Schlachthof und Ordnung Roman
Ein revolutionärer Wirkstoff erobert den europäischen Markt: Marazepam, Markenname Marom. Offiziell ein Angstlöser, in Wirklichkeit ein hochintelligentes Psychopharmakon. Die Lösung für alles, gegen alles. Endgültige, allmächtige, Glück verheißende Arznei.
Von der als Prostituierte getarnten Anhängerin einer feministischen Terrorgruppe bis hin zu den erfolgsgierigen Managern multinationaler Konzerne, alle sind der Glücksdroge verfallen.
Mittendrin Joachim A. Gerke, ein Sozialhilfeempfänger mit literarischen Ambitionen - und einem Problem hinsichtlich der täglichen Zufuhr des Medikaments, das ihm sein Hausarzt plötzlich verweigert. Ein Medikament, das inzwischen eine Gesellschaft steuert, die beunruhigend genau nach der unseren klingt. Eine Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs.
(Buchpräsentation Weissbooks)
Rezension
Das Zerstörende kommt in Höhtkers 400-seitigem Roman Schlachthof und Ordnung aus der Mitte Deutschlands: In einer fiktiven nordhessischen Kleinstadt befindet sich die Niederlassung des US-amerikanischen Unternehmens Winston Pharmaceutics and Medical Care, das seit 2015 ein Psychopharmakon namens Marom produziert und in Europa vertreibt. Der Roman spielt in der nahen Zukunft, in den Jahren 2022 und 2023, und bereits sind Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten abhängig von diesem neuartigen Benzodiazepin. Ursprünglich zur Angstlösung und Entspannung sowie als schlafförderndes Mittel eingesetzt, zeigten sich bald weitere Wirkungen: Marom-Konsumenten berichten von Euphorieschüben, von lang anhaltenden Phasen absoluten Wohlgefühls mit milden Halluzinationen. Konsumenten haben das Gefühl, durch Marom alles das zu bekommen, was sie sich wünschen und was der Alltag so schmerzlich vermissen lässt. Bei 25% der Konsumenten erhöht Marom auch die Sensibilität gegenüber politischen und gesellschaftlichen Fragen sowie die Bereitschaft, aktiv und mit Gewalt in die politischen Prozesse einzugreifen. Zudem kann es bei gleichzeitigem Konsum von Alkohol, Opiaten und anderen Substanzen zu Aussetzern und Bewusstseinstrübungen kommen. Ein zusätzliches Merkmal der süchtigmachenden Tabletten ist, dass es praktisch unmöglich ist, von ihnen wegzukommen. Bereits die kleinste Andeutung auf einen Verlust oder Entzug von Marom wird von den Abhängigen als schrecklich empfunden, und ein wirklicher Entzug geht einher mit dem psychischen und physischen Zerfall des Abhängigen.
Der Pariser Journalist Marc Toirsier versucht den Entzug trotzdem. Zu diesem Zweck mietet er das Strandhaus von Patrick Esnèr, der im mittleren Management des zweitgrössten Schlachthofs Frankreichs tätig ist und dessen Frau Caroline. Zurückgezogen und auf sich selbst gestellt, will Toirsier seine Erfahrungen während des Entzugs in Tagebuchform festhalten. Patrick Esnèr ist ebenfalls abhängig von Marom. Er braucht die Abstumpfung, um die Grausamkeit des Tiere-Schlachtens, die in krassem Gegensatz steht zum sauberen Image und den Rechtfertigungsversuchen seines Arbeitgebers, auszuhalten. Marom bringt ihn auch dazu, abends und an Wochenenden im Tötungsbereich des Schlachthofs mit langen Messern Schweine und Rinder aufs Grausamste zu quälen.
Die Galerie an Figuren ist so umfangreich, dass zu Beginn des Romans ein Personenregister aufgeführt ist, mit dem Zusatz «eine Auswahl» und unterteilt in drei verschiedene «Realitätslevel». Die meisten Personen werden zwar ausführlich eingeführt und auf ihren Wegen mehr oder weniger weit begleitet, doch sie sind nur lose miteinander verbunden. Die Ereignisse verästeln sich und verlaufen sich in Zufälligkeiten.
Bei aller Beliebtheit der neuen Droge gibt es auch Gegner und Warner, doch diese bleiben Randerscheinungen. Ein Mediziner etwa, der in einer Fachzeitschrift an seine Kollegen appelliert, die «teuflische» Droge nicht länger zu verschreiben, oder eine einzelne kritische Stimme in einem Internet-Forum für Abhängige.
Mit ihrer Kritik gröber zur Sache geht Dilek Karasu, Mitglied der terroristischen Hochschulgruppe «Gesellschaft Rationaler Frauen», kurz GRF. Sie will einen Selbstmordanschlag auf die deutsche Zentrale von Winston Pharmaceutics verüben, der nicht nur die Zentrale und das Management zerstören soll, sondern auch die Vorräte an Marom, was, so spekuliert sie, bei den Süchtigen zu einem sofortigen kalten Entzug und damit zu Aufständen und Pogromen führen würde. Dies will die GRF befördern um zu beweisen, dass alles sinnlos ist.
Karasu will Thorsten Kray dazu überreden, beim Anschlag mitzumachen. Er ist Mitglied einer anderen terroristischen Kleingruppe namens A.N.N.E. Das Akronym steht für Aktive Neo-Nazi-Entfernung oder Advanced Neo-Nazi Extermination. Die Mitglieder seiner Gruppe gehen in bekannten Neo-Nazi-Treffs in ostdeutschen Kleinstädten auf Menschenjagd – unter Marom-Einfluss, resp. nach kurzzeitigem Marom-Verzicht, der politisierte Konsumenten besonders gewaltbereit macht. Kray ist zwar sexuell interessiert an der GRF-Frau, doch anstatt wie sie Sprengstoffkapseln zu schlucken, die durch Magensäure aktiviert werden, erschiesst er Karasu, als sie sich bereits in die Zentrale von Winston Pharmaceutics eingeschleust haben. Seiner Meinung nach sind Selbstmordattentate etwas für Irrationalisten. Er glaubt an keine höhere Macht und an keine Weiterexistenz nach dem Tod und will für den verbleibenden Teil seines Lebens nicht auf sein Marom verzichten.
Was im Verlauf des Romans bei aller Überfülle und Unübersichtlichkeit der Personen entsteht, ist das Panorama einer Gesellschaft unter dem Einfluss einer vorübergehend glücklich machenden, aber letztlich zerstörerischen Droge. Die Charaktere sind Typen, die trotz einiger Detailbeschreibungen – bei den Frauen in der Regel ihr Aussehen, bei den Männern ihre Vorlieben für bestimmte Automarken oder Kleiderlabels – keine Individualität gewinnen. Ausser Marom sind die Antriebskräfte in dieser Gesellschaft der sexuelle Appetit und die Karrieregeilheit. Trotz bewusstseinsverändernden Drogen sind die Charaktere ungewöhnlich rational und wortgewandt, wenn es darum geht, sich selber und die Zustände um sich herum zu analysieren. Ihre Haltung ist, soweit wir als Leser das mitbekommen, immer eine distanzierte und der Humor ein ironisch- sarkastischer. Keiner der vielen Morde, die geschehen, berührt einen als Leserin - überhaupt, Empathie ist nicht angesagt in dieser düster-überdrehten Darstellung unserer nahen Zukunft. Höhtker brilliert mit bösartigen Formulierungen wie «Deutschland, die von mürrischen Rentnermassen, gleichmütigen ost- und südosteuropäischen Pflegeheeren sowie irgendwelchen anderen exotischen Völkerschaften bewohnte Mitte des Kontinents, verlangte zweifellos nach einem neuen, aggressiven Anbieter im Gesundheitswesen», weitere literarische Qualitäten gehen seiner Sprache aber ab.
Schlachthof und Ordnung erteilt dem Versuch, mittels chemischer Substanzen eine endgültige Optimierung des menschlichen Lebens zu erreichen, eine klare Absage. Mit mindestens einem Auge schielt der Roman dabei auf die Opioid-Epidemie in den USA, eine Verheissung, die sich bereits in einen Albtraum verwandelt hat.