Sturz
Aus der Höhe des Bündner Bergdorfs abgestürzt in die Stadt im Tal, wo eine fremde Sprache gesprochen wird und Sitten herrschen, denen der Bub vom Land hilflos begegnet, beginnt für ihn eine Zeit des Leidens. Als er endlich auf die Füße kommt, gelingen ihm Entdeckungen und er startet zu neuen berauschenden Flügen – ins Reich der Literatur, ins Reich der Musik. Eines Tages, viele Jahre später, im Gepäck das Material für ein Filmprojekt, findet er sich im Flughafen der Großstadt ein, um über die Alpen zu fliegen, in den Süden, ins Offene, in die Wärme – oder ist es Flucht? Viel Zeit vergeht an jenem Tag, bis die Kontrollen durchlaufen sind und das Flugzeug zum Einsteigen bereitsteht. Seine Gedanken schweifen zurück zu den Anfängen der Fliegerei: der »kleinen« rund um den Wohnzimmertisch und der »großen« vor hundert Jahren, als ein Traum wahr und in den Luftschlachten und Bombardements des Ersten Weltkriegs gleich darauf zum Albtraum wurde. Wie wird der Flug, der vor ihm liegt, verlaufen? Sturz ist ein musikalisch angelegtes und erfinderisch instrumentiertes, vielteiliges Epos mit einer Fülle unterschiedlicher Stoffe, in vielerlei Rhythmen, Tempi und Tonarten: Kindheit und Jugend eines Alpenbewohners in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie noch niemand sie zum Fliegen gebracht hat.
(Buchpräsentation Matthes & Seitz)
Reto Hännys Sturzflüge
Das gab es schon einmal in Literatur der Schweiz: Ein grosser Roman lässt seinem Autor keine Ruhe. Er nimmt ihn Jahre nach der Veröffentlichung wieder hervor und arbeitet ihn tiefgreifend um. Offensichtlich handelt es sich da um ein «Lebensbuch», nicht einfach um ein Werk unter anderen. In der Annahme, dass die neue Fassung die alte aus der Welt schaffe, behielt Gottfried Keller den alten Titel bei: Der grüne Heinrich. Weil aber auch die alte Fassung wieder nachgedruckt wurde, kursieren heute unter dem gleichen Titel zwei unterschiedliche Bücher. Reto Hänny beugt solcher Verwirrung vor. Der 1985 veröffentlichte Roman Flug, der bereits 2007 in einer «Neuen Fassung» erschien, trägt jetzt den Namen Sturz – Das dritte Buch vom Flug. Die autobiographisch grundierten Bildungsromane von Keller und Hänny verbindet nicht nur der Umstand der Neubearbeitung, sondern auch, dass sie von Heranwachsenden erzählen, die ausbrechen, die Erinnerungen an die Kindheit aber doch als ihren grössten Schatz mit sich tragen.
Was bringt einen Autor dazu, nochmals jahrelange Mühen auf ein Buch zu verwenden, welches das meiste, was drum herum publiziert wurde, überragte? Keller wollte sein Buch lesbarer machen und es auf den Stand neu gewonnener Einsichten – insbesondere politischer Art – bringen. Er gab ihm eine neue Architektur, änderte das Erzähldispositiv, kürzte erörternde Passagen und füllte den gewonnenen Platz mit burlesken Binnenerzählungen. Reto Hänny scheint anderes im Sinn zu haben. Ein punktueller Vergleich mit der Fassung von 2007 ergibt: Er schrieb nicht das Buch um, sondern dessen Abschnitte, einen um den andern. Alle sind sie noch da, in der gleichen Reihenfolge, identifizierbar durch die Anfangsworte. Im Innern werden sie umformuliert und meist kräftig erweitert, so dass sich der Umfang des Romans mehr als verdoppelt. Da und dort wird ein neuer Abschnitt eingeschoben. So lassen sich auch jene hinreissenden Seiten leicht wiederfinden, die sich dem Ohr und dem Gedächtnis des Rezensenten am tiefsten eingeprägt hatten. Sie erzählen vom Winter im Bergdorf:
oder wenn’s winters um die Gwetten heulte, Schneegestöber wie auf Brueghels Anbetung der Könige im Schnee das Haus einhüllte, Wirbel feiner Körnchen, die den Boden kaum berührten, wenn es für Momente aufwärts zu schneien schien, wirblige Wolken durch die Luft drehten, der Wind Schneefahnen von den Dachfirsten pfiff, vor die Haustüre niederwarf, auf Treppen und Wege, ins schwarze Wasser des Brunnes peitschte, Triebschnee die Türen zum Hühnerstalle pflästerte […]. (S. 66)
Der masslose Schneefall wird nicht einfach beschrieben, sondern sprachlich imitiert. So hat hier Hännys unverwechselbarer Stil mit seinen Synonymketten, den Adjektivhaufen, den Wiederholungen, den nicht enden wollenden Sätzen unmittelbare Plausibilität. Das gilt auch für ein weiteres Charakteristikum, die Abschweifungen, die hier die Gedanken spiegeln, in denen die Festgehaltenen sich aus dem weissen Gefängnis hinausphantasieren.
In der neuen Fassung werden diese stilistischen Besonderheiten noch radikalisiert. Die Beschreibungen werden noch detaillierter, die Abschweifungen noch exzessiver, die Satzperioden halten sich noch länger in der Luft, bevor sie bei einem Punkt oder einem Abschnittende für einen Augenblick zur Ruhe kommen. Zum Flug gehört bei Hänny der Absturz: Für die Leserin / den Leser erhöht sich die Gefahr des Absturzes, die Gefahr, den Faden zu verlieren und zurückblättern zu müssen. Das Tempo der Sprache verlangt paradoxerweise eine Entschleunigung der Lektüre. Der mündliche Vortrag – das weiss, wer Reto Hänny vorlesen hörte – dürfte die angemessenste Form sein, diese Literatur zu rezipieren.
Nein, grössere Leserbarkeit war nicht das Ziel der Überarbeitung, sie wäre für einen so kompromisslosen Autor wie Reto Hänny auch eine viel zu flaue Kategorie. Schon eher ging es um das Ausleben der Lust, Literatur aus Literatur neu entstehen zu lassen. Sein letztes Buch, Blooms Schatten, hat Hänny Joyces Ulysses entlanggeschrieben, das neue einem eigenen Buch. Die immer neuen Improvisationen, die ein Jazz-Musiker in einem feststehenden Rahmen erfindet, oder die immer neuen Farbkombinationen, mit denen der Maler Josef Albers das stets gleiche Schema sich überlagernder Quadrate füllt, lassen uns vielleicht besser erahnen, was das Dritte Buch vom Flug hervorbrachte, als die alte Vorstellung des um den rechten Ausdruck ringenden Schriftstellers.
Vergleiche mit nichtsemantischen Künsten sind bei einem Sprachkunstwerk allerdings nur die halbe Wahrheit. Inhalte mischen mit. Das zeigt sich an den Titelwörtern ‚Flug‘ und ‚Sturz‘. Das dynamische Verhältnis, das sie verbindet, wird an einer Urszene vorgeführt. Der Bergbauernbub, der Protagonist des Romans, erhält von einem Grossonkel aus der Stadt einen Spielzeugpropeller. Begeistert umrundet er damit den Stubentisch – er kann fliegen! Vom Tumult entnervt, entreisst ihm der Grossonkel das Geschenk und zerbricht es. Der Vorgang wiederholt sich später immer wieder. Das Verlassen des Bergdorfs und der Wechsel an die Mittelschule in der Kantonshauptstadt – sie heisst bei Hänny «Ruch» – ist eine Befreiung. Sie bringt aber neue Abstürze, neue Verletzungen. Ob der Roman mit Flug oder mit Sturz betitelt ist, konditioniert die Lektüre in unterschiedlicher Weise. Zum neuen Titel passt das rabenschwarze Leinenkleid, in dem das schön gestaltete Buch nun auftritt, statt des postgelben der vorangegangenen Fassung. Trotz gesteigerter Artistik kommen Dankbarkeit und Groll unmittelbarer zu Wort und verraten noch deutlicher, dass auch aus persönlicher Betroffenheit heraus erzählt wird. Das zeigt sich besonders an den breiter ausgeführten Porträts der Flughelfer (der geschichtenerzählende Grossvater und die wenigen Lichtgestalten unter den Lehrern) und der Widersacher (der Grossonkel, schwarze Pädagogen und Rucher Honoratioren).
Tendenzen der Überarbeitung lassen sich an einem der wenigen kurzen Abschnitte aufzeigen. Er stammt aus einer Liste von Toten, denen im Bergdorf nachgetrauert wird. In Flug. Neue Fassung ist da zu lesen.
oder dem jungen Burschen, dem einzigen Sohn der Familie, der, im Militärdienst am Umbrail oben beim Saumen in einen Schneerutsch geraten, vom Maultier mit in die Tiefe gerissen wurde, als Rekrut das erste Mal so richtig vom Hof weggekommen, ins Offene (Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, S. 54)
Daraus wird in Sturz:
oder dem jungen Burschen, dem einzigen Sohn der Familie, der, als er, kaum im Offenen, als Train-Rekrut zum ersten Mal so richtig vom Hof weggekommen, während der Verlegung beim Saumen am Umbrail in ein Schneebrett geraten, das ein paar auf Skiern dem Zug vorausgestiegene Offiziere ausgelöst hatten, sein Maultier, welches, eine Mitrailleuse gebastet und zwei zu schwere Munitionskisten an den Seiten, durch den dumpfen Knall der losbrechenden weißen Massen erschreckt über den Pfad ins Leere sprang und sich, ohne dass es zu halten war, überschlug, mit in die Tiefe gerissen (S. 92)
Im Wechsel von Aufbrüchen und Abstürzen gibt es für den horizontalen Gang auf ebener Erde und in gemässigter Bodenhaftung keinen Platz. Das zeigt, wie weit sich dieser Bildungsroman von seinen Vorläufern entfernt hat. Er führt auch nicht in linearer und chronologischer Weise aus dem Bergdorf hinaus in die weite Welt, sondern kehrt immer wieder zurück; musikalische Strukturmodelle wie das Rondo sind für dieses Buch mindestens so wichtig wie literarische.
Wie bei Kellers Grünem Heinrich werden sich Fraktionen bilden, die der einen oder der anderen Fassung von Hännys grossem Roman den Vorzug geben und sich darüber in die Haare geraten. An der Version von 2006 könnte man die kantigere Architektur rühmen, den spannungsvolleren Wechsel zwischen ausströmenden und verknappten Passagen und von da her der Überarbeitung vorwerfen, sie sei aus der Form geraten. Die Sturz-Fraktion dagegen kann auf grossartige neue Passagen hinweisen, etwa die anrührende Schilderung vom Tod des Grossvaters. Oder die stark erweiterten Gustav-Mahler-Passagen, dessen Symphonik der Roman vielleicht deshalb nacheifert, weil dem Gymnasiast darin nicht nur etwas überwältigend Neues entgegentrat, sondern er auch die Töne seiner Kindheit wiederfand.
Die Hauptsache ist, dass Reto Hännys Buch vom Flug wieder greifbar ist, so dass eine junge Leserinnen- und Lesergeneration es neu- und eine ältere wiederentdecken kann.
Ca. 2035 wäre dann die vierte Fassung fällig.