Mir nähs wies chunnt
Gedichte aus 50 Jahren

Mir nähs wies chunnt versammelt Gedichte, die Ernst Burren in den letzten fünfzig Jahren geschrieben hat – die Auswahl reicht von seinem legendären Erstling Derfür und derwider aus dem Jahr 1970 bis zu unveröffentlichten Gedichten aus der jüngsten Gegenwart. Es sind, wie immer bei Ernst Burren, Texte in seiner Solothurner Mundart, dem Leberberger Dialekt, der am Fuss des Weissensteins gesprochen wird. Und wie immer überraschen seine Gedichte durch die Lust am Wortspiel und die Freude an der kleinen Subversion.
In den unterschiedlichsten Stimmen, die der Autor einfängt, in Monologen und Dialogen oder der kleinen Notiz, stets bleibt der «Burren-Sound» unverkennbar. Ernst Burren hört und sieht sehr genau hin, mit einem untrüglichen Gespür dafür, wie eng Denken und Sprechen zusammenhängen. Seine Gedichte gehen meist von scheinbar harmlosen, fast schon beiläufigen Situationen aus – und sind zugleich durchlässig auf eine Wirklichkeit, die geprägt ist von der Brisanz des Alltäglichen und den Abgründen des Gewöhnlichen.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Rezension

von Beat Mazenauer
Publiziert am 07.04.2020

Ein literarisches Naturtalent ist auch Ernst Burren, wenngleich weniger im performativen Modus. Unbeirrt schreibt er seit Jahrzehnten seinen eigenen Stil fort, den er sich vor vielen Jahren angeeignet hat, und macht dabei kaum Unterschiede zwischen Prosa, Drama und Lyrik. Die drei Gattungen verschwinden unter seiner Hand – und bleiben doch wundersam erhalten, alle drei. Ihnen gemeinsam ist die eigenwillige Zeilensetzung in schmalen Spalten und oft überraschenden Zeilenumbrüchen mitten in Sätzen, die ohnehin ohne Interpunktion auskommen. Der Dialekt der Solothurner Region Oberdorf / Langenberg, woher Burren stammt und heute noch wohnt, verleiht mit seinen weichen Konsonanten und den langen offenen o- und ä-Lauten dem Text die typische sprachliche Färbung. Wenn nun unter dem Titel mir nähs wies chunnt ein Band mit Gedichten aus 50 Jahren erscheint, so beschreibt der Untertitel eher eine Annäherung an das Genre, ohne eine klare formale Trennung zu seinen Geschichten. Die Grenzen bleiben fliessend.

In einem Gespräch mit Martin Zingg erinnert sich Burren, wie er in den 1960er Jahren in Bern einer Lesung von Kurt Marti und Ernst Eggimann beiwohnte, die ihn so sehr beeindruckte, dass er sich selbst ans Dichten machte. Aus einer späteren zufälligen Begegnung mit Eggimann im Restaurant seiner Eltern resultierte ein erster Gedichtband, in dem der Einfluss der beiden Vorbilder gut spürbar ist. Beispielsweise in einer Sprachpirouette wie dieser:

Lue wo steisch

und wo geisch

süssch weisch

wenn gheisch

nid wo ligsch

Burren nutzt den weichen Dialekt für seine Spiele mit kleinsten Verschiebungen, die sowohl die Lautung wie den Sinn betrifft:

was hei ächt

de die

wo sech meh

chöi leischte

aus die meischte

gleischtet

Hinzu kommt ein zweites Element, das ihn von Marti und Eggimann auch abhebt. Burren ist ein im Ton naiver, unterschwellig listiger Sänger des kleinbürgerlichen «gäng wie gäng» und «s chunnt wies chunnt». Ordnungsliebe und Pragmatismus finden in seinen Gedichten (wie in seinen Geschichten) eine Form, die der Schweiz zum Spiegel der Kenntlichkeit gereicht. Da bekommen die Hausfrau und der Prokurist eine Stimme, um das tägliche Einerlei zu bestehen; oder der Lehrer, der die Ordnung im Klassenzimmer schätzt. Ein Aufbegehren erschöpft sich darin, dass die Frau, die auf den Ehemann wartet, sich am Kiosk zwei Tafeln Schokolade kauft, denn sie ist «nid nume dr tscholi». Ernst Burren findet für diesen Geist der Rechtschaffenheit mitunter sagenhaft treffende Verse.

Je näher die chronologisch geordneten Gedichte sich der Gegenwart annähern, umso erzählerischer werden sie. Aus den Sprachpirouetten wachsen kleine Geschichten heraus, die sich immer eindringlicher um das Thema Vergänglichkeit drehen. Eine melancholische, manchmal auch bittere Note schleicht sich ein. Wenn früher einst, bei der Hochzeit, das Gefühl vorherrschte, nichts habe ein Ende, so sagt die Frau am Schluss «mir si am ändi» und er denkt sich dazu: «ändlich».

Was Geschichte und was Gedicht sei, sagt Burren im erwähnten Gespräch, «das hat viel mit der Länge zu tun». Beiden Spielarten ist jedoch gemeinsam, dass sie mit Lücken und Auslassungen arbeiten. Burren ist kein Erzähler, der alles ausplaudert, sondern vieles nur anklingen lässt. Das darf gerne als lyrisches Element auch in seinen Geschichten angesehen werden. Der Autor ist zuständig für die kleine Utopie. Doch was, wenn sie damals, als sie junge Lehrer waren, die eingespielte Erfahrung mutig und kühn hinter sich gelassen hätten? Dies wünscht er heute seinen Kollegen. Er tut es aber nur unterschwellig, zwischen den Zeilen. Auch wo er eine kleine moralische Fährte auslegt, bleibt Ernst Burren zurückhaltend. Seine Maximen sind stets gewürzt mit einer Gewitztheit, die er sprachlich zum Klingen bringt.

Aus: «Vom Vergnügen, nicht verstehen zu müssen. Neue Lyrik aus der Schweiz». Ein Fokus von Beat Mazenauer, 26.5.2020