Blindes Gras Das lyrische Werk
«Als mein Vater die Maus von der ihm zugewiesenen Liege geschubst hatte, kletterte der Zwerg von der Bodenwaage und hob warnend die Hand.»
Bruno Steigers Lyrik ist anspruchsvoll und heiter, überraschend und treffend. Sie knüpft an unsere Erfahrungen an und überhöht sie zu Minidramen, poetischen Grotesken oder aphoristischen Sinngedichten. Selbst das traditionelle Rüstzeug von Strophe, Rhythmus, Reim und Wortspiel weiß er so zu handhaben, dass Unerhörtes entsteht.
(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)
Rezension
«Die Poesie schenkt uns das Vergnügen, nicht verstehen zu müssen. Das Verstehen selbst ist verzaubert, verschiebt sich auf später.» Dieses Zitat findet sich im Band Klebebilder des französischen Autors Georges Perros. Das Zitat könnte auch die Gedichte im Blick haben, die von Bruno Steiger unter dem Titel Blindes Gras erschienen sind. Steiger versteht sich wie kaum einer auf diese Verzauberung des Verstehens. Sein Werk umfasste bisher (experimentelle) Erzählwerke, Aufzeichnungen und Essays, nun gesellt sich ein «lyrisches Werk» hinzu, wie es im Untertitel heisst. Es beginnt mit einem Zyklus «Was bisher geschah». Schon die erste Überschrift gibt einen Eindruck von Steigers Vorliebe für paradoxale Verklammerungen.
«Ja aufgepasst! Das ist das Losungswort», heisst es zutreffend im titelgebenden Zyklus. Aufgepasst auf das Dazwischen der Worte und der Zeilen, auf die «Logik der Entzwischenheit», worin gleichsam bewahrt ist, «was wir nicht sind». Auf den «Zweiten Blick», so ein Gedichttitel, zeigt sich: «Die Mauer war weg, die Schrift / über der Lichtung eingekerbt / in die älteste Regenwolke der Welt». Das schwer Vorstellbare erweist sich als Offenbarung des Wunderlichen, welches die Imagination stärker anregt als eine blosse Mauerinschrift.
Bruno Steiger gibt keine Hinweise darauf, in welchen Zeiträumen die Gedichte entstanden sind. So oder so erinnert das lyrische Werk unweigerlich an seine experimentelle Prosa der 1980er Jahre, beispielsweise an Der Panamakanal und der Panamakanal (1983). Es schliesst aber auch an die Aufzeichnungen, Notizen und Essays der letzten zehn Jahre an, die in den Bänden Das Fenster in der Luft (2008), Zwischen Unorten (2009), Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl (2012) oder Späte Notizen (2016) erschienen sind. In ihnen legt Steiger Grundzüge für eine Poetik des Nicht-Verstehens dar, die auch das lyrische Werk poetologisch grundieren. In Späte Notizen finden sich Sätze wie:
«Die Marotte, alles Wahrgenommene sogleich in eine Art Rückenwind zu verwandeln. Unproduktiv!»
«Kunst. Sie legt im wesentlich Überflüssigen das unwesentlich Überflüssige frei».
«Verstehen. Wer es nicht aushält, sollte es lassen».
Vor allem letzteres bezeugt Steigers Vorliebe für das Absurde ebenso wie für die schöne Formulierung. Tatsächlich klingen viele seiner Bilder und Wortverknüpfungen schräg und unwirklich, zugleich muten sie absolut schlüssig an. Dahinter mag sich aleatorischer Spass, eine verdrängte Traumlogik, ein Spiel mit der Paradoxie des Wirklichen verbergen. Alles ist möglich.
Als mein Vater die Maus von der ihm zugewiesenen Liege geschubst hatte, kletterte der Zwerg von der Bodenwaage und hob warnend die Hand.
Damit konnten wir, sagten wir zum diensttuenden Oberarzt, nicht rechnen, wer rechnet schon mit so etwas.
Bruno Steiger betreibt eine (nach eigenen dichterischen Worten) «grundlegende Transformation all dessen, was / gemeinhin Beweisaufnahme genannt wird». Seine Gedichte sind eine komplexe Angelegenheit, sie bieten ein vertracktes Vergnügen – aber ein Vergnügen! Das ist vielleicht das überraschendste Charakteristikum dieses Bandes: Aller Schwierigkeiten, ja gänzlichen Unverstehbarkeiten zum Trotz machen diese Gedichte Laune, sie zu lesen, sich ihnen auszusetzen. Immer klingt und schwingt ein heiterer Humor mit, in dem das Unverständliche aufgehoben ist.
Was bleibt uns davon? «Uns bleibt das Nichts, das fehlt.» Das ist auch schon alles.
Aus: «Vom Vergnügen, nicht verstehen zu müssen. Neue Lyrik aus der Schweiz». Ein Fokus von Beat Mazenauer (26.5.2020).