Bezüglich der Schatten

Wir folgen einem Fuchs durch die Dämmerung der Welt. Wir hängen im Fels. Der Haken, der uns hält, ist rostig rot. Ein Mammut schließt die Augen, die Käfigtür steht offen und die Engel haben Angst. «Sie fliegen / und fallen, fliegen / und fallen, / prallen / unausweichlich / immer wieder / auf das Eis.» Levin Westermanns Gedichte befragen die Trauer, sie bewegen sich durch Räume, in denen Meere steigen und Küsten verschwinden, die Erinnerung verschwimmt. «Ich habe / keinen Namen, habe keine Stimme, habe nur zu tun, / was man mir sagt.» Ein Sarkophag senkt sich auf das Haus des Admetos und wer trägt jetzt die Schuld? Denn auf den Verlust folgt immer: die Schuld. Was hätte sein können? Und was kam vor dem Fall? «du legst die hände / flach auf den tisch. / du sitzt / ganz still und langsam / wird es hell.»

(Präsentation des Lyrikbandes, Matthes & Seitz)

Kalte Winternächte, unheilige Engel

von Beat Mazenauer
Publiziert am 16.02.2020

Bezüglich der schatten von Levin Westermann und Dekarnation von Eva Maria Leuenberger gehören zu den aufregendsten neuen Gedichtbänden. Mit lyrischen Mitteln beschwören sie gleichermassen elementare wie mythische Kräfte und Landschaften herauf, in denen sich die Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit, Sein und Vergehen bewegen. Sie sind kleine, verletzliche Wesen in einem grösseren naturhaften, ja kosmischen Zusammenhang, dem sie nicht Herr werden. Zwei Gemeinsamkeiten fallen auf: Zum einen arbeiten Levin Westermann wie Eva Maria Leuenberger intensiv mit intertextuellen Anleihen und Verbindungen zu moderner, allem voran englischsprachiger Lyrik, etwa von Anne Carson. Zitate im Original fügen sich bruchlos in ihre Gedichte ein und erweitern deren Resonanzraum. Zum anderen legen sie eine narrative Struktur aus, die ihre Gedichte in einem poetischen Parlando aufhebt.

[...]

Der äusseren Form nach gebändigter gibt sich bezüglich der schatten, die Gedichte von Levin Westermann. Mal sind es kurze Zeilen von meist zwei- bis fünfsilbigen Versen, mal Strophen mit drei Langzeilen, in die er seine poetische Erzählung einbettet. Einzig am Ende des langen ersten Kapitels löst er das Gedicht am Ende visuell auf: «Blow!!»

Der vierzeilige Titel dieses rund 80 Seiten langen Gedichts demonstriert auf Anhieb das ihm inliegende Temperament:

Das fehlende Herz, der tote

Fuchs, der Wind in den Bäumen,

Licht, das bricht, auf einem See

und Ohnmacht, Schwerkraft, Reh

Levin Westermann brilliert hier und übers Ganze hinweg mit einer rhythmisch ausgefeilten Sprache. Zeilensprünge und dynamische Aufzählungen schlagen einen Takt an, der durch überraschende (Binnen-)Reime und eine wendige Vokalstruktur akzentuiert wird – mal beschleunigend, mal verlangsamend. Das liest sich im Effekt ausgesprochen beweglich und flüssig und behauptet dennoch jederzeit eine absolut zwingende Form. Auch wenn er in seiner Lyrik mehr Geschlossenheit beweist als Eva Maria Leuenberger, operiert Levin Westermann raffiniert mit Zeichen und Ahnungen, die er mit sparsam gesetzten Worten präzis im Text verankert. Auch hier walten elementare Kräfte: Kälte, Wind und Wetter – davon gebeutelt tauchen Menschen auf, ein Wladislaw zum Beispiel als Teil eines «wir», das aufbricht, flieht, jeder «für sich allein / verschwindet / in sich selbst –».
Die Situation steht auf des Messers Schneide:

Das Schlimmste

ist vorüber. Das Schlimmste

steht noch aus –

Dieses Kippmoment äussert sich im Hereinbrechen von etwas Dunklem, nicht Erklärbarem. Gleich anfangs heisst es: «Über Nacht / haben sie den Wald / mit Wald ersetzt ...». So ist der Wald ein anderer Wald, und die Engel sind nicht länger Lichtgestalten, sondern Unheilsboten, die verzweifelt im Eis festfrieren. «Sie fliegen und fallen, fliegen und fallen». In dieser ambivalenten Stimmung erhält die um sich greifende Angst keine klaren Konturen. Einzig Wladislaw wehrt sich, er schreibt auf, was er sieht. Vielleicht deshalb wird er Teil einer morgendlichen Auflösung, die das «über Nacht» aus der ersten Zeile mit einem frischen Moka Crème aus der Bialetti-Maschine vertreibt, in Anwesenheit Gottes.

So rätselhaft die lyrische Erzählung voll kühler, düsterer Einsamkeit und irritierender Verwandlungen anmutet, so eindrücklich verrät sie Genauigkeit und Sicherheit in den poetischen Setzungen. Sie sind ein Markenzeichen dieser Gedichte. Die Stimmung bleibt ebenso unaufgelöst wie unerlöst. Sie ist einer «zerrüttung» verhaftet, wie es in der Überschrift des letzten Gedichts heisst. Dazwischen nimmt ein formal kompaktes Gedicht («scapula») Elemente des ersten Teils auf und variiert sie. Das «fall slower» von vorher bleibt auch hier unerfüllbar, so wie die Wundmale an den Schulterblättern den Menschen vergeblich an seine verlorene (oder gefallene) Engelhaftigkeit erinnern.

Das dritte der vier Gedichte bringt schliesslich einen nochmals neuen Ton hervor. In Anlehnung an eine klassische Diktion, konkret an Euripides' Alkestis-Drama, umkreist Levin Westermann das Thema der Trauer. Roland Barthes und Anne Carson treten darin persönlich auf – bis sich ein Sarkophag à la Tschernobyl über das Haus des Admetos stülpt.

An einer Veranstaltung hat der Dichter Thilo Krause auf die Frage, was ein Gedicht sei, geantwortet: Ein Gedicht ist ein Text, der nicht erzählbar ist, keine Zusammenfassung erlaubt. Diese Definition lässt sich trefflich auf diese beiden Bände anwenden, wobei der Dreh darin besteht, dass die Gedichte von Eva Maria Leuenberger und Levin Westermann nicht zu erzählen sind, obwohl (oder gerade weil) sie erzählen. Das ist hinreissende Dichtung und mit höchstem Vergnügen zu lesen.

Aus: «Meer Moor Wetter Winterkälte. Zwei neue Gedichtbände von Eva Maria Leuenberger und Levin Westermann». Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 02.03. 2020