Mutter
Chronik eines Abschieds

Mit „Mutter“ legt Melitta Breznik ein intensives Kammerspiel vor, der langsame Abschied von der Mutter. Als Tochter, Pflegerin und Ärztin, die ihre Mutter in den letzten Monaten beim Sterben begleitet, schildert die Autorin mit genauem Blick die Veränderungen, die von den beiden Frauen Besitz ergreifen. Es gibt Momente der Verbundenheit, der Trauer, des Lichts, Kleinigkeiten erstrahlen in schlichter Schönheit in diesen letzten Tagen. Eine Familiengeschichte wird erzählt, bis zurück zu den beiden Kriegen. Fragen nach Schuld und Vergebung tauchen auf und nach dem, was bleibt, wenn jemand stirbt. Ein dichtes Buch über das Sterben. Tiefgründig, ehrlich, liebend und klar.

(Buchpräsentation Luchterhand Literaturverlag)

Rezension

von Verena Bühler
Publiziert am 13.07.2020

Feinfühlig und liebevoll, ehrlich und melancholisch ist diese Chronik des Abschieds der Tochter von der 91-jährigen Mutter und der Mutter vom Leben. Der Bauchspeicheldrüsenkrebs, der bei der Mutter diagnostiziert wird, bestimmt das Tempo und die Etappen dieses zweifachen Abschieds. Meint die Mutter anfangs noch, sie könne den physikalischen Gesetzen der Krankheit entkommen, so geht ihr das Sterben nicht schnell genug, als sie realisiert, dass es keine Rettung mehr gibt und sie immer schwächer und hinfälliger wird. Sie bittet die Tochter, die von Beruf Ärztin ist, ihr «den Erlösungstod» zu ermöglichen, wenn es dann soweit sei. Die Grenze zwischen Schmerzlinderung, Betäubung des Bewusstseins, assistiertem Selbstmord und Mord im Umgang mit Schmerzmitteln ist ein Thema, das im Verlauf des Buches immer wieder aufgenommen wird. Die Tochter ist gegen Sterbehilfe, das sagt sie der Mutter von Beginn an deutlich, und will ihr nur soviel Schmerzmittel verabreichen, dass sie nicht leiden muss, aber gleichzeitig möglichst bei Bewusstsein ist auf dem Weg in den Tod.

Die Chronik umfasst eine Zeitspanne von eineinhalb Monaten, von Mitte Oktober bis Anfang Dezember. Noch im Oktober wird die Mutter 91. Sie nimmt Blumensendungen und Gratulationen am Telefon entgegen und erzählt ihren ungläubigen Freunden, dass es ihr letzter Geburtstag sein werde. Die ganze Familie kommt zu Besuch und sie essen und trinken, während die Mutter bereits nichts mehr zu sich nehmen kann.

Die Tochter reist kurz vor der Krebsdiagnose an, hellhörig geworden, als die Mutter am Telefon erzählt, sie könne das Bett kaum mehr verlassen. Sie bewirbt sich gerade um eine neue Stelle in der Schweiz, wo sie schon lange lebt, und das erlaubt es ihr, einige Wochen zu bleiben. An ein Weggehen – auch nur kurz zurück in die Schweiz, um ein paar Sachen zu holen – ist nicht mehr zu denken. Die Mutter akzeptiert keine andere Pflegerin als ihre Tochter, sie kettet sie geradezu an sich, und umgekehrt macht sich die Tochter die Sterbebegleitung der Mutter zur ausschliesslichen Lebensaufgabe. Im Prozess des Sterbens beziehen sich die beiden Frauen immer stärker aufeinander und eine Aussenwelt hat kaum mehr Platz. Die gegenseitige Verstrickung von Mutter und Tochter ist geprägt von Momenten rührender gegenseitiger Fürsorglichkeit, aber auch vom Eigensinn und der Starrköpfigkeit der Mutter, die es der Tochter manchmal schwer machen, sich adäquat und effizient um sie zu kümmern und in ihr das Gefühl aufkommen lassen, nicht zu genügen.

Die Tochter macht Notizen, einerseits, um den Prozess des Sterbens zu dokumentieren und zu überwachen, andererseits ist das Papier in dieser Zeit neben der Mutter fast das einzige Gegenüber, und das Schreiben für sie offensichtlich der beste Umgang mit der Situation.

Das Zurück zur Mutter ist für die Tochter auch ein Zurück in die österreichische Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist und ein Zurück in ihre Kindheit. Viele Erinnerungen kommen hoch, an den Ort und an Menschen, hauptsächlich aber an Momente, die sie mit der Mutter, dem Vater und den beiden Brüdern, von denen der ältere mit 18 Jahren gestorben ist, teilte. Viele dieser erinnerten Momente markieren Krisen und Übergänge, andere geben der Tochter aber auch ein Gefühl von Geborgenheit. Alle schwierigen Themen zwischen Mutter und Tochter kommen noch einmal zur Sprache, die Alkoholexzesse des Vaters, der als Soldat der Wehrmacht im Krieg war und von dem sich die Mutter mit 60 Jahren schliesslich scheiden liess, der frühe Tod des Bruders, die psychisch kranke Grossmutter, die von den Nazis ermordet wurde und das schwierigste von allen: die Abtreibung, zu der die Mutter die Tochter nötigte, als diese mit siebzehn schwanger wurde und die Mutter ihren Schulabschluss und ihr Studium gefährdet sah.

In einem Stadium der Krankheit zum Tod kommt der evangelische Pfarrer zu Besuch und schenkt der Mutter ein Hinterglasbild mit einem Christus. Licht spielt eine wichtige Rolle in dieser dunklen Zeit. Wenn die Sonne scheint, wirft das Bild Lichtflecken auf Mutters Bettdecke. Nachts stellt die Tochter eine Kerze aufs Fensterbrett. Als die Mutter den Tod akzeptiert und ihren Nachlass geordnet hat, konzentriert sich ihr Denken und Sprechen zunehmend auf das Jenseits, auf das Leben nach dem Tod. Dies ist ein ambivalenter Vorgang: Mal reagiert sie darauf mit Humor, mal mit Angst und Unruhe.

Mit zunehmender körperlicher Hinfälligkeit wird die Mutter immer ruhiger. Die Pflege wird aufwändiger, anstrengender, intimer, und manchmal kostet sie die Tochter Überwindung. Die Mutter lässt schliesslich doch noch zu, dass eine Pflegerin regelmässig vorbeikommt, um der Tochter zu helfen. Als Ärztin fallen der Tochter die kleinsten körperlichen Veränderungen auf und sie weiss um ihre Bedeutung im allmählichen Herunterfahren der Lebensprozesse. Breznik beschreibt diese Veränderungen und Vorgänge mit grosser Genauigkeit und Sachlichkeit, aber nie losgelöst davon, wie sich die Erzählerin als Tochter gleichzeitig Sorgen macht und als Pflegerin abwägt, welche Massnahmen der Sterbenden Linderung verschaffen und welche sie nur unnötig belasten würden.

Kurz vor dem Sterben hat die Tochter den Lebenslauf der Mutter fertig geschrieben. Was danach kommt, sind Rituale: Leise gregorianische Weihnachtschoräle aus dem CD-Spieler, das Christusbild im Fenster, Weihrauchharz, ein Stillleben mit Hummer und Früchten als letztes Kalenderbild. Proviant auf ihrem Weg in den Tod, denkt die Tochter und prostet der Mutter mit einem Glas voll «funkelndem, lichterfülltem Wein» zu, «auf dein Leben, Mama». Sie hält so die perfekte Balance und Verbindung zwischen Tod und Leben und wendet sich ab vom Tod und dem Leben zu.

Als Gattungsbezeichnung wählt Breznik «Chronik» für ihr Buch und lässt so offen, wie stark autobiografisch sein Inhalt ist. Der Fokus des Textes liegt auf den genauen Beobachtungen der körperlichen Ereignisse und der Empfindungen und Gefühle. Wer selber schon einmal das Erlöschen eines alten Lebens aus der Nähe miterlebt hat, wird jenseits von spezifischen, eventuell autobiografischen Details viel Universales wiedererkennen.

Presseschau

Melitta Brezniks Buch Mutter. hält auf dem Cover eine kleine Überraschung bereit. Der abschliessende Punkt gehört mit zum Titel dazu, er signalisiert das Ende, das den Prozess des Sterbens endgültig macht. Die Erzählerin, hinter der unschwer die Autorin zu erahnen ist, kehrt in die alte Heimat zurück, um der Mutter in den letzten Wochen beizustehen. Es ist ein Beisammensein, das gleichermassen quälend wie beglückend ist. Die Pflege – Mutter will niemand Fremden im Haus dulden – überfordert die Erzählerin zuweilen, doch immer wieder spinnen sich beide in einen Kokon der vertraulichen Erinnerung ein, der auch unangenehme Fragen nicht ausspart.
Brezniks protokollierender Bericht ist ganz auf die Mutter ausgerichtet. Fast jedes der 40 Kapitel setzt mit dem Wort Mutter ein –
bis es zuletzt, als die Autorin morgens um halb vier aufwacht, heisst: «Mutter ist fortgereist für immer.» Distanz zu diesem intimen Geschehen schafft die Autorin dadurch, dass seither einige Jahre verstrichen sind.
Ralf Schlatter und Patricia Büttiker verfolgen ein anderes Konzept. In ihren Büchern bildet die sterbende Mutter das stumme Zentrum einer Auseinandersetzung mit sich selbst als Sohn oder als Tochter, wobei die Namen kenntlich machen, dass es sich bei den Protagonisten um literarische Figuren handelt.

(Beat Mazenauer in «Abschied von der Portalfigur. Mutter von Melinda Breznik, Nacht ohne Ufer von Patricia Büttiker und Muttertag von Ralf Schlatter», Fokus in www.viceversaliteratur.ch, 26.10.2020)