung und feminin aus. Sein langes schwarzes Haar schmiegt sich an sein Kleid.»
Naivität ist eine Spielform und eine charmante Aufforderung, genau hinzuschauen. Genau darum geht es hier: mit einem Schielen die Brüche und Verschiebungen wahrzunehmen. Die Naivität, ob tatsächlich oder gespielt, verweigert sich der (Selbst-)Reflexion in keiner Weise. Sie erkennt im Gegenteil die Verhältnisse in ihrer Umkehrform erst richtig.
Das verträgt sich alles vortrefflich mit dem Kalauer, dem absurden Wortspiel, der lustigen Zeichnung — denn auch sie regen ein genaues Hinsehen und darüber Nachdenken an, was Kunst und Literatur denn überhaupt seien. Semi Eschmamp will keine poetischen Höhenflüge toppen, keine ästhetischen Konzepte verbessern, seine literarische wie performative Kunst ist ein direkter Anstoss, der den einen Vergnügen bereitet, andere womöglich verärgert. Das ist deren gutes Recht, denn das gehört ebenfalls dazu: Solche Art brut kann wegen ihrer spontaneistischen Auffassung auch missfallen. Sie bedient kein ästhetisches Feingefühl. Die Stärke von Mein Vorbar ist auch mein Nachbar unterminiert listig das viel versprechende ästhetische Konzept und stellt es mit Witz in Frage. Obendrein bereitet sein Buch einfach auch Spass am Wort, an der Sprache, an der kindlich anmutenden Zeichnung als reduktionistischem Abbild der Welt, um es doch noch analytisch zu formulieren. Es ist, wie es ist, und es mag wunderbar funktionieren — oder auch nicht. Wie sagt doch eine Figur einmal: «Die Realität ist perfekt für Urlaub. Sie ist einfach, man steht immer mit beiden Füssen auf festem Boden.» Semi Eschmamp selbst sieht sich aber wohl lieber als Luftibus.