Geschichten im Vorübergehen
Jürgen Theobaldy hat eine Sammlung locker verknüpfter Kurzgeschichten, Anekdoten, Berichte und Kürzestnovellen eines namenlosen, in Bern seine Tage zubringenden Ich-Erzählers geschrieben. Aufmerksam für alltägliche, skurrile bis beklemmende Vorfälle in der Bundesstadt, nimmt er auch die höhere Wahrheit des frei Erfundenen, gar Erträumten in Anspruch oder schweift mal auf ferne Kontinente aus, schliesslich geht es nicht um Heimatliteratur.
(Buchpräsentation Verlag die brotsuppe)
«Wer taugt besser zum Erzähler?»
Als Lyriker ist er seit bald fünfzig Jahren eine feste Grösse in der deutschsprachigen Literatur. Als Romancier fand er mit fünf Romanen Anerkennung und wurde ausgezeichnet. Nun erweist Jürgen Theobaldy sich in seinem dritten Erzählband auch als ausgereifter Autor von Kurzprosa. 68 Texte aus den letzten 20 Jahren sind in Geschichten im Vorübergehen versammelt, Kurz- bis Kürzestprosa, in der sich, wie schon in seiner Lyrik, Theobaldys grosse Sprachkunst im Kleinen bewähren kann. Alltagsvorkommnissen und -menschen verleiht er parabolischen Charakter in kleinen Szenen, die sich grösstenteils in Bern, manchmal auch in Deutschland oder vereinzelt in Asien abspielen.
«Aber es geht auch anders herum»
Bern heisst meist bloss «Bundesstadt», nicht nur der politischen Wirklichkeit wegen, sondern weil sich hier föderierend zusammenfügt, was Geltung über den Ort hinaus hat. Theobaldys Bern ist Bern und ist es nicht, denn bei ihm kann es immer wieder «auch anders herum» gehen, wie ein Andreas H. im Kneipengespräch über das Gute, das Hässliche und das Böse im Western und im Lauf der Welt bemerkt. Die Bemerkung könnte als Devise über dem ganzen Erzählband stehen. Schon der Titel veranlasst zur Umkehrung des Blicks: Ist es der Erzähler, der an Menschen, Szenen und Begebenheiten vorübergeht? Oder gehen diese umgekehrt an ihm vorüber?
Theobaldy ist ein Meister dessen, was man in der der bildenden Kunst eine Kippfigur nennt, ein Bild, das im Wechsel der Wahrnehmung zwei verschiedene Ansichten offenbart. Der Text «Vom Nutzen der Statistik», dessen Zahlenangaben verraten, dass er mehrere Jahre vor der Corona-Krise entstanden ist, liest sich wie ein Kommentar auf diese und endet mit dem Satz: «Es gibt die Kunst nicht zu sterben.» Was gilt nun? Gibt es die Kunst, nicht zu sterben? Oder gibt es die Kunst nicht, zu sterben? Theobaldy verhilft uns in scharf formulierter Unschärfe laufend zur Einsicht, dass es auch anders herum geht.
Das Kippen beginnt schon im ersten Satz des Buches: «Wer will nicht dessen habhaft werden, was mit dem Tag vergeht, heute noch, gestern schon, letzten Monat, vor Jahren?» Enthält die rhetorische Frage eine programmatische Ankündigung? Oder umgekehrt das Eingeständnis, es sei nicht zu erreichen, was angestrebt wird? Im Sinn der Besitznahme werden diese Geschichten dem, was vergeht, gewiss nicht «habhaft», sie bringen es eher in seiner Vergänglichkeit zutage, jener Vergänglichkeit aller Dinge, die mit dem «Vorübergehen» ebenfalls angesprochen wird. Nach ihrer Lektüre bleibt aber manches haften, gerade weil es sich dem Bemühen, seiner habhaft zu werden, entzieht. Ein Mann namens Karl beschäftigt uns als «einer, der sich traut», weiterhin, nicht irgendeiner grossen Geschichte wegen, sondern aufgrund der blossen Geste, mit der er seine Zigarettenkippe «unter das Heck eines Autos schnippt». Er bewegt und befremdet uns, so wie die ganze Galerie wunderlicher Gestalten dieses Buches.
«Musterstücke des Weltlaufs»
In «Rettung durch Lesen» erinnert Theobaldy an das Diktum von Johann Peter Hebel, wonach viele Menschen, «wie schwer und unmöglich mit ihnen auszukommen sei, gar nicht schlimm, sondern nur wunderlich seien.» Der Text endet mit dem Ausruf: «Mein lieber Johann Peter!» Noch eine Kippfigur, die das eine und sein Gegenteil meinen kann: «Wie Recht hast du!» und: «Wenn du nur Recht hättest!» Ähnlich wie auf Hebel verweist der Erzählband, offen oder versteckt, auf mehrere grosse Erzähler der Vergangenheit, von Kleist bis Kafka, stellt sich so aber nicht in die eine oder andere Erzähltradition, sondern macht das Erzählen selbst zum Thema.
«Wer taugt besser zum Erzähler?» fragt der Text «Suchanzeige»: Ist es der im Land Geborene oder der Zugereiste? Die Frage erinnert an die beiden «Grundtypen», die Walter Benjamin in seinem Essay «Der Erzähler» nennt: den sesshaften Bauern und den weitgereisten Seemann. Im Handwerk, wo der Wanderbursche zum sesshaften Meister wird, sah Benjamin die ideale Durchdringung beider Typen. Heute verdankt diese Durchdringung sich der kulturellen Doppelbürgerschaft migrierter Autorinnen und Autoren. Sie sind hergereist und zugleich ansässig, so wie Theobaldy selbst.
Benjamin sah 1936 die Kunst des Erzählens zu Ende gehen, da der Sturm des Fortschritts einen Trümmerhaufen hinterlässt, in dem brüchig wird, was er als «die Quelle, aus der alle Erzähler schöpfen» bezeichnete: «Erfahrung, die von Mund zu Mund geht». Theobaldys «Vorübergehen» beginnt damit, dass sein Erzähler sich an Orte begibt, wo Ansichten diskutiert werden, «ohne dass wir viel voneinander preisgeben». Seine Geschichten schöpfen aus solchen Gesprächen wie aus eigenen Beobachtungen und Zeitungslektüren. Sie vermeiden jede psychologische Schattierung des Erzählten und halten es von Erklärungen frei, verzichten also auf den Anspruch auf prompte Nachprüfbarkeit und werden deshalb im Sinne Benjamins zu «Musterstücken des Weltlaufs», wie sie weder der Journalismus noch die Geschichtsschreibung bieten.
Theobaldy gelingt die Probe aufs Exempel, dass es nicht, wie Benjamin annahm, «mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht». Er belebt diese neu, indem er der Vervielfachung der zertrümmerten Erfahrung in Kippfiguren und gleichnis- oder traumhaften Geschichten Form gibt und so weiterhin das vermittelt, was nach Benjamin «die epische Seite der Wahrheit» ist: Weisheit.